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Nr. 10 / 2009: Theateraufführungen kritisch gesehen

Theateraufführungen kritisch gesehen

Hans-Wolfgang Nickel

Eingeschlossen im Packeis wartet eine Schiffsbesatzung in ihrer »Schutzhütte« auf Frühling und Sonne, kämpft gegen Kälte und Eisbären und muss sich mühsam die Zeit vertreiben – keine sehr dramatische Situation, die mit Bühnenspäßen eher notdürftig gefüllt wird. Die grotesk-tumben Burschen, unter dicken Decken und Fellmützen versteckt, brauchen lange Zeit, um festzustellen, dass auch eine Frau mit »an Bord« ist; dann erst findet das Stück (s)ein Thema (Mann-Frau, Zärtlichkeit. 
Kuss) – ein (zu) langer Umweg, der erst gegen Ende zu berührenden Szenen führt (Parkaue, ab 8).

Das Prime Time Theater ist erneut umgezogen, nur einige Häuser weiter in ein größeres Haus, behält aber weiterhin die Prime-Theater-spezifische direkte Kommunikation zwischen Bühne und Publikum. Was sich als Gefahr abzuzeichnen schien (ein Überhandnehmen von Einspielungen), wird jetzt (mit erweiterter Technik) sehr geschickt zur Bereicherung genutzt. Unverändert die Qualitäten: direktes, publikumsbezogenes Spiel, Alltagsprobleme und Gegenwartstypen auf der Bühne, mit Tempo und Drastik locker verpackt, ein großer, nicht nur oberflächlicher Spaß. Besonders zu empfehlen für Theatergruppen, die an theatraler Wirkung interessiert sind und beobachten wollen, wie so etwas »gemacht« wird.

Das Tegeler Gefangenentheater hat für Heiner Müllers »Wolokolamsker Chaussee« einen neuen Spielort erschlossen: das deutsch-russische Museum in Karlshorst. Müllers Text mit seinen Bezügen zur Berliner (und deutschen) Geschichte ist im Museumspark präzise platziert; er wird mit einem großen Ensemble szenisch-optisch kraftvoll und überzeugend realisiert. Inhaltlich ist der weit ausholende, von 1918 bis in die Gegenwart führende Stoff in der (über)-pointierten, in sich unschlüssigen Heiner-Müller-Diktion nur schwer zu »verstehen« – ich hätte mir weniger Scheu vor dem berühmten Autor und mehr gruppeneigene Texte gewünscht! – Auf jeden Fall aber: Die Tegeler Theaterarbeit gehört zu den bemerkenswertesten Realisationen dieser Stadt!

Die »Nibelungen« in der Schaubühne bleiben präzise an Hebbels Text; sie beginnen wie beiläufig als (bestechend klar pointierte) Konversation; nach wenigen Sätzen sind die Charaktere deutlich – ganz ohne Ausstattung und Kostümaufwand! Die zwischen Mythos und Realität angesiedelte Leidensgeschichte von Siegfried und Kriemhild, Brunhild und Gunther wird präzise aus dem »menschlichen Handeln« (Hebbel) entwickelt. Das ist, treu bei Hebbel bleibend, durchaus gegenwärtig; es eröffnet Ausblicke in mythische Vorzeiten, vermittelt also auch das »Nibelungenlied«, eine der großen deutschsprachigen Dichtungen; es problematisiert Heldenehre und »Frau«-sein; es zeigt Kriemhilds Rache schließlich noch als großes »Schau«spiel – also sehr zu empfehlen (ab 16 – wenn Gruppen dreieinhalb Stunden konzentriert zuhören und zuschauen können!).
 

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