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Nr. 12 / 2009: Kinder in Berlin

Kinder in Berlin

Am Beispiel Friedrichshain-Kreuzberg

von Dietrich Delekat, Medizinaldirektor im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg

Was ist Kindergesundheit in Berlin heute? Wir wissen, dass wir nicht mehr über Dinge wie Diphtherie oder eine Säuglingssterblichkeit von 41 Prozent wie im Jahr 1871 reden müssen. Auch das ärmste Kind bekommt heute eine Herztransplantation. Kinder aus den armen und bildungsfernen Familien der Kreuzberger Türken und Araber sind um Längen besser gegen Hepatitis B geimpft (94 Prozent) als ihre deutschen Pendants aus oft akademischen Familien (67 Prozent). Trotzdem steht Kindergesundheit im Fokus, es erscheinen zahlreiche Publikationen, und eigentlich wird immer irgendwo gerade eine Aktion zur Verbesserung der Kindergesundheit gestartet, sei es im Kiez oder von ministerieller Hand. Gleich bleibend ist aber auch der Tenor der Akteure, trotz einzelner Erfolge ist ihre Prognose pessimistisch.

Spätestens seit der Einführung von Public Health ist es ins breite Bewusstsein gedrungen, dass die Sorge um die Gesundheit unserer Kinder heute auf anderen Feldern stattfindet als auf dem der somatischen Medizin. Selten klagt jemand aus der kinderärztlichen Praxis über schwer lösbare medizinische Fälle; aber alle Kinderärzte/innen in sozial belasteten Gebieten berichten von Kindern, bei denen sie sich wegen der familiären und sozialen Lage größte Sorgen um deren Wohlergehen und Zukunft machten. Angesichts der geringen Einwirkungsmöglichkeiten fühlt man sich in seiner Rolle in einem kassenärztlichen System überfordert. Diese bei immer mehr Kindern bedrohte »Gesundheit« definiert sich als die Chance, sich in einer fördernden Umgebung geborgen zu entwickeln und die notwendigen Fähigkeiten zu erwerben, einen Platz in der Gesellschaft zu finden und ein bereicherndes und zufriedenes Mitglied unserer Gesellschaft zu werden. In der immer rigider nach Qualifikation selektierenden Wissensgesellschaft sind die Schlüssel hierzu Bildung und soziale/emotionale Integrationsfähigkeiten, die über den Lebenserfolg eines Kindes entscheiden.

Es ist nicht zu übersehen, dass eine wachsende Anzahl von Familien nicht mehr in der Lage ist, die-se gesunden Bedingungen für ihre Kinder zu gewährleisten. Als Schlüsselstätten für Gewährleistung der neuen Form der Gesundheitssicherung richtete sich die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Politik daher verstärkt auf die Schulen und die vorschulischen Betreuungseinrichtungen, die möglichst all die von zuhause mitgebrachten Defizite beseitigen und die geforderten Fähigkeiten vermitteln sollten. 2004 erließ der Berliner Senat ein neues Schulgesetz, das modern, ehrgeizig war – und selbstverständlich durfte es nicht mehr kosten als bisher. Diese Kombination hat bisher nicht in allen Fällen für gesündere Verhältnisse gesorgt. Und auch die Kitas sind nicht in der Lage, alles zu richten, was sie richten sollen.

Der Artikel will einige Aspekte und Daten über die sozialen Bedingungen beisteuern, unter denen Kinder an den Start in ein »gesundes« Leben gehen.
Die im Weiteren verwendeten Daten stammen aus den Einschulungsuntersuchungen (ESU) in Friedrichshain-Kreuzberg. Diese Daten werden berlinweit von allen Bezirken standardisiert nach einem einheitlichen Landesverfahren erhoben, das der Verfasser ab dem Jahr 2000 in der Senatsverwaltung für Gesundheit entwickelt hat. Seitdem konzentriert sich die ESU vorrangig auf visuomotorische, sprachliche, kognitive, emotional-soziale und Wahrnehmungsfähigkeiten. Alles Dinge, die für den Schulerfolg wesentlich sind. Im Folgenden meinen Nationalitätsangaben immer die kulturelle Herkunft der Kinder, unabhängig von den Passverhältnissen. Alle Daten beziehen sich auf Kinder zwischen 5 und 6 Jahren.

