Unerwünschter Gast
Wie einem Journalisten der Zutritt zum islamischen Religionsunterricht verwehrt blieb
von Albrecht Metzger, freier Journalist
Schulpolitik kann die Gemüter erhitzen. Das beginnt bei banalen Dingen wie dem Unterrichtsanfang. Neulich beklagten sich Freunde von mir, sie müssten um halb sieben aufstehen, weil ihr Sohn eingeschult worden sei, was ihren gesamten Tagesrhythmus durcheinander gebracht hätte. Dabei arbeite das Gehirn doch erst ab neun Uhr effizient, wie diverse wissenschaftliche Studien erwiesen hätten. Warum also den Unterricht schon um acht Uhr beginnen? Nun ja. Vielleicht ein Thema für das nächste Volksbegehren.
Aber es gibt brisantere Schulthemen, wie ich feststellen musste. Zum Beispiel den islamischen Religionsunterricht. Als Journalist in Residence beim WZB wollte ich herausfinden, ob der Unterricht einen Beitrag zur Integration muslimischer Kinder leistet oder ob er sie im Gegenteil dazu animiert, sich von der nichtislamischen Umwelt abzuschotten. Meine Idee war, als teilnehmender Beobachter den Unterricht zu verfolgen und mir so ein Bild aus erster Hand zu machen.
Doch das war zu optimistisch gedacht. Der Träger des Unterrichts, die Islamische Föderation Berlin (IFB), hatte kein Interesse daran, einem Journalisten Einblicke in das Unterrichtsgeschehen zu gewähren. Dabei hatte ich mir gute Referenzen besorgt: Irka-Christin Mohr, eine Islamwissenschaftlerin, die seit Jahren in Kontakt mit der IFB steht und deren Vertrauen genießt, setzte sich für mich ein. Es sollte nichts nützen.
Warum aber die IFB eigenmächtig über den Unterricht entscheiden kann, ist einer Berliner Besonderheit geschuldet: Anders als im Rest der Republik ist der Religionsunterricht hier kein Pflichtfach, sondern beruht auf Freiwilligkeit. Des Weiteren liegt er nicht in staatlicher Hand, sondern wird von den Religionsgemeinschaften in Eigenregie verantwortet. Das gilt gleichermaßen für den islamischen wie den evangelischen und katholischen Religionsunterricht. Kurz bevor ich in Berlin eintraf, war dieses System durch einen Volksentscheid erneut bestätigt worden. Manche Beobachter wie der Zeit-Redakteur Jörg Lau sahen darin auch einen Sieg »reaktionärer Kräfte« in der islamischen Szene, die nun weiter unkontrolliert ihren islamischen Religionsunterricht betreiben könnten. Er meinte damit die Islamische Föderation, die er als »Briefkastenfirma« von Milli Görüs bezeichnete, eines islamischen Verbandes, der bundesweit vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Jörg Lau zitierte Burhan Kesici, den stellvertretenden Vorsitzenden der IFB und für den Islamunterricht zuständig, mit den folgenden Worten: »Es ist gut, dass wir durch das Ergebnis des Volksentscheides jetzt Planungssicherheit haben.« In Zukunft wolle man das Angebot auf weitere Schulen ausdehnen.
Das ist also der Mann, mit dem ich mich auseinandersetzen musste. Burhan Kesicis Büro liegt in der Boppstraße auf der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln. Er habe mich nur empfangen, weil Irka-Christin Mohr ein Wort für mich eingelegt hätte, sagte er bei unserem Treffen. Ansonsten würde er mit Journalisten nur noch selten reden. Schlechte Voraussetzungen. Früher verklagte die IFB gerne Journalisten, wenn sie vermeintlich etwas Falsches über die Föderation schrieben, aber die Zeiten sind wohl vorbei. Trotzdem herrscht Misstrauen. Das betrifft insbesondere den islamischen Religionsunterricht, er ist das wichtigste Projekt der IFB. An 32 Berliner Grundschulen findet der Unterricht statt, etwas mehr als 4.000 Schüler nehmen daran teil. Alle freiwillig. Doch die Presse konzentriere sich nur auf die problematischen Aspekte, beklagte sich Kesici bei mir: »Wir schicken die Leute schon in die besten Klassen, und trotzdem ist die Berichterstattung so negativ.« Man würde der IFB vorhalten, die Kinder zu indoktrinieren, aber viel vehementer sei noch die Kritik an den fehlenden pädagogischen und didaktischen Fähigkeiten des Lehrpersonals, sagte Kesici. »Aber man muss bedenken, dass wir in Problemvierteln arbeiten. Auch andere Lehrer haben große Probleme mit den Schülern«, rechtfertigte er sich.
Mein Einwurf, ich wolle nicht einen journalistischen Text schreiben, sondern eine wissenschaftliche Untersuchung, fruchtete nicht. Einmal Journalist, immer Journalist. Der Zutritt zu den Schulklassen würde mir vorerst verwehrt bleiben. Da ich aber nicht vorhatte, meine Untersuchung jenseits von Empirie zu betreiben, musste ich mir etwas überlegen. Ich dachte, wenn ich Burhan Kesici das Gesprächsprotokoll freiwillig zum Gegenlesen vorlegen würde, könnte ich sein Vertrauen gewinnen. Aber das Angebot lehnte er ab. Was tun?
