Mein eigenwilliges Gedächtnis
Spannende Tage an der Humboldt-Universität
von Larissa Klinzing, Abteilung Wissenschaft
Gibt es eine Erinnerungskultur Ost und eine andere West? Ich weiß es nicht. Ich hoffe nur, dass mein eigenwilliges Gedächtnis immer noch ein Teil des sozialen Gedächtnisses der Gesellschaft des nicht mehr existierenden Sozialismus auf deutschem Boden ist, die vor zwanzig Jahren ihre höchst bewegte und bewegende Zeit erlebte. Diese Zeit zwischen dem Herbst 1989 und dem Spätsommer 1990 bescherte mir einen Reichtum an gesellschaftspolitischen Erfahrungen, von dem ich niemals träumte und der mir und vielen anderen nicht genommen werden kann.
Damals hatte ich das einmalige Glück, eine offene Geschichte miterleben und eine Zeit lang mitgestalten zu können. In der Euphorie einer unerwarteten sozialen Bewegung haben wir den »aufrechten Gang« gelernt und uns die Zuversicht angeeignet, dass auch das Unmögliche aus eigener Kraft möglich sein kann.
Das Wintersemester an der Humboldt-Universität (HU) begann 1989 mit heftigen Debatten über die Massenflucht der DDR-BürgerInnen in den Westen und über die überfälligen Reformen in der DDR nach dem »Perestrojka«-Vorbild der Sowjetunion. Das war an der Uni nicht neu, aber dieses Mal sprengten sie die internen Zirkel der einzelnen Seminare oder der akademischen Beratungen der Lehrenden. Am 17. September 1989 fand durch »Mund-Propaganda« die erste Demo im Innenhof des Hauptgebäudes der Universität statt. An diesem Tag hörte ich zum ersten Mal den Begriff der Hochschulautonomie in einem für mich ganz neuen Kontext. Es hieß: Die Polizei durfte aufgrund der Hochschulautonomie nicht auf das Gelände der Uni. Na, so was!
In den Wochen danach gab es unzählige Diskussionsrunden und immer wieder neue Papiere: über den Dritten Weg, über die Medien und die Kulturpolitik, über die Bürgerrechte, die Rolle der Parteien und der Gewerkschaft, über die Frauendiskriminierungen in der Wissenschaft und viele Themen mehr. Wir gründeten die Initiative der »Humboldt-Frauen« und dann auch den Unabhängigen Frauenverband. Wir waren dabei, unsere eigene Zukunft in die Hand zu nehmen, eine neue, eine andere Gesellschaft zu werden. Der »normale« Uni-Betrieb war kaum noch möglich.
Wahrscheinlich war der breite gesellschaftliche Konsens über die Notwendigkeit der gesellschaftlichen Veränderungen der Grund, warum die Angst diese Aufbruchstimmung nicht vergiften konnte. Die Sorge um die verhafteten Demonstranten war natürlich präsent und das Gefühl, plötzlich im Polizeikessel – wenn auch durch Zufall – gelandet zu sein, gehörte nicht zu meinen Vorstellungen über die Revolutionsattribute.
Dennoch war die Großdemonstration am 4. November für mich das zentrale Erlebnis der Wendezeit. Es war nicht nur die erste von der Gewerkschaft der Medien angemeldete Demonstration in Berlin, deren Größe mich schon bei dem Anblick überwältigte, sondern auch eine unglaubliche Demonstration der Kraft der Teilnehmenden, die fast im Schweigemarsch mit dem Motto »Keine Gewalt« an den Sicherheitskräften vorbeigingen. An diesem Tag wurde mir klar, dass diese Bewegung nicht zu stoppen sein wird. Inzwischen führte die Diskus-sion über die Rolle der Gewerkschaften auch in der Betriebsorganisation der HU zu einer massiven Forderung nach Einberufung des Gewerkschaftskongresses der Gewerkschaft Wissenschaft. Als erste Gewerkschaft im FDGB hat sie am 27. Januar 1990 die alte Leitung abgesetzt und in einer geheimen Wahl einen neuen Vorstand gewählt, die Abführung der Mitgliedsbeiträge an den FDGB gestoppt und einen demokratischen Erneuerungsprozess aus eigener Kraft eingeleitet. Auf diesem stürmischen Kongress wurde ich zur 2. Vorsitzenden gewählt.
Für die neue Gewerkschaft standen zwei zentrale Herausforderungen auf der Tagesordnung: die reale Vertretung der materiellen Interessen der Beschäftigten und die Absicherung der neu gewonnenen demokratischen Rechte. Als wir uns an die Erarbeitung der neuen Satzung machten, war das wichtigste Ziel, die Lehren aus der Vergangenheit aufzuarbeiten, alles zu tun, damit die reale Demokratie nicht wieder verloren geht. Besonders wichtig war uns die Regelung der Abwählbarkeit. Das Studium der Satzungen der DGB-Gewerkschaften und der Rat derer Vertreter waren sehr hilfreich, aber Aufarbeitung eigener Erfahrungen konnten wir nur selber machen.
Unsere Hoffnung, gemeinsam eine Gewerkschaftsreform für den FDGB und den DGB und ihrer Mitgliedsgewerkschaften zu meistern, erwies sich leider schnell als unrealistisch. Die Entwicklungen innerhalb des FDGB, der sich inzwischen nach den Neuwahlen neu formierte und seine Unabhängigkeit von der SED bekam, waren zu unterschiedlich, um in solch einer kurzen Zeit zur Einigung zu kommen. Der DGB stand kurz vor seinem Kongress mit einem Personalwechsel an der Spitze und war mit dieser Aufgabe überfordert. Als dann im März 1990 nach den Wahlen zur Volkskammer der DDR klar wurde, dass die Vereinigung durch den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland in Kürze kommt, machte ich für die Gewerkschaft der Wissenschaft (GW) den Vorschlag, dem DGB als Einzelgewerkschaft beizutreten. Die GW war schließlich die Gewerkschaft für alle Beschäftigten in Forschung und Lehre, einschließlich der Industrieforschung. Im Westen waren die Wissenschaftler und Hochschulangehörigen in der ÖTV, DAG und der GEW organisiert.
Ich dachte, dass mit dem Erhalt einer Organisation auch der Organisationsgrad der Beschäftigten besser erhalten und eine Zerschlagung verhindert werden könnte. Postwendend kamen die Absagen von der ÖTV und der GEW. Damit war klar, wir müssen den schwierigeren Weg der Neuorganisation der KollegInnen in den verschiedenen Gewerkschaften gehen. Dabei unterstützten uns dann aber GEW und ÖTV tatkräftig, genauso wie bei der Sicherung der Interessen der Menschen aus der DDR nach dem Zusammenschluss.
In dieser Zeit und den Jahren danach sind viele Freundschaften entstanden und wir haben gelernt, die unterschiedlichen Erfahrungen als eine gemeinsame Basis für die Zukunft zu respektieren und zu nutzen. Und es ist gut so.
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