Theateraufführungen kritisch gesehen
von Hans-Wolfgang Nickel
Mutig und konsequent setzt die Spielwerkstatt in ihrem Stück über Werte nicht auf die Attraktivität einer Story, sondern auf das Thema und beginnt folgerichtig mit einer gespielten Passantenbefragung zum Reizwort »Nächstenliebe«. Aus punktuellen Begegnungen entwickelt sich dann zwanglos doch eine spannende Geschichte, die nicht nur illustriert, sondern ein eigenes emotionales Gewicht bekommt und überdies den Einblick in unterschiedliche Familienstrukturen gestattet. Es geht um Mut, Eigenwillen, Missverständnisse – letztlich um die Auseinandersetzung zwischen zwei Lebensformen: rücksichtslose Selbstbezogenheit versus kommunikative Offenheit. In dieser Auseinandersetzung gewinnt die »Hochhausprinzessin« einen Freund und überzeugt schließlich auch die anderen. Die mit dem Stück verbundene spielerische Nachbereitung motiviert zu eigenen Spielversuchen und vertieft die Thematik (ab 11).
Theater Strahl zeigt mit »Frühlings Stürme« eine ungewöhnlich intelligente »Über«-Setzung von Wedekinds Kindertragödie »Frühlings Erwachen« (Uraufführung 1906) – konzentriert auf die Perspektive des vierzehn-jährigen Mädchens Wendla. Das durchaus eigene Gegenwartsstück, das die wilhelminische Vorlage in Sprache und Gefühlslage unserer Gegenwart überträgt, macht heutige Pubertätsnöte sichtbar und gestattet dabei immer wieder den Durchblick auf gesellschaftliche Entwicklungen bis zurück ins 19. Jahrhundert. »Frühlings Stürme« spielt also, dezent und deutlich, mit historischen und sozialpsychologischen Überlagerungen, lässt sich aber auch ohne diesen historischen Bezug gleichsam »naiv« als Gegenwartsstück ansehen. Dann zeigt sich: Aufklärung über Sexualität, Freizügigkeit, Internet, SMS und Reden über kommunikative Kompetenz sind keine Garanten für einen problemlosen Übergang ins Jugendalter; fehlt wirkliches Miteinander, werden Leistungsdruck (der Schule, der Eltern), Sprachlosigkeit in entscheidenden Situationen lebensgefährlich (ab 15; theaterungewohnte Klassen sollten vorher wissen, dass viele Szenen Erinnerungen von Wendla sind, also eigentlich in ihrem Kopf spielen).
Die Berliner Gorillas waren Ausrichter der »Improtheater-Meisterschaft 2009«. Während die Theatersport-Begegnungen sich durchweg auf hohem Niveau zeigten im Mit- und Gegeneinander-Spielen von kur-zen Improszenen (immer witzig und überraschend, spannend durch die – oft nur gespielte – Rivalität, mitunter auch mehr als unterhaltsam), waren einige der teilnehmenden Gruppen durch Langformen (die Entwicklung eines nahezu einstündigen »Stücks« in der Improvisation!) offensichtlich überfordert. So gelangen Lauter aus Köln nur öde Reproduktionen zum Thema Pornografie; Drama Light (Mannheim) servierte eine lahme Mietshausgeschichte, die so gut wie keine Improvisationselemente enthielt, während etwa die Kaktussen aus Würzburg vom Publikum ausgewählte Fotos zum Leben erweckten und in eine dramatische Story verwandelten. Sieger bei den Langformen wurden die Gorillas; deutscher Meister 2009 im Theatersport wurde Fastfood München. |