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Nr. 7-8/ 2010: Aufführungen kritisch gesehen

Theateraufführungen kritisch gesehen

von Hans-Wolfgang Nickel

»Umbra« heißt die Klang-Schatten-Performance des Theaters Thikwa. Das lateinische »umbra« bedeutet Schatten/Dunkelheit – im Sinne von Finsternis (Unterwelt, Inferno) wie im Sinne von Schatten spendend, Zuflucht, Ruhe, Muße. Die Thikwa-Performance changiert (eher unentschieden) zwischen beiden Bedeutungen, wählt weder eine der Alternativen noch eine klare Opposition. So bleibt es bei reizvollen, anrührenden Bewegungsstudien – schattenhaft verhangen (ab Sek II).

Sehr klar und stringent dagegen »Don Juan« im Hexenkessel des Monbijou-Parks. Der überaus gelungene amphitheatrale Holzbau sorgt auch in dieser Inszenierung wieder für die intensive Nähe zwischen Publikum und Spielern; die direkt-drastische Spielweise mit Tempo und viel Bewegung, einigen szenischen Überraschungen (Kostüme!) sorgt für einen komödiantisch-kurzweiligen Theaterabend. Zwei besondere inhaltliche Interessenpunkte stechen heraus: der klare Atheismus (oder rücksichtslose Egoismus) und wie sich dagegen eine nicht-metaphysische, soziale Antwort (etwa eine feministische) formulieren ließe; das ins Absurde getriebene Streitgespräch der beiden Brüder um »Ehre« – hinter der sich immerhin eine »Kreuzberger« Aktualität verbirgt. Also nicht einfach Spaß! (ab 14).

»Spaaaß!« heißt die jüngste interaktive Produktion von Strahl, ein Animationstheater, das zum intensiven Mitdiskutieren des Publikums und phasenweise zum Mitspielen einzelner ZuschauerInnen führt. Auf der Bühne, hier in einer Turnhalle, ein spannendes Quartett: vier SchülerInnen, zwei Jungen, zwei Mädchen – kurz vor und während der Sportstunde; ein Spielleiter, der den Kontakt zum Publikum herstellt und zwischendurch den Sportlehrer spielt; Thema Mobbing – also Opfer, Täter, Mitläuferinnen. Die Entwicklung beginnt harmlos, spitzt sich dann mehr und mehr krisenhaft zu. Gefühle der vier SchülerInnen wie ihre häusliche Situation werden in Interviews aufgehellt – so werden auch familiär-gesellschaftliche Ursachen diskutierbar gemacht. Wichtige allgemeine Ratschläge werden aktualisiert und einsichtig – vor allem aber: sie werden szenisch erprobt! Denn die Vorschläge aus dem Publikum werden von den SchauspielerInnen immer wieder virtuos als Verhaltensvarianten umgesetzt und auf ihre Wirkung hin überprüft; sie reproduzieren die Ursprungssituationen exakt und arbeiten dann die Veränderungswünsche des Publikums bruchlos ein. Das ist kommunikationstheoretisch wie theaterästhetisch überaus interessant: Wenn nämlich Anfangsszenen noch einmal genau wiederholt werden, lässt sich erahnen, wie viele Details hier schon gestaltet sind, die erst im Lauf der Entwicklung wichtig wurden, wie sich Entwicklungen (beim Thema Mobbing spezifische Interaktionspositionen und Machtverschiebungen) schon im »harmlosen« Geplänkel ankündigen – und wie viel der Zuschauer schlichtweg »übersehen« hat.

Also eine szenisch spannende, in vielfacher Hinsicht wichtige und überaus sorgfältig vorbereitete Produktion: In der Recherche-Phase machten die Profis allein vier Theaterwerkstätten zur thematischen Erkundung mit mehr als 60 Jugendlichen! (ab 13).

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