Theateraufführungen kritisch gesehen
Hans-Wolfgang Nickel
»Ein Ort zum Glück« vom Theater 7Schuh ist eine versponnene, bunt-abenteuerliche Wohnungswechselreise von überbordender Fantasie, die durch eine Fülle von Spiel-Gegenständen klar und konkret gemacht wird. Ernstes und Schweres (Tod, Trennung) werden nur angetupft; meist bleibt es abenteuerlich-heiter im Zauber der Verwandlungen. Das bieder-bürgerliche Ende enttäuscht ein wenig; die vielen Episoden (etwa 20 verschiedene Schauplätze!) mögen verwirren, bieten aber reiches Material zum Nacherzählen, Weiterspinnen (und zum Nachhören im Hörspiel von Peter Stamm) (ab 4).
Auch der Ikarus-Preis 2009 ging an ein Figurentheater für die Kleinen: »Ente, Tod und Tulpe« vom Theater Couturier & Ikkola. Es geht wirklich um Leben und Tod – klar und dezent, spielerisch leicht und (auch Erwachsene) berührend (ab 5).
Bei Platypus spielen vier Clowns und ein Musiker »Alice« in englischer Sprache – aber nicht »im Wunderland«, sondern ganz konkret auf der Bühne: mit Pannen, Diskussionen, Wiederholungen, Clownspäßen und der Einbeziehung des Pub-likums in eine »Massenszene«. Das bietet die Chance, immer wieder ein- und auszusteigen, zu kommentieren, sich zu streiten, zu erklären; es macht es also auch zwanglos möglich, schwierige Formulierungen zu umschreiben oder auf Deutsch verständlich zu machen – weil auch die vier Clowns nicht alle »richtig« Englisch können. Und nicht zuletzt sorgen die Clowns für ein sinnlich-derbes, mitreißend-anschauliches Theater. Also spielerisch wie sprachdidaktisch gekonnt (für 4./5. Klassen, 2. bis 3. Jahr Englisch; das Thea-ter hält ein Paper bereit mit Erläuterungen, Sprachübun-gen und Spielvorschlägen).
In Michael Endes »Momo« sind die grauen Herren und ihre Zeitsparkasse ebenso wie Meister Hora blasse Allegorien, unlogisch und unpoetisch. Höchst sehens- und hörenswert aber ist, was Atze aus der Geschichte macht im Zusammenspiel der szenisch-musikalischen Mittel (ab 8).
»Aufbruch aus Troja« borgt von Euripides nur ein paar Namen und verkehrt die Verschleppung der trojanischen Frauen in griechische Betten und griechische Sklaverei in ihr Gegenteil: den verzweifelten Versuch von Bootsflüchtlingen, in die hermetisch abgeriegelte Festung Europa zu gelangen. Die historische »Verfälschung« ermöglicht jedoch eine klare und scharfe, nicht folkloristisch verbrämte Konfrontation: Flüchtlinge aus mythischer Ferne treffen auf europäische (deutsche) Gegenwartsbürokratie und -hierarchie. Noch verschärft wird der Gegensatz durch zwei unterschiedliche, voneinander getrennte Spielräume (freilich auch abgeschwächt durch Zitate aus Chaplins großem Diktator) – eine weniger durch den Text als durch körperliche Präsenz eindrucksvolle Inszenierung des Teatro Instabile Berlino im Ballhaus Naunyn (ab 16; sinnvoll ist es, denke ich, die klassisch-historischen Zusammenhänge vorher zu klären; die politischen Gegenwartsprobleme brauchen dann wahrscheinlich eine Nachbereitung).
Grips hat 40. Geburtstag, Volker Ludwig und seine Truppe aber machen den Berlinern ein Geschenk: »Linie 2 – der Alptraum«. Hingehen! (Und weil das Stück auch immer wieder vom Theater und vom Theatermachen handelt, gilt das noch einmal besonders für Schultheatergruppen! – ab 14 – und ganz besonders für Grips-Kenner). |