GEW Berlin
GEW BERLIN
Home  
Aktuelles  
Adressen  
Downloads  
GEW-Zeugnis  
Gruppen|Gremien  
Informationen  
Inhalt  
Lehrproben  
Mitgliederportal  
Mitglied werden  
Seminare  
Service  
Themen  
Veranstaltungen  
Zeitschrift (blz)  
Impr./Kontakt  
Nr. 04-05/2000
Interview mit Senator Böger:
"Diese Demonstration ist eine Herausforderung"

Interview mit Senator Klaus Böger

Sie sind jetzt fast 100 Tage im Amt und haben über 40. 000 Eltern, Schüler und Lehrer für eine andere Bildungspolitik auf die Straße gebracht. Was macht Klaus Böger daraus?

    Diese Demonstration von 40. 000 Menschen ist für mich eine Herausforderung. Aber ich beurteile die dort erhobenen Forderungen nicht durchgehend als Gegenwind, sondern auch als Unterstützung bildungspolitischer Ziele. Mit Ausnahme der Frage der Erhöhung der Lehrerarbeitszeit, hier werde ich der Forderung nach Rücknahme der Erhöhung nicht nachkommen, teile ich die anderen Forderungen: Qualität, Minimierung des Unterrichtsausfalls, Computer in Schulen, das Bildungssystem überhaupt fit zu machen für das 21. Jahrhundert.

Und wie geht es jetzt weiter, nach der Demonstration?

    Ich lade die Eltern zu einem Gespräch ein und werde mich mit den einzelnen Forderungen auseinander setzen; genauso wie ich dies auch mit den Berufsverbänden tun werde und schon getan habe. Was ich plane ist, dass die Ansätze für Lehrund Lernmittel, die ja über die Bezirke laufen, so festgeschrieben werden, dass daran nichts mehr verändert werden kann. Des Weiteren will ich eine Unterrichtsabdeckung bekommen, bei der die im Stundenplan vorgesehenen Stunden auch tatsächlich erteilt werden können. Unterrichtsausfall kann man nie ganz vermeiden, aber es kann nicht sein, dass Fächer wochenlang gar nicht unterrichtet werden. Um dies zu ermöglichen, werde ich in diesem Jahr 500 Lehrkräfte einstellen, im nächsten Jahr dann noch einmal 600 – das ist fest zugesagt.

Es hat das Gerücht gegeben, dass Sie auch an der Demonstration teilnehmen wollten. Stimmt das?

    Nein. Es verletzt mich schon, wenn ich „Böger, der Betröger“ lesen muss, und es ist auch nicht angenehm, Rufe zu hören wie „Böger raus“. Ich hätte mir da schon eine Tarnkappe aufsetzten müssen, wenn ich dort hätte mitgehen wollen. Davon halte ich nichts.

Die Aufgaben, denen Sie sich gestellt haben, betreffen vorwiegend den administrativen Bereich: Abdeckung des Unterrichtsbedarfs, Regelung für den Religionsunterricht, Übergang auf die Oberschule. Welche pädagogischen Akzente wollen Sie in Ihrer Amtszeit setzen?

    In der Administration kann noch einiges verbessert werden. Es gibt viele Menschen in diesem Haus, im Landesschulamt und meiner Behörde, die sehr gut arbeiten, aber es gibt zwischen Schulaufsicht, Landesschulamt und meiner Behörde auch Abstimmungs- und Klärungspunkte. Die Bearbeitung dieses Problems habe ich aber zunächst zurückgestellt. Was ich in der kurzen Zeit seit Amtsantritt angefangen habe, ist die Klärung der Frage der Seiteneinsteiger bei den Berufsschulen und eine Änderung des Übergangs von der Grundschule auf die Oberschule. Außerdem sind wir in der Vorabstimmung für das große Reformwerk Schulgesetz. Stichwort Eigenverantwortung von Schulen, Schulprofil, Schulprogramm. Das wird die große Herausforderung sein, weil ich glaube, dass wir in Berlin nur vorankommen, wenn wir den Schulen mehr Eigenverantwortung geben. Die nächste Herausforderung ist, die Schulen fit zu machen für das 21. Jahrhundert. Wenn wir hier nicht einen energischen Schritt machen, wird die Schule in Berlin nicht zukunftsfähig sein. Der dritte Punkt betrifft die Frage, was sollen wir lernen und mit welchen Methoden? Hierzu gibt es schon Vorarbeiten und Diskussionen.
    Viertens: Dank der Arbeit der von mir eingesetzten Bildungskommission ist klar, dass wir einen zu hohen Anteil von Schülern haben, die ohne jeglichen Abschluss die Schule verlassen. Davon sind insbesondere Kinder betroffen, die nicht hier geboren sind oder deren Muttersprache nicht deutsch ist. Ich werde darauf drängen, dass sich hier etwas ändert.
    Fünftens: Ich möchte bereits zum Schuljahr 2000/2001 den Berufsschulen die erweiterte Selbstständigkeit geben. Zugleich werde ich mit einer Kommission im Frühsommer nach Dänemark fahren und mir die dortigen Modelle genauer anschauen. Nach meinen Informationen sind die Dänen, was die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Wirtschaft und die Selbstständigkeit der Schulen betrifft, uns meilenweit voraus.

