Alle Schulen brauchen Schulsozialarbeit
Die Stellen dafür sollten nicht zweckentfremdet werden
von Berthold Pleiß, Sozialpädagoge an der Dag-Hammerskjöld-Oberschule
Mit Beginn des Schuljahres 2010/11 werden die Sekundarschulen mit 3,5 Stellen Schulsozialarbeit ausgestattet. Ein großer Erfolg! Wenn wir aber bedenken, dass Anfang der siebziger Jahre an den Gesamtschulen der Stellenpool schon vorhanden war, dämpft der Gedanke die Fortschrittlichkeit der Berliner Schulreform. Dennoch, es ist gut so, dass die Schulsozialarbeit endlich einen Stellenwert in der Schullandschaft einnimmt. Schon durch die Einführung des durch den Europäischen Sozialfonds (ESF) geförderten Projekts »Jugendsozialarbeit an Berliner Hauptschulen« wurde im Mai 20006 ein zukunftsweisender Schritt vollzogen. Der an die Öffentlichkeit getragene Brief des Kollegiums der Rütli-Schule bewirkte sogar, dass die restlichen Berliner Hauptschulen schon im September 2006 eine Stelle für die Schulsozialarbeit bekamen. Im nächsten Schritt waren die Sonderschulen an der Reihe und heute können auch die Grundschulen von der Initiative des Rütli-Kollegiums profitieren. Erwähnenswert sind außerdem die über die Jugendhilfe finanzierten SchülerInnenclubs und Schulstationen. Trotz dieser positiven Entwicklung gibt es Handlungsbedarf, der sich hinter den 3,5 Stellen pro Sekundarschule verbirgt.
Für die Qualität einer Schule spricht die kontinuierliche Zusammenarbeit aller am Schulleben beteiligten Akteure. Gemeint sind hier in erster Linie LehrerInnen und SchulsozialarbeiterInnen, die für die Professionalität an einer Schule sorgen. Kontinuität heißt auch Verlässlichkeit. Mit der Einführung des 3,5 Stellenanteils auf einer flexiblen Basis kann aber eine Verlässlichkeit hinsichtlich der SchülerInnen nicht gewahrt werden. Vorgesehen ist im Gesetzentwurf, dass jede Schule »eigenverantwortlich« über die Verwendung der zugewiesenen finanziellen Mittel für 3,5 Stellen frei verfügen kann. In der Praxis kann die Schule den Umfang der Stellen mit SozialarbeiterInnen oder ErzieherIn-nen im vollen Umfang ausnutzen, eine andere Schule kann wiederum auf eine Kontinuität der Schulsozialarbeit als festen Bestandteil im Kollegium verzichten. Eine weitere Schule entscheidet sich für zwei feste Stellen und der Restbetrag wird flexibel für Projekte verwendet. Die Modellvielfalt ließe sich hier weiter ausbauen. Gegen eine flexible Handhabung sprechen die Kontinuität der Schulsozialarbeit und ihre Etablierung an den Schulen.
Das ist nämlich grob betrachtete noch nicht geschehen. Der Konkurrenzdruck zwischen SozialarbeiterInnen und LehrerInnen ist dabei nicht zu vernachlässigen.
Schulsozialarbeit ist neu und bringt damit andere Sichtweisen in die einzelne Schule. Der Blick auf die Ressourcen der SchülerInnen in seiner sozialpädagogischen Ausprägung ist oft neu. Dieser Blick, mit einem prozessualen Handlungsmuster gepaart, steht dem traditionellen Leistungsgedanken der Schule entgegen. Es sieht so aus, als passen die-se beiden polarisierten Sichtweisen nicht zusammen. Der Anschein trügt. Beide Sichtweisen können sich wunderbar ergänzen. Dazu bedarf es allerdings einer kontinuierlichen Zusammenarbeit zwischen festangestellten SchulsozialarbeiterInnen und LehrerInnen. Die Schulsozialarbeit muss mit SozialpädagogInnen in Verbindung gebracht werden, die tagtäglich in der Schule präsent sind, so wie wir es von LehrerInnen gewohnt sind. Um das Vertrauensverhältnis zu den SchülerInnen aufbauen zu können, bedarf es erfahrungsgemäß eines längeren Zeitraums. Immer wiederkehrende Projekte sind dazu kaum in der Lage.
Wir benötigen eine Schule, an der LehrerInnen wie auch SchulsozialarbeiterInnen und ErzieherInnen zum festen Bestandteil zählen und als Team zusammenarbeiten. Erst der Prozess des Zusammenwachsens beider Professionen ermöglicht eine erfolgreiche integrierte Sekundarschule.
Welche Argumente sprechen aber nun aus Sicht der Schulreformer für die Flexibilität? Bezirke mit weniger problematischen SchülerInnen benötigten keine festen SozialarbeiterInnen, weil hier eine gutbürgerliche Schicht beheimatet sei. Im Gegensatz dazu wird die Festschreibung von SozialarbeiterInnen in Stadtteilen mit einem hohen Anteil von MigrantInnen empfohlen. Schulsozialarbeit ist aber unabhängig von der Schulform nötig, wie uns die Amokläufe zeigen. Die Gesellschaft ist im Wandel.
Schulsozialarbeit hat für alle SchülerInnen ein offenes Ohr. Es ist daher nicht relevant, in welchem Bezirk sich eine Schule befindet, sondern dass der Beziehungsaufbau zu den SchülerInnen im Mittelpunkt steht und ein Konkurrenzabbau zwischen den Professionen stattfindet. Dazu benötigt jede Schule mindestens feste 3,5 Stellen!
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