| Die Abteilung Wissenschaft hatte zu einem Forum eingeladen, und beinahe alle Meinungen waren vertreten: von der euphorischen Hoffnung bis hin zu den skeptischen Warnern. Einzig die Position einer strikten Ablehnung der neuen Studiengänge tauchte weder in den Referaten noch in den Diskussionen auf.
Das breite Meinungsspektrum ging sicherlich auch auf die bunte Mischung der Personen zurück, die sich hier zum Erfahrungstausch zusammenfanden, denn von Studierenden bis zu Professor-innen versammelten sich hier nicht nur alle Statusgruppen, sondern die Teilnehmer repräsentierten auch einen Querschnitt durch die Berliner Hochschullandschaft.
Welche Fragen standen im Mittelpunkt der Debatte?
Erstens: Welche Konzepte und Erfahrungen gibt es von der Einführung von B.A./M.A.-Studiengängen in deutschen, insbesondere Berliner Hochschulen zu berichten? Zweitens: Wie verhält es sich mit der geforderten Internationalisierung mit Hilfe der neuen Studiengänge? Und drittens: Wie steht es um die nationale und internationale Relevanz und Akzeptanz der neuen Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt?
Zum ersten Themenkomplex gab Heidrun Jahn (Institut für Hochschulforschung Wittenberg) eine instruktive, nicht unkritische, aber insgesamt doch positiv eingestellte Einführung, während die Vizepräsidentin der FU, Gisela Klann-Delius, im Verlaufe des Abends eher den Part der nachdenklichen Skeptikerin übernahm. Erstere wartete mit den nüchternen Zahlen auf, dass bis zum Wintersemester 1999/2000 bundesweit bislang 243 neue Studiengänge (vor allem M.A. weniger hingegen B.A.) eingeführt worden seien, zum gleichen Zeitpunkt befanden sich 371 noch in der Phase der Genehmigung. Romuin Reich (Projektgruppe Internationale Hochschulund Forschungspolitik der GEW) ergänzte, dass die Berliner Hochschulen hiervon etwa zehn Prozent stellen.
Die Einführung der neuen Studiengänge bietet in dreierlei Hinsicht eine Chance zur Erneuerung:
- unter der Voraussetzung der Entrümpelung der Studienordnungen und der stärkeren Einbeziehung von Praxisanteilen einen schnelleren und berufsrelevanteren Abschluss als bisher zu erzielen;
- durch die Zusammenführung von Studieninhalten zu größeren thematischen Modulen die bessere Möglichkeit eines lebenslangen Lernens mit zeitweiligen Phasen des Berufs und dann wieder des Studiums zu erhalten; und
- die Möglichkeit, auf neue Entwicklungen in der Arbeitswelt besser reagieren zu können, bis hin zur Entstehung neuer „Fächer“ wie „computer engineering“ oder „Bioinformatik“.
Konfrontiert man diese hehren Ziele der neuen Studiengänge mit den praktischen Konsequenzen ihrer Umsetzung, so entsteht eine Reihe von Problemen, und an dieser Stelle setzte die Skepsis vieler Teilnehmer des Forums an. Denn wenn bspw. die Studienzeit verkürzt wird, kann nicht derselbe Lernstoff bloß in einer geringeren Zeit bewältigt werden, sondern die Disziplinen müssen sich auf die Kerncurricula von Fächern einigen.
Wird die geforderte Verringerung der Studienzeiten nicht doch zu einer Verschulung führen, die gerade noch Zeit für das Einpauken von Wissen lässt, während eine breitere wissenschaftliche Fundierung oder die Vermittlung von Werten und Leitbildern im kritischen Seminargespräch unter den Tisch fallen? Wie wird es schließlich um die dringend notwendige Durchlässigkeit vom B.A. zum M.A. bestellt sein und inwiefern gilt dies auch für den Übergang einer/s B. A.-Absolvent-in einer Fachhochschule, die vielleicht nicht nur einen M.A. an einer Uni erwerben, sondern gar gleich auf Promotion studieren möchte – eine Forderung für die sich übrigens jüngst der Wissenschaftsrat stark machte.
