Was will VERA uns sagen?
Eine kritische Betrachtung der Vergleichsarbeiten
von KollegInnen der Karlsgarten-Grundschule in Neukölln
In diesem Jahr werden wir zum siebten Mal die Vergleichsarbeiten durchführen müssen. Müssen wir? Warum eigentlich? Wir, die KollegInnen der Schulanfangsphase der Karlsgarten-Schule in Neukölln Nord, haben bei verschiedenen Treffen über VERA diskutiert und stellten einhellig einen wachsenden Unwillen gegenüber den Vergleichsarbeiten fest. Warum? Kurz gesagt: VERA nützt uns nichts, VERA belastet uns nur. Schauen wir uns einmal die offizielle Zielsetzung der Vergleichsarbeiten an.
Standardsicherung und -entwicklung
Als flächendeckende Lernstandserhebung soll VERA den Leistungsstand von SchülerInnen ermitteln und in Bezug zu normierten Bildungsstandards sowie zu Vergleichsgruppen setzen, beispielsweise zum Landesdurchschnitt oder zu SchülerInnen-Gruppen, die der eigenen Klasse ähnlich sind. Dazu ist zweierlei zu bemerken:
Als Diagnoseinstrument zur differenzierten Erhebung der Stärken und Schwächen von – insbesondere unseren – SchülerInnen ist VERA vollkommen ungeeignet,
- weil die Arbeiten leselastig sind und größtenteils eine elaborierte Sprache verwenden, die viele Kinder nur schwer verstehen,
- weil die Mehrzahl der Aufgaben die SchülerInnen überfordert,
- weil die Sachkontexte und Aufgabenformate nicht der Lebenswirklichkeit der Kinder entsprechen,
- weil VERA nur sehr begrenzte Kom-petenzbereiche abfragt und die Auswertungskategorien undifferenziert und unsinnig sind. (siehe die Veröffentlichungen des Grundschulverbandes http://www.grundschulverband.de/vergleichsarbeiten.html)
Dass die SchülerInnen unserer Schule sich am unteren Leistungsrand bewegen, ist keine neue Erkenntnis. Das wissen wir lange und wir wissen es besser. Keine KollegIn bedient sich der Ergebnisse der Vergleichsarbeiten, um Aufschluss über den Lernstand ihrer SchülerInnen zu gewinnen.
VERA stellt mit Blick auf unsere SchülerInnen beziehungsweise unsere Schulrealität ein mangelhaft konzeptioniertes Instrument dar, das ein uns längst bekanntes Ergebnis undifferenziert ermittelt und darstellt.
Schul- und Unterrichtsentwicklung
»Die Vergleichsarbeiten werden […] geschrieben, um den Lehrerkräften objektive Informationen über den Lernstand ihrer SchülerInnen zu liefern und um gegebenenfalls einen Förderbedarf bestimmter SchülerInnengruppen in bestimmten Lernbereichen zu verdeutlichen. Der Vergleich der Ergebnisse mit anderen Klassen, der Schule, dem gesamten Bundesland oder einer sozial ähnlich zusammengesetzten Gruppe, eröffnet Lehrkräften eine über das klasseninterne Bezugssystem hinausgehende Perspektive.« (www.uni-landau.de/vera unter Elterninformationen)
Eigentlich sollte klar sein: Wenn man Schule evaluiert, dann mit dem Zweck, Schule zu verbessern. Andernfalls kann man sich die Erhebung auch sparen. Wie oben bereits ausgeführt, sind die Vergleichsarbeiten aber eben nicht geeignet, objektive Informationen über den Lernstand von SchülerInnen zu ermitteln und bieten gerade keine Grundlage für die Bestimmung von individuellem Förderbedarf. Diesen ermitteln LehrerInnen auf anderem Wege. Sie bestätigen aber, dass die Ressourcen an unserer Schule nicht ausreichen, um die Entwicklungs- und Bildungsrückstände unserer SchülerInnen auszugleichen. Es lässt sich aber nirgends ein Ziel finden, wonach die Erkenntnisse aus der Lernstandserhebung die Zumessung von Personal oder Sachmitteln beeinflussen und so zum Nachteilsausgleich für die betreffenden Kinder herangezogen würden. Nein: »Die aktive Beteiligung [der LehrerInnen] an der Durchführung und Auswertung soll zu schulinterner Kooperation und Diskussion über z. B. Standards, Unterrichtsgestaltung oder Beurteilungspraxis anregen.« (http://www.uni-landau.de/vera)
Das kennen wir ja schon: Zeigen sich irgendwo Defizite oder Bedarfe, dann sollen sie mit den bestehenden Ressourcen ausgeglichen werden. Wir haben also nicht nur die zusätzliche Belastung, die mit der Durchführung von VERA entsteht. Den Lernrückstand unserer SchülerInnen, der dadurch noch einmal offiziell attestiert wird, den haben wir bitte schulintern und ohne weitere Unterstützung auszugleichen. Ob und wie das möglich sein soll, das wird nicht gefragt, weil es bildungspolitisch nicht von Belang zu sein scheint. Es könnte ja was kosten.
