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Nr. 06/2000
30.000 Green Cards
Wer ist hier unflexibel?

Folgendes geistert durch die Gazetten: Die Software-Industrie sucht händeringend qualifiziertes Personal und findet nicht genug auf dem heimischen Arbeitsmarkt. Es müssen schon Aufträge der Konkurrenz überlassen werden. Deshalb müssen dringend 30.000 Green Cards für Arbeitnehmer aus Nicht-EU-Staaten ausgestellt werden, um die Lücken zu füllen. Was soll man als Gewerkschafter davon halten? Es gibt keine einfache linke Antwort darauf. Die erste Aussage ist eher richtig, die zweite eher falsch.

Die Software-Industrie ist zu unflexibel

Es gibt zur Zeit viele Arbeitslose aus der EDV und auch viele offene Stellen. Dass zu wenig Einstellungen vorgenommen werden, hat auf Arbeitgeberseite drei Ursachen. Der verbreitete Jugendkult in der EDV-Branche: Mit 40 ist man entweder Projektleiter oder ein peinlicher Sozialfall, der schleunigst outgeplaced wird. Die Mehrzahl der EDV-Arbeitslosen ist über 40. Die kurzsichtige Personalpolitik vieler EDV-Firmen: Man möchte genau die Skills einstellen, die man gerade dringend braucht, möglichst ohne Einarbeitungsaufwand. Und das, was gerade en vogue ist, suchen natürlich die Konkurrenten auch.

Die extreme Akademisierung der Branche: Weil man jahrelang bei arbeitslosen Akademikern aus dem Vollen schöpfen konnte, ist man es noch zu wenig gewohnt, Azubis auszubilden und sinnvoll zu beschäftigen. Aber nicht alle Tätigkeiten in der EDV verlangen ein Studium, zumal es bei der heutigen Belegschaft oft ein fachfremdes ist. Die Projektmanager müssen eben umlernen.

Die EDV-Schulausbildung ist leistungsschwach und unflexibel

Es gibt ja heute durchaus abgestimmte Lehrberufe im EDV-Bereich, sogar für so schicke Sachen wie Internet und Multimedia. Aber gerade kleine aufstrebende Firmen scheuen vielfach davor zurück, einen Azubi einzustellen. Man hat keine Kapazitäten frei, sich um ihn zu kümmern. Man scheut den Kontakt zu bürokratischen Institutionen wie Schulen, Verbänden, Behörden. Man hat niemanden mit "Ausbildereignungsprüfung" und findet das Wort schon schrecklich – wenn man überhaupt davon gehört hat – , ganz zu schweigen von "Jugendarbeitsschutzgesetz", "Berufsausbildungsgesetz" usw.

Maßnahme: Berührungsängste abbauen; überbetriebliche Kooperationen initiieren; kleine High-Tech-Firmen aus der Berufsschule unterstützen, Papierkrieg abnehmen, beraten.

Die EDV-Lehr- und Prüfungspläne für Azubis sind zum Teil praxisfremd und völlig veraltet: Zuweilen müssen Azubis auf Prüfungsunterlagen vorbereitet werden, die das Standardwissen der frühen 80er Jahre abfragen. Das Wissen können sie nach der Prüfung wegwerfen, aber ohne das Wissen fallen sie durch.

Maßnahme: Lehrpläne neu schreiben und flexibel gestalten, geprüft werden sollte das, was gelehrt wurde, nicht umgekehrt.
Der Unterrichtsumfang ist vielfach zu gering: Bei 2 Wochenstunden kann man Fachoberschüler nicht in einem Jahr von Null auf Beginn Informatikstudium bringen. Wer keinen eigenen PC hat, kann bei diesem Stundenangebot nichts lernen. Bei einer Doppelstunde alle 2 Wochen über 2 von 6 Semestern bleibt für die Erfahrung am Rechner zuwenig Zeit.

Maßnahme: Stundenzahl erhöhen.
Die Ausstattung ist von Schule zu Schule verschieden, aber auch an den Berufsschulen sicher nicht ausreichend, einige Beispiele: Es fehlen Netzwerkadministratoren, es fehlen vernünftige Visualisierungsmöglichkeiten (Tageslicht-Beamer, didaktisches Netz), Windows-Oberflächen kann man nicht an die Tafel malen, die Internetzugänge sind oft zu langsam, so dass man sie nicht vernünftig nutzen kann, es fehlen CD-ROM-Laufwerke und Soundkarten, um CBT (Lernprogramme) vernünftig einsetzen zu können. "Mehr Mäuse an die Schule" ist ein Witz, hier geht es um Summen, die den normalen Ausstattungsetat bei weitem übersteigen.

