Die neue GEW
(Artikel aus der blz 12/90)
Bettina Tiedtke, Referentin Ref. B
Nach dem vorübergehenden Nebeneinanderbestehenden der beiden Bildungsgewerkschaften GEW und GUE in Berlin hat die Gewerkschaft Unterricht und Erziehung (GUE) mit dem 31.10.1990 aufgehört zu existieren. Die GEW BERLIN muss nun innerhalb kürzester Zeit eine arbeitsfähige gewerkschaftliche Organisationsstruktur schaffen, um die Interessen der im Bildungsbereich Beschäftigten beim immer noch chaotischen Zusammenwuchern der unterschiedlichen Bildungssysteme vertreten zu können. Gleichzeitig steht aber auch der Abschied von der „Lehrergewerkschaft GEW“ an, denn in stärkeren Maße als vorher wird die GEW alle Beschäftigten organisieren, die vom Kindergarten bis zur Hochschule für die Erziehung und Ausbildung von Kindern und Jugendlichen Verantwortung tragen.
Welche Konsequenzen dies alles für die GEW BERLIN haben wird, deutet Erhard Laube an, wenn er in der blz 7-8/90 schreibt, dass die „Herausbildung einer Neuen, völlig anderen Identität“ anstünde.
Das hier notwendigerweise eine neue Qualität entstehen muss, ließ sich schon in unseren allerersten Begegnungen im Dezember/Januar absehen. Hier stießen elementar und unvermittelt zwei völlig verschiedene Welten aufeinander, während wir „DDRler“ mit der „Entstalinisierung“ des Bildungssystems der DDR und der kritischen Abkehr von der GUE mit ihrer vierzigjährigen systemstabilisierenden Vergangenheit befasst waren, steckten die „Wessis“ von der GEW in der x-ten Woche ihres Kita-Streiks und führten Diskussionen um die Novellierung des Schulverfassungsgesetzes.
Das Übermaß an Problemen hat uns sehr schnell zur gemeinsamen Arbeit geführt. Dabei geht es um so verschiedene Fragen wie die Verhinderung des Abbaus von Kindereinrichtungen, die per Ministerverordnung installierten Schulkonferenzen oder um die zur Zeit anstehenden Personalratswahlen. Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass die gemeinsame Bewältigung aktueller Tagesaufgaben nicht gleichbedeutend ist mit der grundlegenden Besinnung auf die jeweils eigene Geschichte und der notwendigen Bestimmung gemeinsamer Grundpositionen für die politische Gestaltung der künftigen gesellschaftlichen Verhältnisse im geeinten Berlin. Wir stehen vor der Aufgabe, bei den neuen GEW-Mitgliedern ein mit den alten traditionen brechendes Verständnis für Gewerkschaftsarbeit zu entwickeln, das mehr denn je Eigeninitiative und die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung erfordert.
Die Haltung der neuen Gewerkschaftsmitglieder zur Gewerkschaftsarbeit, ihr Verständnis von Gewerkschaftsarbeit stellt sich gegenwärtig sehr unterschiedlich dar. Sie reicht von absoluter Resignation gegenüber allen anstehenden pädagogischen und sozialen Problemen, über Forderungen, ohne Eigenes einzubringen, bis hin zu sehr aktiven und aufgeschlossenen Handeln.
In den ersten Monaten des Jahres 1990 schien es, dass sich an den Schulen, Hochschulen, Universitäten, Instituten und in den Kindergärten eine Öffnung für die Reformpädagogische Diskussion vollzieht. Die Mehrheit wartet heute wie vor der Wende auf Direktiven. Es hat den Anschein, dass in der breiten Masse der Kollegien bewusst vermieden wird, über das Problem „Bildung und Erziehung vor der Wende“ zu reden. In den vielen Veranstaltungen , die wir gegenwärtig an der Basis durchführen, zeigt sich immer deutlicher, dass die Chance, dass sich die Schulen von Innen heraus neu definieren., dass sie für sich neue Wege finden, nur wenig genutzt wird.
Inhaltlich darf unsere Gewerkschaftsarbeit in den nächsten Wochen nicht nur vom Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze und der Durchsetzung tarifrechtlicher Forderungen geprägt sein. Wollen wir die Hoffnung der Novemberbewegung des Jahres 1989 auf einen Neuanfang wenigstens in unserem Wirkungsbereich nicht dem neuen großdeutschen marktwirtschaftlichen Zeitgeist opfern, so müssen wir uns gleichermaßen mit den grundlegenden Fragen der Reform der Schule befassen. Das erfordert auch die ernsthafte Neubestimmung unseres Verständnisses von Bildung und Erziehung in der auf uns zukommenden Gesellschaft.
Dabei sollte allen Gewerkschaftsmitgliedern bewusst sein, dass die GEW kein Service-Unternehmen ist. Die GEW wird nur dann auf politische Entscheidungen Einfluss nehmen, pädagogische oder tarifrechtliche Forderungen durchsetzen können, wenn die Mitglieder ihre Interessen selber vertreten. Das Gewerkschaftssystem funktioniert nur durch gemeinsames Handeln.
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