Staatsangehörigkeit und Herkunft

Wenn wir über Kindergesundheit als heute vorrangig sozialem Begriff sprechen, und dass dessen erste und vielleicht entscheidende Prägung in der Familie erfolgt, dann müssen wir in einer Stadt wie Berlin den kulturellen Kontext der einzelnen Familien als eine der wichtigsten Determinanten untersuchen. Aus welcher Kultur kommen die Eltern der Berliner Kinder? Durch eine hohe Zahl von Einbürgerungen und das neue Staatsangehörigkeitsgesetz von 2000 sind die formalen Passverhältnisse mittlerweile völlig ungeeignet, diese grundlegende Frage zu beantworten. Man muss aber wissen, dass genau diese Staatsangehörigkeitsangaben die Grundlage für die allermeisten Statistiken bilden, obwohl den meisten Akteuren bewusst ist, dass sie die Realität nicht mehr abbilden.

Um dies exemplarisch zu veranschaulichen, ist der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg vielleicht der interessanteste Bezirk Berlins. Er ist der einzige Bezirk, der aus einem ehemaligen Ost- und Westbezirk besteht (der Altbezirk Mitte ist soziologisch kein echter »Ostbezirk«), was aufschlussreiche Vergleiche von Kindergesundheit erlaubt.
In Kreuzberg lebt, geht man von der Staatsangehörigkeit aus, eine deutsche Mehrheitsgesellschaft von 84 Prozent, die türkischen Kinder machen nur 6 Prozent, die arabischen nur 3 Prozent aus. In der Realität bilden Kinder deutscher Herkunft aber nicht nur eine Minderheitsgesellschaft von weniger als einem Drittel (31 Prozent), sondern stellen nicht einmal mehr die größte Herkunftsgruppe, die stellen türkische Kinder mit 39 Prozent (siehe Abb. 2). Da die arabischen Kinder 9 Prozent ausmachen, bilden Kinder aus islamischen Familien eine Mehrheitsgesellschaft von fast 50 Prozent. Zudem verteilen sich die einzelnen Ethnien nicht gleichmäßig über das Kreuzberger Stadtgebiet. In den vier Verkehrszellen Mehringplatz, Moritzplatz, Mariannenplatz und Wiener Straße bilden die türkischen Kinder mit 50 Prozent die absolute Mehrheitsgesellschaft, die arabischen machen weitere 14 Prozent aus, sodass zwei Drittel aller Kinder dort von der islamischen Kultur geprägt aufwachsen. Den in dieser Region verbliebenen deutschen Kindern (20 Prozent) fällt die Aufgabe zu, die Folie für die Integration von 80 Prozent Kindern nichtdeutscher Herkunft in die deutsche Gesellschaft abzugeben.

Diese Diskrepanz hat große Auswirkungen auf die Qualität der gesellschaftlichen Diskussion, da die Diskussionsdaten aus Quellen mit verschiedener Systematik bezogen werden. Im jugendamtlichen/schulischen und im polizeilichen Bereich gibt es ebenfalls nach Herkunft differenzierende Statistiken, aber im Wesentlichen existierte zumindest bis vor kurzem außer der ESU keine systematische, vollständige und kontinuierliche Erfassung der realen Herkunftsverhältnisse. Der Hauptlieferant von Daten, das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, kann erst seit allerjüngster Zeit einige Daten anbieten. Immerhin erfasst der Mikrozensus seit 2005 den Migrationsstatus. Zudem ist der Widerstand gegen eine solche Differenzierung erst seit relativ kurzer Zeit einigermaßen abgeflaut. Bei der erstmaligen Einführung in die Gesundheitsberichterstattung der Senatsverwaltung für Gesundheit 2003 war sie alles andere als unumstritten. Auch das Ringen um sprachliche Korrektheit war mühevoll. Motor für dieses Umdenken waren die nicht mehr zu verleugnenden großen Probleme und Konflikte. Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Schönberg, berichtete am 9. Januar 2008 in der Berliner Morgenpost, der Anteil von jugendlichen Migranten bei Gewalt- und Intensivtätern liege bei 50 bis 80 Prozent. Teile von Wedding, Tiergarten, Schöneberg und Kreuzberg sowie Neukölln-Nord seien nicht mehr zu retten. Ähnlich äußerte sich am gleichen Tag Roman Reusch, Oberstaatsanwalt, in der ARD-Sendung »Hart aber fair«.
Überquert man die Spree nach Friedrichshain hinein, so betritt man nahezu eine andere Welt. 75 Prozent aller Kinder sind deutscher Herkunft, alle anderen Gruppen sind sehr klein, die Gruppe der Osteuropäer ist mit 7 Prozent noch die größte. Die Kinder nichtdeutscher Herkunft sprechen deutlich häufiger gut Deutsch als in Kreuzberg. Ihre Sozialstruktur liegt im Berliner Durchschnitt, während in Kreuzberg die Bildungs-Unterschicht dominiert. Leider bedeutet dies nicht, dass Kinderschutz nicht auch in Friedrichshain ein brennendes Thema wäre.