Maßnahme: Industriesponsoring nutzen, Schulen Einnahmen durch eigene Firmen gestatten, z.B. durch Vermietung der Anlagen nach 15 Uhr und Einsetzen von Lehrern und Schülern als kommerzielle EDV-Trainer.
Die Leistungsunterschiede zwischen den Schülern sind in EDV viel krasser als in jedem anderen Fach. Übertragen auf ein klassisches Fach wie Deutsch würde es bedeuten, dass 60 Prozent der Schüler noch nie einen Text gesehen haben, weder lesen noch schreiben können und noch nie ein Buch umgeblättert haben, während 30 Prozent gut lesen und schreiben können und 10 Prozent eigene Kurzgeschichten verfassen. Da ist auch mit Binnendifferenzierung nichts zu machen. Praktisch sieht es so aus: Man kümmert sich um die Schwachen, damit sie eine 4 schaffen können. Dabei werden die Starken praktisch die ganze Zeit als Hilfslehrer missbraucht und lernen kaum etwas dazu, denn schon bei ihren Vorkenntnissen wird man mit dem Rest der Klasse nie ankommen.

Maßnahme: Trennung, Einrichtung von Schulen mit eindeutigem EDV-Schwerpunkt, Einführen einer Wahlmöglichkeit auch an Berufsschulen (Zusatzfach Informatik-Aufbau), so wie früher zwischen Französisch und Darstellender Geometrie. Computer und Internet fristen ein schmales Schattendasein in dem exotischen Schulfach Informatik. Der Sinn des Internets offenbart sich aber erst, wenn man es in allen Fächern nutzt.

Maßnahme: Internettraining für alle Lehrer vor Ort, Computer in alle Klassenräume, Einrichtung von Spezialschulen mit EDV-Schwerpunkt. EDV-Kompetenz setzt sich aus etwas Wissen und extrem viel Übung zusammen. Computer sind teuer und nicht jeder Schüler hat einen, geschweige denn die ganze nötige Software.

Maßnahme: Internet-Cafes, frei zugängliche Computerräume für die Schüler an den Schulen schaffen; jeder Schüler und jeder Lehrer bekommt eine EMail-Adresse und sollte auch regelmäßig einen Blick hinein werfen. Der dauerhafte Mangel an Lehrern mit aktueller und hoher EDV-Qualifikation erfordert unbürokratische Maßnahmen, warum soll man denn nur Pädagogen einstellen? Da oft zwei Lehrer eine große Klasse in EDV betreuen, ist es doch kein Problem einen Praktiker und einen Pädagogen zusammen zu setzen. Man könnte auch EDV-Lehramtsstudenten stundenweise beschäftigen.

Maßnahmen: EDV-Fachkräfte einstellen, EDV-Lehrer von Netzwerkadministration entlasten, Kooperation mit Industrie suchen ("Ihr leiht uns eine EDV-Fachkraft für 6 Monate aus, die bringt uns EDV bei, wir bringen ihr Pädagogik, Methodik und Didaktik bei, oder wir halten für Eure Belegschaft EDV-Kurse ab.")

Die Anforderungen ändern sich schneller als die Menschen es können.
Der Markt und damit der Bedarf an EDV-Skills ändern sich viel schneller, als man Mitarbeiter fortbilden könnte. Man müsste eigentlich "auf Vorrat" fortbilden, was aber kaum stattfindet. Man könnte Zug um Zug überschüssige Mitarbeiter mit alten Skills fortbilden, aber das ist eben aufwendig.

Der Arbeitskräftemangel in der EDV geht zurück
Die Tendenz in den Fachveröffentlichungen und auch die Anschauung der Kollegen im EDV-Bereich ist eindeutig: Von wenigen Spezialfällen abgesehen sind die Zeiten hoher Gehaltssteigerungen vorbei. Das ist in dieser Wild-West Branche ohne Tarifverträge und Gewerkschaften ein sicheres Zeichen für sinkende Nachfrage bzw. steigendes Arbeitskräfteangebot. Wie viele unbesetzte Stellen es gibt, ist eine Frage der Interpretation: Erstens wird für die meisten Stellen über mehrere Kanäle gesucht (Anzeige, Headhunter, Internet), so dass nicht wenige vermutlich doppelt gezählt werden. Zweitens sind natürlich in der Vergangenheit Stellen auch nicht einfach "offen" geblieben. Man hat jemanden mit geringerer Qualifikation eingestellt, der sich erst einmal einarbeiten musste.

