Raus aus dem Kreislauf
Mehr Unterstützung für arme Kinder
von Sigrid Baumgardt, blz Redaktion
Auch wenn sich die Ergebnisse der Gesundheitsuntersuchungen der Erstklässler zu diesem Schuljahr nach Informationen der Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher zum Beispiel bei der Zahngesundheit und dem Anteil übergewichtiger Kinder leicht verbessert haben, bleibt das Fazit aus Dietrich Delekats Artikel in diesem Heft bestehen: Kinder werden in unterschiedlichen Welten und in ihrer Selbstwahrnehmung auch mit unterschiedlichen Perspektiven groß.
Kinder aus der Unterschicht fühlen sich früh benachteiligt, selbst wenn sie aufgrund von Ghettoisierung unter sich bleiben. Sie spüren und erfahren den Unterschied zu Kindern aus bessergestellten und bildungsnäheren Elternhäusern täglich. Kleidung, Ernährung, Freizeitaktivitäten sind Indikatoren für diese Empfindungen, die ihnen nicht verborgen bleiben. Sie kommen teils ohne Frühstück in die Einrichtungen, haben keine warmen Sachen oder keine Regenkleidung dabei, und können nicht von vielfältigen Freizeitaktivitäten wie Besuchen in Theater und Kino, eigenen Basteleien oder dem Erlernen von Instrumenten berichten. All das kennen sie gegebenenfalls nur aus den Medien.
Auch bei der Wahrnehmung von praktischen Angeboten für Mittagessen oder Kleidung bleiben sie unter sich. Sie wachsen häufig in anregungsarmer Umgebung auf. Kulturelle Angebote wie die kostenlose Nutzung öffentlicher Büchereien werden weniger angenommen. Dort aber wären Begegnungen mit anderen möglich und Freundschaften würden einen positiveren Blick auf die eigene Perspektive denkbar öffnen. Der Alltag ist all zu oft von den Medien wie Fernsehen, Spielkonsolen, PC-Spiele und so weiter bestimmt. Auch wenn diese Aktivitäten teils förderlich sein können, so sind sie als einzige Angebote im Alltag zu wenig und hinterlassen nicht das Gefühl, ich kann selbst was anpacken und erreichen.
Zu wenig Liebe
Klaus Hurrelmann stellte darüber hinaus auf der Grundlage einer repräsentativen Umfrage nach dem Vorbild der Shell-Studien schon 2007 fest, dass die Kinder von arbeitslosen Eltern zusätzlich häufig noch weniger Zuwendung und Aufmerksamkeit bekommen im Vergleich zu Kindern von berufstätigen Eltern. Überdeutlich wird diese Tendenz, wenn Kinder formulieren, dass sie sich nach einer Umarmung sehnen, die sich ihre Mutter leider nicht leisten kann. An dieser Stelle muss eine Umkehr stattfinden, auch und gerade in der öffentlichen Debatte. Armut heißt nicht zwingend, dass es an Zuwendung fehlen muss. Armut muss auch nicht die Kapitulation vor der Erziehungsaufgabe bedeuten.
Die beschriebene brandheiße Mischung führt bei den sozial schwächeren Kindern fatalerweise dazu, dass sie schon von vornherein ihre Zukunftschancen schlechter einschätzen und sich selbst häufig für weniger leistungsfähig halten. Da können Bildungseinrichtungen nur gegensteuern, wenn sie genügend Personal und Mittel haben, um verlässlichen Kontakt zwischen Kindern und ErzieherInnen zuzulassen und ein Umfeld zu schaffen, was voll ist mit Anregungen und Angeboten.
Neue Schritte sind nötig
Die Forderung, Armutslöhne zu verhindern und Mindestlöhne einzuführen, ist ein Schritt. Die Rechtsstellung von Kindern und Jugendliche zu stärken ein anderer. Das allein würde eine größere Wertschätzung von Kindern und Jugendlichen signalisieren. Die Gesellschaft muss öffentlich Verantwortung übernehmen und finanzielle Schwerpunkte setzen. Personalschlüssel und Sach-mittel sind eine Möglichkeit, vielfältigere niederschwellige Bildungsangebote außerhalb von Schule und Kita eine weitere. Eltern in schwierigen Lebenssituationen brauchen nicht stigmatisierende Unterstützungsangebote. Andere europäische Länder zahlen keine Herdprämien und auch kein hohes Kindergeld, sondern investieren direkt in Unterstützung und Bildung von Kindergarten bis zur Hochschule. Berlin tut im Bereich der Kitas gerade den ersten Schritt. Weiter so.
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