Soziale Herkunft entscheidet

Neben den kulturellen sind es vor allem die sozialen Bedingungen, die das Aufwachsen eines Kindes maßgeblich prägen. Hier nimmt die Bildung der Eltern eine hervorragende Stellung ein, nach dem Satz »Bildung ist für Kinder wichtiger als Geld«. Eine gute Illustration hierfür ist der Altbezirk Prenzlauer Berg, der im Berliner Sozialstruktur-atlas 2003/2004 beim Sozialindex auf dem 18. Platz von 23 Altbezirken steht, im Statusindex (gute Korrelation mit Bildung) aber jedoch auf dem ersten.
Die Variable »Soziale Schicht« wurde daher so konstruiert, dass sie weitgehend den Bildungsgrad (ca. zweidrittel) der Eltern reflektiert, und in geringerem Maße deren Arbeitslosigkeit (ca. eindrittel). Die drei Schichten sind rein mathematisch gedrittelt konzipiert, sodass in ganz Berlin Ober-, Mittel- und Unterschicht jeweils 33 Prozent stark sind.

Ein Blick auf die sozialen Verhältnisse in Kreuzberg (Abb. 3) zeigt, dass die soziale Situation sich stark nach der Herkunft sortiert, gleichsinnig gerichtet ist, und daher die Lage im Bezirk noch zuspitzt. Die türkischen und arabischen Familien sind charakterisiert durch eine Bildungs-Unterschicht, die nahezu 75 Prozent beträgt; vor allem aber auch durch das fast völlige Fehlen einer Oberschicht (5-7 Prozent), die als Vorbild dienen könnte. Bei den deutschen Familien jedoch dominiert das akademische Klientel, das mit 54 Prozent fast Zehlendorfer Werte erreicht. Letzteres sorgt dafür, dass Kreuzberg sich etwas »Pittoreskes« behalten hat, ein Ausgleich, der beispielsweise in Nord-Neukölln fehlt und dort für eine desperate Lage sorgt. Alle anderen Gruppen sind im Berliner Mittel. Wenn man überlegt, wie gering bereits der soziale Kontakt der Deutschen zwischen Ober- und Unterschicht ausgeprägt ist, dann kann man abschätzen, wie durchlässig die Grenzen zwischen den ethnischen Gruppen sind, wenn noch große kulturelle Unterschiede hinzukommen.

In Friedrichshain ist die soziale Schichtung bei den Deutschen sehr ähnlich wie in Kreuzberg, jedoch sind die Nichtdeutschen nach Anteil und Sozialstruktur sehr verschieden, sodass eine unvergleichlich günstigere Situation resultiert (Abb. 4). Es muss angemerkt werden, dass hier jedoch ein weiterer Faktor wirkt, nämlich eine große räumli-che und soziale Mobilität. Die Sozialstruktur hat sich hier binnen weniger Jahre erheblich verändert, Familien sind hinzugezogen und die Zahl der Geburten ist stark angewachsen; der Jahrgang 2007 ist gegenüber 2001 um nicht weniger als 70 Prozent gestiegen. Und dennoch hat Friedrichshain, wie bereits erwähnt, seine spezifischen Probleme, die aus den Zahlen nicht ablesbar sind. Sozialarbeiterinnen vom Kinderschutz berichten: Während in Kreuzberg vor allem viele Migranteneltern sich nicht um Förderung und Bildung der Kinder kümmern, so besteht doch eine emotionale Bindung an sie. In Friedrichshain fehlt dies bei problematischen jungen – oft deutschen – Müttern, die selbst keine Bindung erfahren haben. Eine Kinderärztin meint dazu: »Die behandeln ihre Kinder wie ein tiefgefrorenes Backhendl«. Während die einen ihre Kinder verkommen lassen, aber vor Gericht mit Zähnen und Klauen gegen einen drohenden Sorgerechtsentzug kämpfen, knallen die anderen ihre kleinen Kinder den Jugendamtsmitarbeitern hin mit der Haltung »Macht damit, was ihr wollt.« Das Jugendamt steht damit zwischen Skylla und Charybdis.