Der zweite Themenschwerpunkt des Forums war der Problematik der Internationalisierung gewidmet. Romuin Reich berichtete über die Bemühungen der europäischen Kultusminister, die sehr unterschiedlich ausgestalteten nationalen Hochschulsysteme zumindest dadurch etwas kompatibler werden zu lassen, dass vergleichbare Abschlüsse (Bachelor und Master) angeboten und ein allgemein anerkanntes, transnationales Punktesystem für Studienleistungen (ähnlich dem ECTS = European Creditpoint Transfer System) eingeführt werden und zudem integrierte internationale Studiengänge und die damit verbundene Curriculum-Entwicklung zwischen den Hochschulen unterschiedlicher Nationalstaaten eine verstärkte Förderung erfahren.
Ein dritter Problemkreis war der Frage der Praxisorientierung und Akzeptanz der neuen Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt gewidmet. Romuin Reich fasste die Ergebnisse einer im Oktober 1999 durchgeführten Unternehmensbefragung des Instituts der deutschen Wirtschaft zu den Beschäftigungsmöglichkeiten von B. A./M.A.-Absolvent-innen zusammen. Auffällig ist das sehr große Informationsdefizit der Unternehmen, was sich bereits an der geringen Rücklaufquote von 4 Prozent (281 von 6940 Unternehmen) ablesen lässt. Über die Hälfte der antwortenden Firmen spricht sich für die Beibehaltung der bestehenden Abschlüsse aus, wobei sich Unternehmen mit Auslandsbezug aufgeschlossener als der Durchschnitt zeigen. Interessant ist, dass sich nach den Wünschen der Unternehmen die Qualifikationsprofile von B.A. und M.A. kaum unterscheiden. Vom Bachelor erhofft man sich im Vergleich zum Master nur eine praxisnähere Ausbildung mit größeren EDV-Kenntnissen. Wichtig für die Diskussion um die Hochschulreform ist auch, dass die Kürze des Studiums bei der Gewichtung aller erwarteten Qualifikationen durch die Wirtschaft allenfalls eine Mittelstellung einnimmt – die lautstarken Forderungen von Politik und Arbeitgeberverbänden nach kurzen Studienzeiten scheinen also bei den betroffenen Firmen einer differenzierteren Betrachtung zu weichen.
Viele Fragen, wie zum Beispiel das Problem der Akkreditierung der neuen Studienabschlüsse oder der Studiengebühren bei post-gradualen Studiengängen, konnten nur angerissen werden, so dass der Vorschlag auf Zustimmung stieß, den Erfahrungsaustausch zwischen den Betroffenen in den Berliner Hochschulen nicht gleich wieder abreißen zu lassen. Deswegen sollen die Adressen der Forumsteilnehmer-innen und die Texte der bislang in Berlin genehmigten B.A./M.A.-Studiengänge zusammengestellt und ausgetauscht werden. Wer mehr erfahren möchte, kann sich gerne an die Abteilung Wissenschaft wenden (Kontakt: Matthias Jähne: wissenschaft@ gew-berlin.de). Wenn der neuen Wissenschaftssenatorin tatsächlich ernst mit ihrer Forderung nach rascher und vermehrter Einführung von B.A./M. A. an den Berliner Universitäten ist, dann muss sie auch die finanziellen Voraussetzungen dafür schaffen, dass der mit der Studienreform einhergehende erhöhte Betreuungsund Beratungsbedarf bei der Modularisierung, für die Vermittlung der Praktika und umfassender Fremdsprachkenntnisse auch umgesetzt werden kann, statt sich aus der Mitfinanzierung der Nachfolgeprogramme des HSP III zurückzuziehen und zu versuchen, den Schwarzen Peter den Universitäten zuzuschieben.
Martin Kirsch
Literatur zum Thema:
- Kurzfassung d. IW-Studie d. Unternehmensbefragung zu den Beschäftigungsmöglichkeiten von B. A./M.A.-Studiengängen, 01/2000
- Der europäische Hochschulraum (Bologna-Papier v. Juni 1999)
- F. Gützkow/G. Köhler (Hg.), Als Bachelor fitter für den Arbeitsmarkt?, Frankfurt 1998 4-5/00 Hochschule
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