So viel in einem Leben
Günther F. Seelig
Sylvester ist klassisch der Augenblick, in dem Menschen sich Rechenschaft über das vergangene Jahr ablegen können – was sie an Liebe gespendet, was sie geschafft haben oder wie zwecklos, wie sinnleer und wie vergeblich sie die Zeit des Jahres vergeudet haben. Viele vertreiben ihr schlechtes Gewissen mit gewaltigen Böllerschüssen in der Hoffnung, dass ihre Schuldgefühle, die sie böse Geister nennen, im Getöse untergehen. Andere nehmen sich – wieder einmal – vor, nun aber wirklich die Faulheit, den Eigennutz, die Genussucht und so was alles aufzugeben. Mit herrlich schimmernden Raketen feiern sie ihren Entschluss.
Wieder andere weiten den Blick von dem einen vertanen Jahr auf das ganze Leben in der Hoffnung, wenigstens früher einmal nützlich gewesen zu sein. In Zuckmeiers »Hauptmann von Köpenick« hat der Schuster Voigt Angst davor, dass nach seinem Tode der Herr ihn fragt, »was haste jemacht, Wilhelm, mit dem Leben, das ick dir jejeben habe?« Der Schuster hätte aufzählen müssen, wieviele Jahre seines Lebens er im Gefängnis Tüten geklebt hat. – Ich hatte Glück, habe mich nie erwischen lassen und war deshalb nie im Gefängnis. Ich habe auch statt Tüten kleben anderes gemacht. Zum Beispiel:
Ich habe mir ungefähr 33#000 mal die Brille geputzt. Dagegen habe ich nur ca. 2000 Briefmarken angeleckt. Außerdem habe ich gut 21#000 mal die Zeitung nach dem Lesen wieder zusammengefaltet. Das Falten hat insgesamt nahezu zwei Wochen gedauert.
Einen großen Teil meines Lebens habe ich im Bett verbracht, einen anderen im Badezimmer. Ehe ich, um Zeit zu sparen, Bartträger wurde, habe ich mich zwanzig Jahre hindurch rasiert. Das dauerte insgesamt mindestens zwei Monate. Einen Monat lang habe ich mir die Fingernägel gefeilt. Ich habe mir rund ein halbes Jahr lang die Zähne geputzt. 19 Tage lang habe ich die Zahnpasta-Tube aufgeschraubt; 21 Tage lang habe ich sie wieder zugeschraubt. Mindestens zwei Wochen lang habe ich den Waschlappen abgetastet, um den Aufhänger zu finden.
Abends habe ich drei Wochen lang mein Kopfkissen so zurechtgestopft, dass ich gut darauf schlafen kann. Meine drei kleinen Jungen durften sich mindestens fünf Jahre hindurch jeden Abend ein Gute-Nacht-Lied wünschen – jeder ein anderes. Ich habe also rund 5000 mal gesungen – – – Der Mond ist aufgegangen – – – Guten Abend, gute Nacht – – – Die Blümelein sie schlafen – – – Weißt Du, wieviel Sternlein steh-hehen – – – Schlafe mein Prinzchen, schlaf ein – – – Guter Mond, Du gehst so stille – – – Schlaf, Kindchen, schlaf – – -.
22 Tage lang habe ich die Serviette in die alten Falten gelegt und wieder in den Ring geschoben. (23 sek) Einen Tag lang habe ich geprüft ob die Toilettenspülung alles beseitigt hat. (3 sek) Beim Friseur habe ich ungefähr zwei Monate gewartet, damit er mir zwanzig Tage lang die paar Haare schneidet.
Viele Jahrzehnte meines Lebens bin ich Raucher gewesen. Ich habe gut eine halbe Million Zigaretten geraucht. Zu einer einzigen Zigarette zusammengefasst käme das auf eine Länge von 50 Kilometern. Bei der in geschlossenen Ortschaften erlaubten Höchstgeschwindigkeit würde ein Auto also eine Stunde brauchen, um an meiner langen Zigarette entlang zu fahren. Das alles neben dem Telefonieren, dem Haare raufen und dem Warten auf besseres Wetter; Rauchen, hat mich ungefähr siebeneinhalb Jahre beschäftigt. Ich habe die Arbeitszeit eines halben Jahres am Skattisch verbracht, allerdings nur in der Freizeit. Außerdem wurde fast die Hälfte der Zeit mit dem Mischen der Karten verbraucht. Dabei habe ich überschlägig geschätzt zwei Hektoliter Bier getrunken.
Demgegenüber hat es nur vier Tage gedauert, bis ich im Dunkeln das Türschloss gefunden habe. Dafür habe ich mir – übrigens auch im Hellen – mindestens fünf Tage lang die Schuhe auf der fälschlich so genannten Fußmatte abgetreten und dabei fast jedesmal gedacht, sie müsste eigentlich Schuhmatte heißen.
Ich habe insgesamt 50 Tage lang die Aufhänger an den Waschlappen gesucht. Der gesäumte Rand rinnt mir durch die Finger, wie das Leben selbst. Täglich zweimal vier Sekunden; das sind ungefähr eineinhalb Arbeitswochen. Als sozial förderliche Arbeit mit einem Euro entgolten, hätte ich jemanden beauftragen können, immer für mich den Aufhänger am Waschlappen zu suchen. Die 61 Euro hätte ich mir leisten wollen. Vielleicht hät-te ich gerade in diesen anderthalb Wochen die wissenschaftliche Idee gehabt, auf die die Welt schon so lange wartet. – Für die Aufhänger an den Handtüchern habe ich nur fünf Wochen gebraucht.
Sollte mich also beim Ausgang aus dieser Welt jemand fragen, was ich »jemacht habe mit dem Leben« – für fast zwei Jahre kann ich Rechnung legen. Außerdem sagen die Statistiker, dass der Mensch rund zwanzig Jahre seines Lebens verschläft und fünf Jahre lang träumt.
Der Psychologe Günther F. Seelig gehört mit zu den Gründern der Berliner Schulpsychologie und war lange Jahre auch in der Lehrerausbildung in Berlin tätig. Inzwischen pensioniert, hat er 2008 unter dem Titel »Die Sternchen der Pusteblume« im Verlag Hans Schiler seine Lebenserinnerungen herausgebracht |