Entwicklung driftet auseinander

Welche Auswirkungen haben die verschiedenen sozialen Verhältnisse auf die Entwicklungschancen der Kinder? Bereits das Startterrain ist sehr verschieden. In den bildungsfernen Haushalten waren die Väter in 34 Prozent arbeitslos und arbeiteten in weiteren 21 Prozent nur Teilzeit, was meist als verdeckte Arbeitslosigkeit gelten darf. Bei den Bildungshaushalten arbeitete der Vater nur zu 11 Prozent in Teilzeit, und arbeitslos war 2008 keiner. Unversorgte Zähne (Karies oder gar Extraktionen) haben 25 Prozent der Unterschichtkinder, aber nur 5 Prozent derer aus der Oberschicht. Fast 60 Prozent der ersteren müssen mit Rauchern in einem Haushalt leben, von den letzteren nur 22 Prozent. Was für Unterschiede finden wir nun in der Entwicklung dieser Kinder?

Nehmen wir hier die Testergebnisse (Döpfner u.#a., Hogrefe-Verlag 2005) der ESU im Bereich der visuel-len Wahrnehmung. Dies ist eine angeborene, univer-selle Fähigkeit von Kindern, die allerdings verkümmert, wenn sie nicht durch altersgerechte Anregung entwickelt wird. Bei der oberen sozialen Schicht sind es 19 Prozent der Kinder, die keine altersgerechten Ergebnisse zeigen, bei der unteren jedoch nicht weniger als 40 Prozent. Das sind enorme Unterschiede. Die Feinanalyse nach Herkunft zeigt, dass in der unteren sozialen Schicht bei den deutschen und türkischen Kindern knapp 40 Prozent, bei den arabischen und osteuropäischen jedoch über 50 Prozent keine altersgerechten Fähigkeiten aufweisen. Bei der ebenfalls für die Schulbewältigung grundlegend wichtigen Visuomotorik sind 16 Prozent der oberen Schicht nicht altersgerecht, bei der unteren jedoch 43 Prozent. Über 40 Prozent der Unterschichtkinder haben Artikulationsfehler, über 30 Prozent Probleme mit der Körperkoordination. Bei anderen Fähigkeiten sieht es ähnlich aus. Die Empfehlung für den sogenannten Sonderpädagogischen Förderbedarf, was in der Regel den Besuch einer Sonderschule oder den Status als Integrationskind in einer Regelklasse bedeutet, ergeht bei Kindern der Unterschicht vier Mal so häufig wie bei denen der Oberschicht; 70 Prozent der Kinder mit einer solchen Empfehlung stammen aus der Unterschicht. Die Liste lässt sich lang fortsetzen.

