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Nr. 01 / 2010: Theateraufführungen kritisch gesehen

Theateraufführungen kritisch gesehen

Hans-Wolfgang Nickel

Mit »Rosinen im Kopf« gelingt Grips eine präzise Balance zwischen positiver Fantasie und der Flucht in Spinnerei und Traum-Imitate – in Super-Star-Pseudo-Ereignisse. Dabei ist die Spinnerei höchst theaterwirksam und unterhaltsam – und virtuos gespielt. Zugleich gibt das Stück neben prägnanter Medienerziehung einen klaren Einblick in unterschiedliche soziale Systeme und Familienstrukturen, ihre Chancen und Erfahrungsmöglichkeiten. Die Story bringt ein turbulentes Auf und Ab, bis die Kinder zusammenfinden und ein burlesk-fröhliches, ländlich geerdetes Ende bei der Oma im Oderbruch feiern können (ab 10).

Im Hans-Otto-Theater Potsdam werden Zeitzeugen behutsam in Szene gesetzt. Das Dokumentar-Theaterstück »Vom Widerstehen – über den Widerstand in einer Diktatur«, kommt ohne Theaterei aus, beschränkt sich auf das Wesentliche, auf Geschichten und Personen, die für sich sprechen. Im Lauf des Abends verflechten sich die Erzählungen mehr und mehr, bauen Bezüge zueinander auf, zwar deutlich auf Potsdam bezogen, aber darüber hinaus verständlich, erhellend, ergreifend, wirkungsvoll und wichtig (mit Vorbereitung ab 14).

»Sokratomania« im Haus der Sinne bringt klug ausgewählte Texte (einleitend Ovid, dann Sokrates-Texte von Platon), manchmal mit Licht und Bewegung zu sehr theatralisiert. Dazu ab und an moderne Kommentare, bei denen leider nicht klar wird, von wem sie sind und welche Wertigkeit sie haben (sollen). Ansonsten eine gute Möglichkeit, die Argumentationskunst des Sokrates einmal »live« zu erleben (Sek II).

Das Theaterforum Kreuzberg ist wichtig für vergessene, übersehene Literatur. Diesmal »Hunger und Durst« von Ionesco; ein großer Abend mit einer weit gespannten Geschichte. Es beginnt mit einem absurden Kammerspiel (das die Familien-Realität eines jungen Paares sichtbar macht); der Ehemann bricht auf; dann eine Rätselszene nicht vor dem Gesetz, sondern vor dem Museum; es folgt eine 1966, ein Jahr nach der Uraufführung, eigens für Berlin geschriebene Mauerszene; schließlich, nachdem die Inszenierung schon mehrfach durch Umbauten verblüffte, eine großes theatrales grotesk-beängstigendes Masken-Finale – intellektuell wie emotional ein Absturz in eine Höllengesellschaft. Nur in der Ferne scheint noch einmal das Bild des bürgerlichen »Glücks« vom Anfang auf. – Diese Berliner Erstaufführung zum 100. Geburtstag von Ionesco sollten sich zumindest am Theater und seiner Geschichte interessierte Gruppen nicht entgehen lassen, zumal in »Hunger und Durst« der frühe wie der spätere Ionesco deutlich werden (Sek II).

Mozarts »Cosi fan tutte« im E-Werk, inszeniert und dirigiert von Christoph Hagel, ist kräftig und prägnant in Musik und Spiel; ein hörenswertes und ansehnliches Ensemble musiziert und agiert; E-Werk-Reste werden geschickt genutzt. Die moderne Übersetzung in eine Fernsehshow (»Sex, Lügen und TV«) erleichtert den Zugang für opernferne Besucher; der aktuelle Rahmen lässt Mozart und seine Szenen jedoch unangetastet, ist für sich durchaus witzig und hält für Paparazzi und Quotenjäger einige Ohrfeigen parat (ab 15).

»Prometheus, gefesselt« in der Schaubühne kann vor der großen Bühnenrückwand und mit den ansteigenden Rängen durchaus ein antikes Theater evozieren; die Inszenierung ist deutlich auf Sprache gestellt, stark gekürzt (nur zwei Spielerinnen im Chor) und hält einige szenische Überraschungen bereit. Inhaltlich ist der gefesselte Prometheus der unbeugsame Freund der Menschen und Gegner des Zeus; in welcher Form dieser einzig erhaltene (erste? zweite?)Teil einer Trilogie von Aischylos zu einem Ende geführt wurde, lässt sich nur erahnen. Wichtig für Gruppen, die sich mit dem Anfang des abendländischen Theaters befassen; vorherige Einführung ist wichtig (Sek II).

Noch einmal Schiller, diesmal in der Volksbühne. Es sah aus wie eine ernsthafte dramaturgische Überlegung: Ozean, Meer, Wasser als Metapher für lockende Freiheit, Grenzenlosigkeit – zugleich ein gefährliches, weibliches, verschlingendes Element. Dazu drei unbekannte Schiller-Fragmente, »Seestücke«, als Entdeckung ein Beitrag zum Schillerjahr. Drei unterschiedliche Regisseure. Teil 1 mit klarer Struktur, meditativer Langsamkeit, gleichmäßigen Wiederholungen (Musik, Gesang, schreitende Bewegung); darin mit etwas Mühe verständliche Schiller-Sätze, über die sich gut nachdenken ließ. Immerhin möglich und ganz erholsam. Dann wirres Durcheinander: Film vom Panama-Kanal, neun Schauspieler schlagen je ein Zelt auf, holen weitere Zelte aus der Kulisse, sieht hübsch bunt aus, setzen Zelte ins Publikum; dazu nerviger tiefer Brummton, meist unverständliche Texte, Teil 2 verläppert. Teil 3 beginnt mit Schreierei; keine Ahnung, wer da schreit und warum; nerviger hoher Piepston; ab und an Lärm von einer Band. Manchmal sind Wörter, Sätze zu verstehen. Zwischendurch, ganz spannend, Anweisungen eines Regisseurs über Mikrofon, dem die Spieler zögerlich folgen – oder auch nicht. Aufsagen von Texten an der Rampe. Nicht unbedingt von Schiller (auch Rousseau!), nicht unbedingt aus den Seestücken (auch »Über das Erhabene«). Riesen-Aufwand. Kaum ein Ergebnis. Zum Schluss öffnet und schließt sich der Vorhang etwa 12 oder 15 mal – ein »geniales« Bild: Das Theater hat ein großes Maul, aber nichts zu sagen.
 

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