Praktiker in den Berliner Schulen stellen verstärkt Erziehungsdefizite fest. Wie soll das Ihrer Meinung nach aufgefangen werden?

    Ich habe keine Masterlösung. Ich weiß nur, dass Schule allein diese Probleme nicht bewältigen kann. Und ich weiß, welche wichtige Rolle die Schulstationen in dieser Frage spielen. Deshalb versuche ich in den gegenwärtigen Verhandlungen mindestens 100 Schulstationen zu sichern.

Könnten Sie sich denn vorstellen, die Schulstationen als Regelangebot der Berliner Schule aufzunehmen – und abgekoppelt von einer ABMFinanzierung?

    Darum geht es. Das ist der eigentliche Punkt. Aber ich kriege dabei aus Finanz- und Konsolidierungsgründen gewaltigen Gegenwind. Mir ist klar, dass eine Gesellschaft für solche Defizite immer bezahlt. Wenn nicht jetzt, dann später.

Herr Böger, Sie haben sich für die Beibehaltung der sechsjährigen Grundschule ausgesprochen. Wie sollen Ihrer Meinung nach die 5. und 6. Klassen an der Grundschule gestärkt werden?

    Mir ist damals bei der Diskussion um den Hauptstadt-Umzug klar geworden, dass die Zulassung von mehr grundständigen Gymnasien einen Rutschbahn-Effekt auslösen würde: Das „normale“ Gymnasium würde als zweit- und drittklassig entwertet werden. Das kann niemand wollen, der die Berliner Schule in ihrer Vielfalt stärken will. Die sechsjährige Grundschule ist nach Meinung der Experten das eigentlich fortschrittliche Modell. Die Botschaft höre ich wohl, aber es fehlt der Glaube in anderen Bundesländern. Wenn es uns gelingen würde, die binnendifferenzierte Förderung so zu stärken, dass auch Kinder, die schneller lernen, dort gefördert werden, dann wäre das ein gangbarer Weg.

Also favorisieren Sie nicht die äußere Differenzierung?

    Ich möchte eine Optimierung der Binnendifferenzierung und ich möchte, dass Grundschulen ihren Weg dahin ausprobieren können. Ich weiß zudem, dass in Vor- und Vergleichsuntersuchungen zu PISA die Berliner Grundschulen hervorragend abgeschnitten haben. Die Berliner Grundschule braucht meiner Meinung nach vor einer vergleichenden Qualitätskontrolle keine Angst zu haben.

Wie beurteilen Sie den gegenwärtigen Stand der Integration an der Berliner Schule?

    Berlin hat dort eine Menge gemacht. Das ist nach wie vor eine wichtige bildungs- und gesellschaftspolitische Leistung, die wir erhalten sollten. Die Qualität einer Gesellschaft zeigt sich auch daran, wie sie mit denjenigen Menschen umgeht, die lernbehindert sind.

Sie haben Vergleichstests in den 10. Klassen vorgeschlagen. Was versprechen Sie sich davon?

    Im März wird es ein größeres Treffen aller Beteiligten zum Thema PISA geben. Ich möchte dieses Treffen dazu nutzen, um Vorbehalte bei denen abzubauen, die in den Schulen lehren. Denn es geht hier nicht darum, lediglich Defizite aufzudecken, sondern darum, anhand objektiver Maßstäbe zu erfahren, welche Leistungen wir erreichen und was wir nicht erreichen. Wenn wir die Ergebnisse haben, kann geklärt werden, warum wir manches erreichen und manches nicht. Vergleichstests in den 10. Klassen hat die von mir initiierte Bildungskommission vorgeschlagen. Ich befürworte das. Ich glaube, dass wir uns alle mit der Frage auseinander setzen müssen, was wir eigentlich mit dem in die Bildung investierten Geld erreichen. Der Schule werden beständig Defizite angelastet, was in vielen Fällen ungerecht ist. Aber wir müssen auch aufzeigen, was Schule tatsächlich leistet. Deswegen die Vergleichstests.

Kommt in Berlin das Zentralabitur?