Verbesserung der Diagnosegenauigkeit
Indem LehrerInnen vor dem Schreiben der Vergleichsarbeiten die zu erwarten-den Ergebnisse ihrer SchülerInnen einschätzen, ermöglicht »der Vergleich dieser Voraussagen mit den tatsächlichen Lösungshäufigkeiten […] jeder Lehrkraft eine Auseinandersetzung mit der eigenen Diagnosegenauigkeit.« (www.uni-landau.de/vera)
Das macht uns einigermaßen sprachlos. Wir sollen unsere Diagnosegenauigkeit an einem Testverfahren schulen, das wir als unpassend, ungenau und unsinnig einschätzen und gegen unser besseres Wissen durchführen? Unter »Nebenziele« wird die »größere Vertrautheit im Umgang mit dem PC und dem Internet bei den beteiligten Lehrkräften« (ebenda) angeführt. Wir wollen hier einmal die tatsächlichen »Nebenziele« von VERA anführen, die wir in höchstem Maße bedenklich finden:
- Die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten werden missbräuchlich verwendet: LehrerInnenleistung wird am Leistungsstand der SchülerInnen gemessen. Für den strukturell verursachten Leistungsrückstand unserer SchülerInnen werden wir LehrerInnen verantwortlich gemacht – und damit allein gelassen. Das ist ungeheuerlich!
- In der Folge kommt es zu Unehrlichkeit und »Mogelei«: Die Testinhalte werden mancherorts mit den SchülerInnen vorab eingeübt, damit sie besser abschneiden und/oder die Auswertung wird manipuliert.
- Lerninhalte orientieren sich vermehrt an der »Einübung gängiger Testformate« statt an den Bedürfnissen der SchülerInnen. Inzwischen wurden sogar von verschiedenen Verlagen Übungshefte zur Vorbereitung auf die Vergleichsarbeiten veröffentlicht.
- Unsere SchülerInnen und wir LehrerInnen werden durch unangemessene Testaufgaben frustriert und geraten unter Druck. Die wahrhaft sinnvollen Lerninhalte für unsere Kinder drohen aus dem Blick zu geraten.
In der Pressemitteilung des Grundschulverbandes vom 11. Mai 2009 wird auf den Punkt gebracht, was wir mit diesem Artikel zeigen wollten: »Die massive Testerei an den Schulen ist ein verhängnisvoller schulpolitischer Irrweg. Es wird getestet, verglichen und normiert, ohne dass dabei neue Erkenntnisse gewonnen werden. Konsequenzen werden nicht gezogen: Eine wirksame Unterstützung der Schulen, um alle Kinder besser fördern zu können, gibt es in der Regel nicht.« Wir fragen uns also: Warum findet VERA dann statt? In besagter Publikation scheint uns eine mögliche Antwort formuliert zu sein: »Ein aufwendiger Massentest mit fragwürdigen Ergebnissen wird von der Bildungspolitik als Nachweis bildungspolitischer Aktivität verkauft.« Das kann uns freilich nicht zufriedenstellen und fordert unseren Unmut und unseren Protest heraus! Euren auch? Dann sollten wir uns zusammentun.
Vorbereitungstreffen: Wir laden gemeinsam mit der Initiative »Grundschulen im sozialen Brennpunkt« alle KollegInnen, die sich in diesem Schuljahr gegen die Durchführung von VERA wehren wollen, zu einem Vorbereitungstreffen ein. Hier wollen wir unser Vorgehen abstimmen. Dienstag, dem 24. März 2010 um 17 Uhr im GEW-Haus, Raum 33.
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