Die Kita soll es richten

Wie kann es sein, dass so kleine Kinder bei so basalen Fähigkeiten sich bereits derartig nach dem Einfluss der Bildungsschicht sortieren? Wir erleben gerade wieder eine der zahlreichen Neuauflagen von Diskussionen über den selektierenden Einfluss der Organisation der weiterführenden Schulen, jedoch zeigt sich hier bereits eine gewaltige Selek-tion nach Fähigkeit, bevor die Kinder überhaupt in die Grundschule kommen. Woher können so große Unterschiede kommen? Der Fokus richtet sich hier seit geraumer Zeit auf die Kitas, bei denen immer mehr der Anspruch erhoben wird, dass sie sich von einer Betreuungs- zu einer vorschulischen Bildungsstätte wandeln sollen. Sie werden – aus der wachsenden Not geboren – immer mehr in die Rolle eines Allheilmittels gegen die entwicklungsverzögerten Kinder aus sprachlosen, bildungsfernen Familien erhoben. Sie sollen alle hemmenden Einflüsse reparieren und neutralisieren, sodass später diese Kinder mit ihren Altersgenossen aus sprachlich, intellektuell und musisch anregenden akademischen Elternhäusern konkurrieren können, gemessen am liebsten an Abiturs- und Studiumspro-zentzahlen. Als ein großer Hemmschuh galt hierbei der mangelnde Kitabesuch, was unter anderem zu dem Senatsbeschluss führte, das letzte Kitajahr vor der Einschulung kostenlos zu machen. In Kreuzberg betrug zu diesem Zeitpunkt (2006) der Prozentsatz an Kitabesuch zum Zeitpunkt der Einschulung bei deutschen Kindern jedoch knapp 99 Prozent, bei türkischen 98 Prozent. Bei arabischen Kindern waren es zwar nur 90 Prozent, dies waren absolut aber nur 7 Kinder. In Friedrichshain sah es ähnlich aus. Es war also bereits damals völlig klar, dass man schon rein mathematisch nicht nennenswert mehr Kinder in die Kita holen konnte, weil sie bereits schon alle dort waren. Es erstaunt nicht, dass nach einem Jahr das Fazit gezogen wurde, dass für 500 Kinder mehr in der Kita 12 Millionen Euro ausgegeben wurden, ohne dass es etwas gebracht hätte und insbesondere Problemfamilien erreicht worden wären (Tagesspiegel, 25. März 2008).

Ein anderer Ansatzpunkt wäre die Dauer des Kita-besuchs, die sich schon merklich nach Herkunft und sozialer Schicht unterscheidet. Weniger als zwei Jahre in die Kita gingen 8 Prozent der oberen Schicht, aber 22 Prozent der unteren. Aufgeschlüsselt nach Herkunft lauteten die Zahlen 9 Prozent der deutschen Kinder, aber knapp 20 Prozent der türkischen und über 35 Prozent bei arabischen und osteuropäischen. Hier war also Verbesserungspoten-zial, und zwar über die Besuchsdauer, was auch in entsprechenden politischen Forderungen mündete.

Trotzdem: Auch die Kinder aus bildungsfernen Familien gehen in ihrer übergroßen Mehrzahl jahrelang in die Kita – woher also die großen Unterschiede bei den Tests? Sehen wir uns eine weitere Lebensbedingung unserer Kleinen an, nämlich den Fernsehkonsum. Eine direkte negative Auswirkung von hohem Fernsehkonsum ist durchaus nicht unum-stritten, aber wir können diesen Konsum einfach einmal als Parameter für eine Tendenz in Familien nehmen, die Kinder lieber vor dem Fernseher zu parken als sich mit ihnen zu beschäftigen, oder ihnen zumindest andere kreativere Beschäftigungsangebote zu machen. In der oberen sozialen Schicht sehen nicht weniger als 24 Prozent der Kinder überhaupt nicht fern, während dieses Verhalten in der unteren Schicht mit 2,5 Prozent nahezu unbekannt ist. Dort sehen die fünfjährigen Kinder zu 97 Prozent jeden Tag mindestens eine Stunde fern und zu über 50 Prozent mindestens zwei, während in der Oberschicht fast 90 Prozent aller Kinder dies höchstens eine Stunde tun. Das Fernsehverhalten in türkischen und insbesondere arabischen Familien ist nahezu deckungsgleich mit dem der Unterschicht. Dort besitzen auch etwa 22 Prozent dieser kleinen Kinder einen eigenen Fernseher und damit unkontrollierten Zugang in Hinsicht auf Programme und Sehdauer. Als Letztes soll noch angemerkt werden, dass die Rate an Übergewicht in der Unterschicht fast vier Mal so hoch ist wie in der Oberschicht.