    Davon halte ich nichts. Ich glaube, wir haben ein gutes System. Wer das Zentralabitur einführen möchte, sollte erst einmal zeigen, in welcher Hinsicht es besser ist als das Berliner System.

Sie wollen den Schulen einen Stundenpool geben. Wenn nun weitere Kürzungen anstehen: Können die Schulen unter diesen Umständen den Pool überhaupt kreativ verwenden oder ist das reine Mangelverwaltung?

    Kreative Mangelverwaltung haben wir seit Jahren in den Schulen. Ich will nicht verhehlen, dass ich die Auflage habe, bei den 3.400 Stellen für Sonderaufgaben, die nicht ausfinanziert sind, Korrekturen anzubringen. Aber vom Prinzip her: Ich halte außerordentlich viel davon, dass man den Schulen mehr Selbstständigkeit und Entscheidungsspielräume gibt bei Fragen des Schulprogramms aber auch bei der Verteilung von Entlastungstatbeständen und -aufgaben. Lehrer müssen hier lernen, Konflikte zu regulieren und auszuhalten. Gesamtkonferenzen müssen wichtige Entscheidungen treffen können. Also: Ich möchte der Schule Spielräume geben, aber auch nicht verschweigen, dass an der einen oder anderen Stelle auch abgeknapst wird. Gerne würde ich es so machen wie die Hamburger: Dort wird den Schulen die Möglichkeit gegeben, die Zahl der Stunden der einzelnen Lehrkraft selbst zu bestimmen.

Im letzten Jahr haben Sie noch davon gesprochen, dass die erforderlichen Stellen ausfinanziert seien. Haben Sie sich vom Finanzsenator über den Tisch ziehen lassen?

    Ich lasse mich nicht so leicht über den Tisch ziehen. Es ist richtig, ich habe in den Koalitionsverhandlungen in einem Protokoll die imaginären 30.446 Stellen als ausfinanzierte Stellen festschreiben wollen. Durch die allgemeinen Eckdaten, die da gekommen sind, habe ich das nicht halten können. Aber eines ist klar: Der mit der GEW abgeschlossene Vertrag wird auf Punkt und Komma umgesetzt und eingehalten. In welcher Form die Arbeitszeitkonten zurückgezahlt werden sollen, möchte ich mit der GEW verhandeln. Entweder man bekommt ein Modell, bei dem eine Stunde weniger unterrichtet wird, oder man bekommt ein Modell, bei dem die Stunden ausgezahlt werden. Darüber müssen wir noch reden.

Wie sieht es mit dem neuen Schulgesetz aus? Wird eine sozialdemokratische Handschrift dort noch erkennbar sein?

    Wenn ich etwas verantworte, dann möchte ich selbstverständlich auch eine sozialdemokratische Handschrift dort sehen. Ich versuche im März eine Grundabstimmung zwischen den Koalitionsfraktionen zu erreichen. Dann wird ein Entwurf erarbeitet mit den entsprechenden Beteiligungsschritten. Ich betone, dass mit diesem neuen Schulgesetz aber nicht die grundlegenden Leitlinien des bisherigen Schulgesetzes und des Schulverfassungsgesetzes über Bord geworfen werden. Die Frage ist, wie wir die Berliner Schule weiterentwickeln und welche neuen Formen wir einführen, z.B. mehr Eigenverantwortung für die Schulen, eine veränderte Stellung des Schulleiters, Qualitätsentwicklung usw.
Herr Böger, wenn man ihre 100-Tage-Bilanz liest, dann gewinnt man den Eindruck, Sie sind nur für den Schulbereich zuständig. Hat der Jugendsenator Urlaub, oder wo ist er?

    Den Eindruck könnte man gewinnen: Weil man mit dem Schulbereich zurzeit so viel zu tun hat, kommt der Jugendund Sportbereich tatsächlich zu kurz. Aber trotzdem ist Berlin in vielen Punkten beispielhaft, was die vielfältigen Unterstützungsformen der Jugendhilfe betrifft. Das Hauptproblem hierbei ist, dass der Haushalt eine Lückenfinanzierung durch das Lotto vorsieht. Das heißt, ich muss erst einmal sicherstellen, dass mir fast 10 Millionen finanziert werden. Das zweite große Problem ist, dass das Sonderprogramm gegen Gewalt ausläuft, dies ist auch bisher aus Lottogeldern finanziert worden. Das heißt, ich muss den gesamten Jugendbereich auf eine gesunde haushaltspolitische Grundlage stellen.

In der Koalitionsvereinbarung wurde als Schwerpunkt genannt, dass die Zusammenarbeit von Schule und Jugendarbeit gestärkt werden soll. Gibt es da konkrete Planungen?

