| Weg damit!
Lehrer sind manische Sammler. Was immer sie im Unterricht gebrauchen könnten, heben sie auf. Allerdings finden sie den Artikel zur trostlosen Situation der Wildkatze in Tadschikistan sowieso nicht, wenn sie ihn in Erdkunde einsetzen wollen. Aber es wäre ein Riesenfehler, vorzeitig – also vor der Pensionierung – auszumisten. Mit Sicherheit braucht man das Interview mit der buddhistischen Nonne gerade dann, wenn der entsprechende Ordner (Welches Stichwort bloß? Interviews? Weltreligionen? Berufskunde?) in der Altpapiersammlung gelandet ist. Weil man nie ganz sicher weiß, was man eventuell schon weggeworfen hat, wühlt man oft stundenlang vergeblich.
Also heben Lehrer alles auf. Wenn sie Zeit haben, archivieren sie nach feinsinnigen Systemen und finden das Testament der Gräfin Muschwitz aus dem Jahre 1848 auf Anhieb. Die Kollegen, die ich kenne, haben allerdings keine Zeit und bauen Stapel für Stapel rund um ihren Schreibtisch, auf allen Treppenstufen und allen verfügbaren Schränken und Regalen. Manche halten sich sogar Zeitschriftensammlungen direkt neben dem Klo. Andere lagern gerissen Materialien in die Schule aus, sofern sie dort einen freien Kubikmeter Stauraum finden. Es gibt viele überfüllte Schränke in Klassenräumen und Lehrerzimmern, deren Inhalt niemandem mehr eindeutig zuzuordnen ist. Aber kann man die Mikroskope, Metronome, Turnhosen und Marmeladengläser mit halb gekeimter Walnuss einfach wegwerfen? Lieber legt man sie im schwer zugänglichen Oberschrank ab. Der erste klinisch attestierte Messie soll übrigens ein Lehrer gewesen sein... Nun erreichen immer mehr Kollegen das Pensionsalter und misten richtig aus. Wahrscheinlich haben sie einen Feng-Shui-Ratgeber gelesen: Wer seine Keller, Garagen, Schreibtische, Schränke, Kisten und Kasteln entrümpelt, schafft nicht nur Platz für Neues, sondern befreit sich auch geistig-seelisch! Oft nimmt das Leben danach dramatische neue Wendungen! Man wandert nach Tasmanien aus oder macht seinen Flugschein. Solche Lebensänderungen können natürlich auch beängstigend sein, deshalb suchen sich manche lieber eine größere Wohnung, bevor sie sich von ihren Büchern, Ordnern und Pullundern trennen.
Alle Lehrer fragen sich am Ende ihres Berufslebens, was sie mit den vielen Schulsachen machen sollen. Einfach wegwerfen? Die kann doch schließlich noch jemand brauchen! Also werden die Schätze in der Schule ausgelegt. Mit kleinen Zetteln dran: »Zum Mitnehmen!« Gerade die jüngeren Kollegen freuen sich ungemein über eingerissene Plastikhefter, Aquarellfarbkästen mit nur noch fünf Brauntönen und Bleistifthalter aus der Nachkriegszeit. Begeistert sammeln sie gelungene Unterrichtsentwürfe von 1973, alte Schülerzeitungen und Blumentöpfe ein. Raffen unvollständige Schachspiele und Duden aus der Zeit vor der Rechtschreibreform an sich (soviel hat sich ja nun auch nicht geändert...). Nur die Sprachkassette »Norwegisch für Fortgeschrittene« und das Gartenbrevier »Düngen für Anfänger« liegen länger im Lehrerzimmer rum.
Die neue Deutschfachleiterin will ihren Elan sofort sichtbar unter Beweis stellen. Also räumt sie auf. Leider ohne vorher mit allen Kollegen über jedes einzelne Arbeitsblatt Rücksprache zu nehmen. Sensationelle Texte zur Rolle der Frau in Papua-Neuguinea landen im Müll. Urkundenformulare für Bundesjugendspiele aus den achtziger Jahren (weibliche Jugend) ebenso. Wertvollste Dia-Sammlungen, ein schlaffer Fußball und nie genutzte Schallplatten (»Heinrich George liest Adalbert Stifter«) verschwinden über Nacht. Zerfetzte Schulbücher lagern vorm vollen Altpapiercontainer. Ein Deutschlehrer rettet in letzter Sekunde einen Satz Lesebücher für den 10. Jahrgang. Darin steht eine wichtige Parabel von Kafka! Andere Rettungsversuche misslingen. Die Kollegen sind bestürzt. Sammlungen von historischer Bedeutung – einfach in den Müll zu werfen! Die neue Deutschfachleiterin wird einen schweren Stand haben. Ihr einziges Verdienst ist, dass sie die Küchenecke und den Kühlschrank gleich mit aufgeräumt hat. An die überlagerten Milchtüten und Kraft-Scheibletten hat sich seit Jahren niemand getraut. Und den Tee aus der grusinischen Volksrepublik trank ohnehin keiner. Aber dass daneben auch die Videokassette mit »König Ottokars Glück und Ende«, einer Aufzeichnung aus den Berner Kammerspielen von 1958, entsorgt wurde, ist unverzeihlich. Gabriele Frydrych
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