Man muss sich überlegen, ob man einfach den Kitas aufbürden kann, all diese prägenden Familieneinflüsse irgendwie zu kompensieren. Insbesondere dann, wenn sie immer knapper gehalten und ihnen immer neue Aufgaben zugeteilt werden, anstatt sie mit aller Kraft zu unterstützen. Die ESU ist eine Untersuchung gegen Ende der Kitazeit. Wenn bei ihr noch solche Defizite festgestellt werden, dann kann man dies wohl nicht einfach den Kitas anlasten, auch wenn in manchen die Qualität noch deutlich verbesserbar ist. Die Ursachen liegen woanders, bei den Familien, die ihren Kindern nicht mehr die notwendigsten kognitiven und emotionalen Grundlagen mit auf den Weg geben können. Hier doktert der Staat herum, ohne sich dazu durchringen zu können, massiv in diesen Bereich zu investieren, Forderungen an die Eltern zu stellen und auch durchzusetzen; und die vernachlässig-ten und ungeförderten Kinder systematisch aufzuspüren und ihre gesunde Entwicklung sicherzustellen, wenn die Eltern dazu nicht willens oder in der Lage sind.

Die Situation bei Migrantenkindern

Besonders deutlich werden die Probleme bei den Migrantenkindern sichtbar, die in Kreuzberg die Mehrheitsgesellschaft von 70 Prozent stellen. Bei dieser Gruppe treten die Probleme von Benachteiligung durch Bildungsferne besonders deutlich hervor, verschärft noch durch das Problem des deutschen Spracherwerbs. Dieser besteht, obwohl die Kinder von Anfang an in Deutschland leben: 99 Prozent der türkischen und 98 Prozent der arabischen Kinder sind hier geboren, also praktisch alle. In Friedrichshain sind die Prozentzahlen geringer; dies bedeutet aber wegen des viel geringeren Migrantenanteils absolut nur 15 Kinder der gesamten Jahrgangskohorte, die nicht hier geboren sind, und nur 7 davon leben weniger als drei Jahre hier. Mit anderen Worten: Fast alle Kinder wachsen in Berlin auf, und müssten daher problemlos Deutsch sprechen – die Sprache, ohne die es in der deutschen Umgebungsgesellschaft kein Fortkommen gibt.

Trotz Geburt in Berlin und deutscher Staatsangehörigkeit sprechen Migrantenkinder oft kein Deutsch, das für den ungehinderten Bildungserwerb in der Schule ausreichen würde. Das betrifft wieder insbesondre die türkischen und arabischen Kinder, die fast zur Hälfte kein bildungserwerbsfähiges Deutsch sprechen. Die Kinder aus Osteuropa und in geringerem Maße alle anderen Migrantenkinder liegen hier günstiger (Abb. 5).

Aufgrund dieser allgemein bekannten Tatsache wird größtes Gewicht darauf gelegt, diesen Kindern zum deutschen Spracherwerb zu verhelfen. Diese Bemühungen sind gar nicht so selbstverständlich, denn klassische Einwandererländer wie Kanada oder Australien erwarten zunächst einmal von den Migrantenfamilien selbst die größten Anstrengungen, die Landessprache zu lernen. Diese Erwartung wird in Berlin zwar verbal, aber nicht mit Konsequenz gestellt. Selbst völlig fehlende Sprachkenntnisse bei hier geborenen Migrantenkindern bedeuten keinerlei Konsequenz für die Eltern, sondern für den Staat, der als einzige Reaktion sich in der Pflicht sieht, mit großem Aufwand für die Eltern einzutreten und das Versäumte nachzuholen. Diese Haltung charakterisierte eine Jugendrichterin im Tagesspiegel am 23. November 2006 als »eine Anspruchshaltung,… nach der die Deutschen erstmal immer in Vorlage gehen müssen und die kulturellen Gegebenheiten dieser Familien kennenlernen und akzeptieren sollen«. Diese Form von Bemühen um eine politisch einwandfreie Haltung gegenüber Migranten bewirkt jedoch eher, dass diese ins Abseits geraten, aus dem sich die meisten dann nicht mehr befreien können: 40 Prozent der türkischen Migranten sind arbeitslos, 75,3 Prozent ohne Berufsabschluss, eine Lehre oder einen Fachschulabschluss haben nur 21,6 Prozent, und nur 3,1 Prozent studieren, so das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (27. August 2008).

Beispiel Mehringplatz

Wie sich innerhalb kürzester Zeit unter den Augen der Gesellschaft Bedingungen für Kinder rapide verschlechtern können, soll hier am Beispiel der Verkehrszelle Mehringplatz vorgestellt werden. Dort beträgt eine Jahrgangskohorte ungefähr 250 Kinder, deren Herkunftsverhältnisse im zeitlichen Verlauf von 2003 bis 2008 im folgenden Diagramm dargestellt sind (Abb. 6).

