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Nr. 04-05 / 2010: Ein Lehrerleben
»Scheiss GEW-Lehrer«: Ulfert Krahe´ veröffentlicht seine Erinnerungen

Buchbesprechung von Joachim Dillinger, AG Junge Alte

An einem sehr kalten und verschneiten Januarabend folgte ich einer Einladung von Ulfert Krahé ins Steglitzer Fichtenberg-Gymnasium. In der Aula traf ich auf einen großen Kreis von Menschen, die sich bei Wasser, Saft und Sekt angeregt miteinander unterhielten. LehrerInnen, ehemalige KollegInnen und SchülerInnen und der seit zwei Jahren amtierende neue Schulleiter hatten in großer Runde Platz genommen. In ihrer Mitte Ulfert Krahé, unterstützt von der Verlagsleitung und dem Lektor des Westkreuz Verlages. Ein spannender Lese- und Diskussionsabend begann.

Ulfert war lange Jahre Vertrauensmann der GEW-Schulgruppe, seine Fächer waren Deutsch, Englisch und DarstellendesSpiel. Der Titel seines 206 Seiten umfassenden Werkes kann leicht missverstanden werden. Es geht nicht nur um Schule und Unterricht. Auch das ganz persönliche Leben eines engagierten und auch nach der Pensionierung jung gebliebenen Pädagogen kommt nicht zu kurz. Die siebziger Jahre, studentenbewegte K-Gruppen, Umgang mit drohenden Berufsverboten, das Leben in Wohngemeinschaften, Probleme in Partnerbeziehungen werden einfühlsam geschildert. Die Erfahrungen eines Unterrichtsjahres in den Vereinigten Staaten runden seine Schilderungen ab. Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch für alle an der Erziehung junger Menschen interessierte Menschen.

Die Probleme des Schulalltags kommen dabei nicht zu kurz. Dazu ein längeres Zitat aus der Seite 150: »Ich komme in der 6. Stunde in eine Klasse zum Unterricht. Schülerin G. meldet sich. Sie hat ihre Ratte mitgebracht. Ob die Ratte am Unterricht teilnehmen darf. Ich erlaube es ihr, solange die Ratte sich ruhig verhält. Nach einiger Zeit sitzt die Ratte auf der Schulter einer Mitschülerin. Lautes Gekicher ist die Folge. Nun bleibt mir keine Wahl. »Du verlässt sofort mit der Ratte den Raum.« Auf dem Weg nach draußen bleibt die Schülerin vor mir stehen, schreit mich an: »Scheiß GEW-Lehrer!« und verlässt die Klasse. Ich bin total verblüfft und verdonnere sie, zum Schulleiter zu gehen. Vielleicht nach einem Jahr erhielt ich von G. einen langen Brief. Sie schrieb mir, sie sei jetzt in einer Schule in einer anderen Stadt und wollte mir jetzt ihren Ausspruch erläutern. Ich sei für sie der Inbegriff des fortschrittlichen, toleranten Lehrers gewesen. Ihrer Meinung nach seien Lehrer wie ich in der GEW, um für eine bessere Schule zu kämpfen. Aber wie sei das möglich, wenn ich noch nicht einmal eine Ratte im Unterricht ertragen könne, so ihr Vorwurf.

Auf dem Weg in den dritten Stock der Schule kam ich mehrmals an einem Plakat der Theatergruppe Berliner Compagnie vorbei. »Die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch«. Aufführung am 10. Februar in der Aula. Die Friedens AG und die AG Darstellendes Spiel haben Spuren hinterlassen.

Ulfert Krahé: Mein Leben – die Schule – Engagement für junge Menschen. Westkreuz-Verlag, ISBN 978-3- 939721-18-5, 206 Seiten, 14,50 Euro

 

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