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Nr. 03 / 2010: Theateraufführungen kritisch gesehen

Theateraufführungen kritisch gesehen

von Hans-Wolfgang Nickel

Berlin kämpft mit Problemkiezen; der Senat hat fünf schwierige »Aktionsräume« definiert; LehrerInnen kennen seit langem diese Schwierigkeiten; schon seit 10 Jahren gibt es das Programm »Soziale Stadt«. Jetzt kommen Integration und Segregation auf die Gesamtberliner Agenda; Wowereit will Berlin als »Modellstadt«. Auf dem Theater ist Berlin (auch und gerade abseits der internationalen Festivals) längst multi- und interkulturell: die Werkstatt der Kulturen, Sophiensäle, Hau, die Berliner Kinder- und Jugendtheater – Grips »natürlich« schon seit vielen Jahren (Papadakis!), aber auch Strahl, Spielwerkstatt, Havarie, Parkaue. Dazu kommt eine bemerkenswerte Entwicklung der türkisch-muslimischen Szene (Ballhaus Naunynstraße, Heimathafen Neukölln*).

Ein weiteres Beispiel: »Ayla, Alis Tochter« bei Atze – der Zusammenstoß von zwei Kulturen als zentrales Thema – formuliert und erlebt aus Aylas Sicht. Bei klaren Wertungen ohne simples Schwarz-Weiß ergibt sich ein erhellender Einblick in kulturelle Mechanismen, formuliert in präzise analysierenden Bildern, die auch die Ansicht der Älteren nicht einfach diffamieren. Dabei ist die doppelte Liebesgeschichte zwischen türkischem Mädchen und deutschem Jungen, ihrem Bruder und einem deutschen Mädchen bei aller Tragik zugleich immer wieder komisch, unterhaltsam, spannend – sehr dicht an Erfahrungen und Interessen der jugendlichen Besucher – auch durch die Musik, die in die Szenen eingebunden wird (ab 13).

Auch in der Schaubühne das Thema Großstadt als Tanz-Theater. »Megalopolis« besticht durch faszinierenden Körper-ausdruck, hohes artistisch-akrobatisches Können, eindrucksvolle Momentaufnahmen isolierter oder zusammenstoßender städtischer Existenzen – und ist zugleich eine chaotisch-willkürliche Reihung von Einfällen ohne Zusammenhang, als ob Constance Macras, Regisseurin und Choreographien, sich von ihren Einfällen hetzen ließe. Auch wenn einzelne Figuren immer einmal wieder auftreten, ergibt sich kein Zusammenhang, schon gar nicht eine Geschichte. So bleibt bei aller Klarheit in jedem Detail, weil alles gleich wichtig (oder gleich bedeutungslos) ist, das Gesamtwerk unkonturiert stecken in der Beliebigkeit einer Musterkollektion von Einzelpartikeln. Trotzdem immer wieder faszinierend (ab 16).

 
* Weisen wir wenigstens noch hin auf »Tango Türk. Eine Geschichte zwischen Berlin und Istanbul« in der Neuköllner Oper

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