Immerhin gab mir die IFB eine Broschüre mit, in der sämtliche Schulen aufgeführt waren, an denen islamischer Religionsunterricht stattfindet. Das waren brauchbare Informationen, die ich mir ansonsten hätte mühsam zusammensammeln müssen. So konnte ich mich direkt an die Schulen wenden, und das tat ich auch. Da ich mir keinen Eindruck aus erster Hand von dem islamischen Religionsunterricht machen konnte, beschloss ich, auf Eindrücke aus zweiter Hand zurückzugreifen, und fing an, die Direktoren dieser Schulen anzurufen und um ein Interview zu bitten. Sie sind am dichtesten dran an dem, was im islamischen Religionsunterricht passiert, zumal sie verpflichtet sind, sich alle halbe Jahre in eine der Klassen zu setzen und ein Protokoll über den Unterricht zu erstellen, das sie an die Schulaufsicht schicken müssen. Das ist die einzige Kontrolle, die der Staat über den islamischen Religionsunterricht hat. Aleviten, Griechisch-Orthodoxe und Buddhisten müssen sich der gleichen Prozedur unterziehen.
Die meisten Direktoren waren bereit, sich mit mir zu treffen. Ich suchte mir die Problemviertel heraus, weil sonst ein möglicherweise geschöntes Bild hätte herauskommen können. Die meisten dieser Schulen sind ohnehin in Kreuzberg, Schöneberg, Neukölln und im Wedding – Viertel also, in denen der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich hoch ist. An manchen der von mir besuchten Schulen betrug er bis zu 98 Prozent, die niedrigste Quote war um die 60 Prozent.
Die Reaktionen der Schuldirektoren auf den islamischen Religionsunterricht waren durchaus gemischt: Manche – allerdings eine Minderheit – malten eine schleichende Islamisierung Berlins an die Wand, andere sahen den islamischen Religionsunterricht als Bereicherung für ihre Schule an. Die meisten bewegten sich irgendwo dazwischen: Sie waren nicht begeistert von dem Unterricht, empfanden ihn aber auch nicht als Gefahr für das friedliche Zusammenleben an ihrer Schule.
Die meisten Direktoren baten um Anonymität, manche aus Fürsorglichkeit für ihre islamischen Religionslehrer. Denn einige der Lehrer vertraten liberale Standpunkte, sprachen sich zum Beispiel gegen das Kopftuch im Kindesalter aus oder rieten den Schülerinnen und Schülern davon ab, im Fastenmonat Ramadan zu fasten. Sie taten das meist ohne Absprache mit der IFB, die diese Ratschläge möglicherweise nicht gutgeheißen hätte; sie vertritt in diesen Dingen eher konservative Standpunkte.
In einer Sache waren sich fast alle Direktoren einig: Selbst wenn die IFB versuchen sollte, die Kinder im Sinne eines intoleranten Islam zu indoktrinieren, wie man ihr teilweise vorwirft, würde das kaum gelingen. »Früher oder später würden uns das die Kinder erzählen«, sagte eine Direktorin. »Sie sind noch klein, sie würden so etwas ausplappern.« Da das aber bislang nicht passiert ist, erscheint mir die Panik vor einer Islamisierung der Berliner Schulen übertrieben zu sein.
Die Einwände der kritischen Direktoren gegenüber der IFB betrafen in erster Linie die mangelnden pädagogischen und didaktischen Fähigkeiten der Religionslehrer, die oft keine entsprechenden Hochschulabschlüsse vorweisen können. Das sind gar keine Lehrer», beschwerte sich eine Direktorin bei mir. Doch auch inhaltlich gab es Beanstandungen. Bei einem ihrer halbjährlichen Besuche stellte eine Direktorin fest, dass der Religionslehrer einen Film zeigte, in dem die Evolutionslehre abgelehnt wurde. Alle Menschen seien von Gott erschaffen, so etwas wie Evolution habe nicht stattgefunden. Als die Direktorin den Lehrer daraufhin ansprach, zeigte er sich einsichtig. »Dem Mann war das sehr peinlich, er hat das nicht mit böser Absicht gemacht«, sagte sie. »Wir haben auch die IFB angerufen, der hat von denen wohl eine Abreibung bekommen.«
Zum Schluss meiner Recherchen lernte ich sogar noch eine islamische Religionslehrerin kennen. Sie arbeitete an der Regenbogen-Schule in Neukölln. Diese Schule ist ein Vorzeigeprojekt, seit einigen Jahren findet hier ein Trialog der Kulturen statt, an dem christliche, muslimische und jüdische Schüler gemeinsam teilnehmen. Entsprechend positiv waren hier die Atmosphäre und das Feedback der Lehrer. »Ich finde, der islamische Religionsunterricht ist eine Bereicherung für unsere Schule«, sagte die Direktorin. »Er macht die muslimischen Schüler selbstbewusster. Ohne den islamischen Religionsunterricht hätten wir das Trialog-Projekt auch gar nicht machen können.«
An dieser Schule hatte die IFB nichts zu verbergen. Vielleicht hätte mich Burhan Kesici an diesem Unterricht teilnehmen lassen sollen. Damit hätte er sicher geholfen, Misstrauen abzubauen.
Albrecht Metzger, geboren 1966, hat Islamwissenschaft, Geschichte und Politikwissenschaft studiert. Er lebt in Hamburg und arbeitet als freier Journalist mit dem Schwerpunkt islamische Welt. Von Mai bis Juli 2009 war er »Journalist in Residence« am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). Der Beitrag ist zuerst in den WZB-Mitteilungen Nr. 126 im Dezember 2009 erschienen. Wir bedanken uns für die Erlaubnis zum Nachdruck.
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