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Nr. 06/2000
Schwerpunkt: Priorität für Bildung
Arbeitszeitgerechtigkeit
Die GEW ist längst aktiv

Im März 1999 lag ein unterschriftsreifes Eckpunktepapier vor, das in einer Reihe von überbezirklichen Vertrauensleuteversammlungen und auf der Landesdelegiertenversammlung äußerst kontrovers diskutiert wurde, gleichwohl aber mit Mehrheit angenommen wurde. Das Eckpunktepapier sah vor, anknüpfend an die Empfehlungen der Arbeitszeituntersuchung in NRW (Mummert und Partner, 1999), verschiedene Arbeitszeitmodelle mit wissenschaftlicher Begleitung zu erproben. Grundlage der Erprobung sollte die freiwillige Entscheidung in der Schule selbst sein. Ziel dieser Modelle war, einerseits die pädagogische Arbeit zu verbessern und andererseits mehr Arbeitszeitgerechtigkeit herzustellen. (...)

Die GEW BERLIN hat seit Abbruch der Verhandlungen durch die Senatsschulverwaltung mehrfach versucht, die Verhandlungen wieder in Gang zu bekommen – bisher ohne Erfolg. Nicht die GEW BERLIN verweigert sich hier und schon gar nicht der Diskussion, sondern die Senatsschulverwaltung. Dein Vorwurf, "dass sich die GEW grundsätzlich weigert, sich mit dem Thema Arbeitszeitgerechtigkeit überhaupt auseinanderzusetzen und die berechtigten Interessen der von den besonderen Belastungen durch ein Korrekturfach geplagten Beschäftigten übergeht" trifft nicht zu. Im Gegenteil: die GEW hat speziell zum Thema Faktorisierung und österreichisches Arbeitszeitmodell eine Reihe von Veranstaltungen durchgeführt. Im Ergebnis dieser Veranstaltungen hat die GEW einen Reader zusammengestellt, in dem die verschiedenen Modelle ausführlich dargestellt werden. Wenn die GEW im Ergebnis der Diskussion zu einer Einschätzung einer bestimmten Arbeitszeitfrage kommt, die sich mit deiner Einschätzung nicht deckt, ist das nicht ein Zeichen dafür, dass sich die GEW mit einem Thema nicht beschäftigt hat, sondern nur dafür, dass sie ein anderes Ergebnis erzielt hat. Das heißt aber nicht, dass die Diskussion über Arbeitszeitgerechtigkeit abgeschlossen ist. Die GEW BERLIN setzt diese Diskussion selbstverständlich fort.

Der Grund dafür, warum die Senatsschulverwaltung mit uns nicht in eine Diskussion über Arbeitszeitgerechtigkeit einsteigt, liegt auf der Hand. Während in den Kollegien der Gymnasien über Arbeitszeitgerechtigkeit diskutiert wird, geht es in der Politik ausschließlich um Arbeitszeitverlängerung und Stellenstreichungen. Weshalb in dieser Situation die GEW BERLIN von euch angegriffen wird und nicht die Senatsschulverwaltung, ist mir unverständlich. Nicht die Gewerkschaften regeln die Arbeitszeit von Beamtinnen und Beamten, sondern die Arbeitgeber.

Nicht die GEW blockiert die Verhandlungen, sondern die Arbeitgeber. Die GEW BERLIN wird selbstverständlich, wie die GEW im ganzen Bundesgebiet auch die Frage veränderter Arbeitszeitmodelle weiter diskutieren. Uns ist es vor allen Dingen daran gelegen, verlässliche Rahmendaten dafür zu bekommen. Die einzelnen Kolleginnen und Kollegen müssen vor Willkür geschützt werden. Außerdem muss die Veränderung der Arbeitszeitberechnung wissenschaftlich begleitet werden. Diese wissenschaftliche Begleitung darf nicht außerhalb der Kontrolle derjenigen passieren, die untersucht werden. Auf der Basis so gewonnener Erkenntnisse fällt es dann vielleicht einfacher, Vorschläge für eine gerechtere Arbeitszeitverteilung zu machen, die für viele Kolleginnen und Kollegen einsichtig sind und nicht dazu führen, dass der Arbeitsfriede belastet wird. Eine Aussage von Prof. Klaus Klemm, der in vielen Arbeitszeitdiskussionen und Neuberechnungsinitiativen federführend ist, scheint mir doch maßgeblich zu sein: Die Arbeitszeit der Lehrkräfte – und zwar aller Lehrkräfte – ist derzeit oberhalb des durchschnittlichen gesellschaftlichen Maßes. Wer Arbeitszeitgerechtigkeit will, muss die Arbeitszeit für Lehrkräfte verkürzen. Allenfalls kann es darum gehen, besonders belastete Lehrergruppen zu entlasten, in keinem Fall kann das aber dazu führen, dass bestimmte Lehrergruppen mit Mehrarbeit belegt werden, um Entlastungen für andere zu finanzieren. Die GEW BERLIN wird mit den Vertrauensleuten der Gymnasien und Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe am 8. Juni 2000 eine weitere Diskussion darüber führen, wie wir angesichts der generellen Arbeitszeitverlängerung mit dem Thema Arbeitszeitgerechtigkeit in Berlin weiter umgehen sollen. (...)

Ulrich Thöne
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