Braucht die EDV-Industrie die Green Cards?
Jein. Natürlich ist es für EDV-Industrie schöner, wenn sie mehr Auswahl hat. Natürlich ist es für die EDV-Industrie billiger, einen indischen oder russischen Java-Programmierer einzufliegen und den einheimischen COBOL-Programmierer der Bundesanstalt für Arbeit zu überlassen, anstatt ihn fortzubilden. Außerdem sind die Gehälter in den Mangelbereichen zur Zeit sehr hoch und die Firmen würden etwas mehr Konkurrenz unter den Bewerbern begrüßen: Ein erfahrener Web-Entwickler kann zur Zeit um die 160 TDM verlangen. Aber die Profitmaximierung einer Branche auf Kosten der Allgemeinheit kann nicht Leitlinie von Regierungsentscheidungen sein. Schließlich kostet es uns alle Geld, wenn Arbeitslose nicht eingestellt werden.

Wie gefährlich sind 30.000 Green Cards?
Nicht sehr: Es wird kein flächendeckendes Lohndumping im EDV Bereich geben. Man kann Mitarbeiter, die kein Deutsch sprechen, hier nur eingeschränkt einsetzen. Die Bereiche Vertrieb, Projektmanagement, Design, Test, Schulung, Support erfordern Deutschkenntnisse bzw. tiefes Verständnis der betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge beim Kunden. Es bleiben vor allem Codieren (Programmieren im engen Sinne) und Systems Management (Systeme warten und betreiben). Führungskräfte durften schon immer aus Nicht-EU-Staaten rekrutiert werden.

Sollen wir jetzt dagegen sein oder dafür?
Wieder ein "Jein": Die Gewerkschaften sollten sich nicht total quer stellen, zumal sie es ohnehin nicht verhindern können, sondern die Situation nutzen, Verbesserungen für ihre Klientel zu initiieren: Green Cards generell zu verweigern, ist praxisfremd. Dann kommen die Mitarbeiter eben als freie Mitarbeiter oder Subunternehmer ausländischer Consultingfirmen oder man lagert Arbeitsschritte ins Ausland aus. Es könnte z.B. eine unbürokratische Verknüpfung zwischen Fortbildungs- bzw. Einstellungsbemühen der EDV-Industrie und Erteilung von Green Cards geben. Dann haben beide Seiten was davon. Green Cardos auf Zuruf zu genehmigen, ist blauäugig. Dann kommen alsbald andere Branchen, die ebenfalls davon profitieren, wenn sie Mitarbeiter aus Nicht-EU-Staaten einstellen dürfen und sicher auch irgendwo Rekrutierungsengpässe vorweisen können: z.B. Altenpflege, Landwirtschaft, Gastronomie. Und da ist Lohndumping eine reale Gefahr.

Was hat das mit der GEW zu tun?
Zur Zeit kaum etwas, und darin liegt ein Problem: Die GEW als die linke Bildungsgewerkschaft muss das Thema EDV in den Mittelpunkt rücken und es nicht den Henkels und Schröders überlassen, darüber in den Medien zu debattieren. Die fehlenden EDV-Kräfte kann man durchaus als Zeichen einer aufziehenden zweiten Bildungskatastrophe deuten, aus der sich für Schüler, Schule und Lehrer Kapital schlagen lässt. Die GEW muss dann aber auch in dem Schlüsselbereich EDV-Ausbildung als Kompetenzträger von der Öffentlichkeit wahr genommen werden. Die GEW muss in ihrer Klientel für ein unverkrampftes Verhältnis zur EDV-Welt und entsprechende Weiterbildung werben. Es ist keine Schande, von Computern wenig zu verstehen – bestenfalls Textverarbeitung –, aber es ist peinlich, wenn man nichts daran ändert. Es ist das gute Recht von Menschen, die ihr Berufsleben bald hinter sich haben, persönlich mit diesen Kisten nichts mehr zu tun haben zu wollen, aber die Schüler müssen darüber so viel wie möglich lernen können, weil sie in der neuen Welt leben und ihren Lebensunterhalt verdienen werden. Auch die linke Kritik an der EDV ist glaubhafter, wenn man Ahnung davon hat, Stichworte: Datenhandel, Arbeitsplatzvernichtung, Männerdomäne, Industrienähe, Vereinzelung, Buchkonkurrenz, Soziotopvernichtung. Die GEW muss sich eine Meinung bilden, was an unserem EDV-Ausbildungssystem verbessert werden kann. Hier sind unkonventionelle Wege sicher nötig, die Lösung wird nicht aus einem Guss sein, sondern ein bunter Flickenteppich. Es sollte im Interesse unserer Schüler keine strukturkonservativen Tabus geben.

Peter Koch
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