    Die beiden Verwaltungen führen Gespräche darüber, aber etwas Konkretes kann ich noch nicht sagen. Ich wünsche mir aber nach wie vor eine stärkere Zusammenarbeit, denn es geht um die selben Kinder und Jugendlichen, die sich ja nicht ändern, wenn nachmittags die Schule aus ist. Das läuft ja auch oft schon, man braucht nicht immer administrative Anweisungen.

In der Koalitionsvereinbarung steht auch die Absicht, die Kitakostenbeiträge zumindest bei einkommensschwächeren Eltern zu senken. Wie sieht es damit aus?

    Der Etat für die Kitakosten ist eigentlich zu niedrig. Es gibt Verhandlungen, wie wir das ändern können, aber gegenwärtig fehlen 40 Millionen. Deswegen ist eine Senkung der Kostenbeiträge nicht in Sicht. Wir haben allerdings ein Phänomen in Berlin: Zwar gibt es immer weniger Kinder, aber die Anmeldezahlen bei den Kitas sind dauerhaft hoch. Möglicherweise bringen viele Brandenburger, die in Berlin arbeiten, auch hier ihre Kinder in eine Kita. Das ist grundsätzlich nicht abzulehnen, aber leider haben Berlin und Brandenburg keinen gemeinsamen Haushalt.

Ihre VorgängerInnen haben trotz unterschiedlicher Parteizugehörigkeit in ihrer Amtszeit mit der GEW kooperiert und eine Reihe von Verträgen abgeschlossen und umgesetzt. Sie sollen gesagt haben, die GEW dürfe nicht die Politik Berlins bestimmen. Kündigen Sie die Kooperation auf?

    Zunächst möchte ich einmal feststellen, dass die GEW der größte Lehrerverband dieser Stadt ist und das jeder Schulsenator, ich eingeschlossen, Kooperation und Dialog mit den Verbänden sucht. Ich bin nicht der Kämpfer gegen die GEW. Aber es gibt einen Punkt, der wohl nicht konsensfähig ist: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Berufsverband bei Mehrarbeit zustimmt. Da überfordert man jeden Berufsverband. Ich aber muss bestimmte politische Ziele in einem relativ engen finanzpolitischen Rahmen umsetzen. Nur in diesem einem Punkt stehe ich diametral zur GEW. Probleme hätte ich, wenn die GEW zu einem Streik aufrufen würde: Da wäre ich als Dienstherr immer gefordert zu sagen, dass das nicht mit der Rechtslage übereinstimmt.

Können Sie sich zu der Aussage durchringen, für diese Legislaturperiode ist Schluss mit der Arbeitszeitverlängerung, die Grenze ist erreicht?

    Ich sehe durchaus den Hintergrund des massiven Protestes, nämlich die Sorge, dass die Politik nur an der Schraube Mehrarbeit dreht, ohne die tatsächlichen Arbeitsleistungen im Auge zu haben und ohne dafür zu sorgen, dass die Schulen besser ausgestattet werden. Das verstehe ich. Zweitens besteht natürlich die Befürchtung, dass Berlin einen Schritt voran geht, und andere Bundesländer schnell folgen werden. Das kann ich zwar nachvollziehen, darauf habe ich aber keinen Einfluss. Aber zu ihrer Frage: Ich kann mir gegenwärtig keine Bedingungen vorstellen, bei denen es zu einer weiteren Erhöhung der Arbeitszeit der Lehrer kommt. Ich halte das, was wir jetzt auferlegen, für eine harte, aber zumutbare Belastung, die leider noch verschärft wird durch das hohe Durchschnittsalter der Lehrkräfte in Berlin. Also: Eine weitere Erhöhung kann ich mir nicht vorstellen.

Für die blz führten das Gespräch Pit Rulff, Ralf Schiweck und Klaus Will

zurück nach oben
Login
Registrieren
Hilfe
Beitragsquittung für 2011 ausdrucken
Mitmachen: Projekte
blz - die Zeitschrift der GEW BERLIN
Mediadaten
Terminplan
Jahrgang 2012
Jahrgang 2011
Jahrgang 2010
Jahrgang 2009
Jahrgang 2008
Jahrgang 2007
Jahrgang 2006
Jahrgang 2005
Jahrgang 2004
Jahrgang 2003
Jahrgang 2002
Jahrgang 2001
Jahrgang 2000
Jahrgang 1999
Wir über uns
Kalender 2012/2013 bestellen
Service und Beratung
Ich möchte Mitglied werden
Mitglieder werben Mitglieder
Markt / Kleinanzeigen
Zeugnisprogramm