Theateraufführungen kritisch gesehen
Hans-Wolfgang Nickel
»Gurke oder Banane« von den Gorillas im Ratibortheater verknüpft eine Reihe von Improvisationen als Wettbewerb um ein Regiestipendium locker miteinander und hat von daher sowohl klare Struktur wie eine gewisse Gesamtspannung. Die vielen Einzelszenen warten mit immer neuen Überraschungen auf, formal wie inhaltlich, sind durchweg direkt zündend, »kommen an« mit viel Gelächter. Dazwischen aber immer wieder unmittelbare Gegenwart, treffende Bemerkungen, kluges Anspielen von kleinen Alltags- und großen politischen Problemen – wirkungsvolles Theater mit leichter Hand, aber durchaus gewichtig, bedeutungsvoll (ab 15).
»Dritte Generation« ist ein faszinierendes Gemeinschaftsprojekt von Schaubühne und Habima, dem israelischen Nationaltheater, in deutscher, arabischer, hebräischer und englischer Sprache, mit israelischen, palästinensischen und deutschen Darstellern und einer Regisseurin aus Israel; ein wichtiges »Brücken«-Projekt zwischen drei Völkern in ihrer politisch-menschlichen Verhedderung; besonders aufwühlend als rücksichtslos-persönliches »work in progress«. Schließlich allerdings doch enttäuschend, wenn es nach längerer Tournee nach Berlin zurückkommt, nur Minimal-Veränderungen aufweist und nicht die Kraft zu -einer (künstlerischen, politi-schen, gruppendynamischen) Entscheidung gefunden hat – oder eine Nicht-Entscheidung klar formuliert. Trotzdem: wichtiges, bewegendes Theater als Zeugnis von und Arbeit an Gegenwart.
Zwiespältig auch »Berlin Alexanderplatz«; ein überzeugender Spielraum, große Bilder, kräftig und treffend; frappierend die Äußerungen des Chors von ehemaligen Strafgefangenen, resolute Gegenwart, Eigen-erfahrungen. Trotzdem wirken diese Spieler merkwürdig deplatziert – ohne dass die Spannung zum Veranstaltungsort bewusst gemacht, ausgespielt, in ihrer Bedeutung akzentuiert wird. Dann werden sie zu Randfiguren, fast Statisten; mehr und mehr übernehmen die vier professionellen Schauspieler, ohne dass der Roman von Döblin klare Konturen erhält und die Geschichte von Franz Biberkopf in der Dramatisierung richtig klar wird. Auch hier also: wichtig, sehens- und hörenswert; aber nicht gut und treffend genug (ab 16). »Der nackte Wahnsinn« – eine Kreativhaus-Inszenierung im Heimathafen Neukölln – ein eher belangloses Stück mit reichlich Klischees zu Frauen und zum Theater – aber mit dem gehörigen Tempo und furiosem Engagement zum großen Gaudi des Publikums gespielt (ab 16). |