Zunächst einmal zeigt die erste Säule des Diagramms sozusagen die offizielle Sicht, nämlich die Staatsangehörigkeitsverhältnisse nach Pass. Dies ist die Sicht, die sich mangels differenzierender Daten den Betrachtern darbietet. Danach stellt sich die Lage durchaus günstig dar. Bei einer Mehrheitsgesellschaft von zwei Dritteln deutscher Kinder stehen für jedes Ausländerkind zwei deutsche Kinder bereit, um für Integration in Sprache und Kultur zu sorgen.

Die Realität zeigt die nächste Säule. In Wirklichkeit stellten die Kinder türkischer Herkunft 2003 die Mehrheitsgesellschaft, jedem der 22 Prozent Kinder deutscher Herkunft standen vier anderer Herkunft gegenüber. Man kann sich leicht ausrechnen, welche Konsequenzen es für eine Beurteilung der Situation haben kann, wenn Datenlage und Realität derart auseinanderklaffen. Immerhin gehörten von den Kindern deutscher Herkunft fast 80 Prozent der Mittel- oder Oberschicht an. Und auffällig war, welch gute Deutschkenntnisse die türkischen Kinder trotz ihrer zahlenmäßigen Dominanz hatten. Bei einem Besuch vor Ort in der zuständigen Grundschule erklärten Lehrerinnen und Rektorin unisono, es handle sich um eine täuschende Momentaufnahme, das Gebiet sei sozial im freien Fall, wofür sie den Auszug deutscher Eltern aus den IBA-Wohnungen wegen der Fehlbelegungsabgabe verantwortlich machten. Die bisher fünfjährige Nachuntersuchung bestätigt das Urteil der Lehrerinnen. Der Anteil der deutschen Kinder liegt nunmehr bei unter 10 Prozent. Das ab 2004 separat erhobene arabische Herkunftsmerkmal zeigt, dass auch innerhalb der Migranten ein Wanderungsprozess stattgefunden hat, türkische Familien sind weggezogen und arabische haben die Lücke gefüllt. Sehr wahrscheinlich gab es auch Austauschprozesse innerhalb der türkischen Gemeinschaft. Das Bildungsniveau der verbliebenen Kinder deutscher Herkunft hat sich mit 57 Prozent Unterschichtsanteil dem der türkischen angeglichen (64 Prozent). Der Anteil der nicht Deutsch sprechenden türkischen Kinder hatte sich verdoppelt, der der gut sprechenden war um 20 Prozent zurückgegangen. Die späteren Chancen der Kinder aus diesem Gebiet können daher nicht optimistisch beurteilt werden. Anzumerken ist noch, dass der Anteil der Kinder mit deutschem Pass mittlerweile auf 85 Prozent gestiegen ist.

Falsche Förderung

Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zeigt paradigmatisch die Probleme von Kindern in Berlin auf. Zwischen Kindern aus bildungsorientierten und bildungsfernen Familien liegen beinahe Welten. Die Weichen für späteren Lebenserfolg und einen zufriedenen Platz in der Gesellschaft werden weit vor Schulbeginn gestellt. Der Großteil der Migrantenkinder gehört zur bildungsfernen Schicht, die ihre Kinder sehr oft nicht fördern kann und will, und ihnen auch nicht das emotionale Rüstzeug für eine soziale Lebensgestaltung mit auf den Weg geben kann. Die Situation in der deutschen Unterschicht ist quantitativ besser, qualitativ nicht. Der Staat kennt die Probleme und hat auch genug Informationen über die Ursachen, glaubt aber, sich einen sparsamen und kostengünstigen Umgang mit ihnen leisten zu müssen. Dass dies eine Milchmädchenrechnung ist, gehört zum eisernen Bestand jeder Diskussion; die Folgenlosigkeit dieser Erkenntnis auch. »Fördern und fordern« – dies erleben die Akteure vor Ort als leere Hülse. Gefordert wird zaghaft, und durchgesetzt noch weniger. Gefördert wird schon, aber mit Vorliebe nur dann, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist; aus dem Brunnen heraus schaffen es aber nur wenige. Das wird sich bei der gegenwärtigen Haltung auch kaum ändern.

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