Reformen sind gut – Kontrolle ist besser
Zöllners Antwort auf die schlechten Ergebnisse im Bundesländer-Vergleich
von Peter Sinram, Pressesprecher der GEW BERLIN
Bildungssenator Zöllner hatte im Juni ein Problem: Der KMK-Ländervergleich »Bildungsstandards« war erschienen und Berlin hatte wieder einmal nicht so richtig gut abgeschnitten. Ansonsten waren die Reflexe auf den Schulvergleich genau wie bei PISA: Die »Südländer« klopften sich auf die Schultern und lobten ihre Schulstruktur, die »Verlierer« zogen die Köpfe ein, suchten nach überzeugenden Erklärungen und verwiesen auf langfristig eingeleitete Entwicklungsprozesse. Die politischen Parteien pickten die Punkte heraus, die ihre jeweiligen Positionen bestätigten.
Senator Jürgen Zöllner wies in seinen Verlautbarungen immer wieder auf die strukturellen Nachteile aller Stadtstaaten hin. Die hätten mit ihren viel größeren sozialen Spannungen und ihrem viel größeren Anteil an Kindern aus »bildungsfernen Schichten« einen klaren Standortnachteil. In seiner Pressemitteilung liest sich das so: »Die Abhängigkeit des Kompetenzerwerbs von der sozialen Herkunft ist in Berlin im deutschlandweiten Vergleich mit Abstand am größten. So heißt es im Bericht zu Berlin wörtlich: »Über 16 Prozent im Lese- und 15 Prozent im Zuhören können durch die soziale Herkunft der Eltern erklärt werden.« Berlin steht also vor Herausforderungen, die sich in anderen Bundesländern nur in sehr viel geringerem Maße stellen.« Ein anderes Ergebnis war ihm wichtiger: »Gleichzeitig hebt der Bericht hervor, dass Berlin bei der Frage nach der Bildungsbeteiligung besonders gute Werte erzielt. (...) Der Bericht bemerkt hier zu Berlin: ›Einzig in Berlin lässt sich nach Kontrolle der Lesekompetenz kein signifikanter Effekt der sozialen Herkunft auf den Gymnasialbesuch mehr zeigen.‹ «
Keine neuen Reformen
Die Ergebnisse waren nicht allzu überraschend und der Hinweis auf die strukturell schwierige Lage in der Stadt ist richtig. Auffällig ist, dass die Medien den Senator vergleichsweise milde behandelt haben. Wenn man bedenkt, wie in den vergangenen Jahren bei den schlechten PISA-Ergebnissen die verantwortlichen Bildungs- oder Kultusminister heftig angegangen wurden, dann war das hier wohl eher ein Kuschelkurs. Eine Frage tauchte immer wieder auf: »Und was ist jetzt die Konsequenz?« Darauf hatte der Senator immer wieder die gleiche Antwort: Es gehe nicht darum, wieder und wieder neue Programme zu entwerfen, man brauche jetzt Ruhe, um die vielen bildungspolitischen Reformen greifen zu lassen – und mehr Geld löse das Problem nicht; es komme darauf an, was mit den zur Verfügung gestellten Ressourcen gemacht werde. An diesem Punkt wird es heikel.
»Lieber weniger, aber besser!«
Der Senator hat ein Problem, und er hat eine ziemlich tückische Lösung. Er will keine neuen Reformen auflegen – denn er weiß, dass die KollegInnen sich bei diesem Wort abducken, weil sie es mit erhöhter Arbeitsbelastung verbinden. Er weiß auch, dass er damit die Eltern gegen sich aufbringen würde, denen ebenfalls der Kopf schwirrt von den vielen Veränderungen. Er will gegen die Missstände aber auch nicht mit zusätzlichen Mitteln ankämpfen – denn die bekommt er politisch nicht durchgesetzt. Also bleibt nur der dritte Weg: die Verlagerung eines strukturellen Problems an die Einzelschule.
Das kennen wir ja schon von der VERA-Diskussion. Zöllner ist damals auf die massive inhaltliche Kritik an diesem Test eingegangen, hat durchaus zugegeben, dass der Test aussagekräftiger gestaltet werden kann – hat aber im gleichen Atemzug darauf hingewiesen, dass es Schulen im sozialen Brennpunkt gab, an denen die VERA-Ergebnisse nicht so schlecht waren. Der Subtext ist deutlich: Regt euch nicht auf; wenn es andere schaffen, dann fragt euch lieber, was ihr besser machen könnt. Konsequent hat Zöllner dann angekündigt, dass nach den Sommerferien eine Konzeption zum Qualitätsmanagement an der Einzelschule vorgelegt wird. So etwas schüttelt man natürlich nicht aus dem Ärmel; es wird also schon ein Konzept in irgendeiner Schublade liegen. Außerdem stehen diverse Institute in den Startlöchern. Die externe Evaluation und die vielen Schulbefragungen haben hier einen lukrativen Markt geschaffen. Ein kleines Beispiel: Ein Fortbildungsinstitut der Technischen Universität Dortmund hat dem berufsbildenden Bereich eine »Fortbildung zur Implementierung von Qualitätsmanagement« angeboten; Kostenpunkt für 21 TeilnehmerInnen schlappe 37.000 Euro.
Neu: der Zugriff auf den vorschulischen Bereich
Die Präsentation des Ländervergleichs führte auch gleich zu einer heftigen Diskussion über die Veränderungen im vorschulischen Bereich und in der Schulanfangsphase. Natürlich konnte Zöllner darauf hinweisen, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Der Ländervergleich wurde in den damalig neunten Klassen durchgeführt und die SchülerInnen, die in Berlin teilgenommen haben, haben von den Bögerschen und Zöllnerschen Reformen nichts mitbekommen. Seine diskret geäußerte Hoffnung: Die Jahrgänge, die in den Genuss dieser Reformen gekommen sind, dürften dann in der neunten Klasse erheblich bessere Leistungen abliefern.
Mit dieser hoffnungsvollen Einschätzung kam er allerdings nicht durch, denn sofort war die Diskussion eröffnet. Zugespitzt: Wie kann es sein, dass Kinder von der Kita in die Schule wechseln, die die Farben nicht kennen, die eine Schere nicht halten können, die kaum die deutsche Sprache beherrschen? Ist das wirklich alles sinnvoll? Da blieb Zöllner konsequent: Das Konzept des Qualitätsmanagements wird sich auch auf den Kitabereich erstrecken. Das gipfelte in seinem Satz »Wenn das, was von der Vorklasse geleistet werden sollte, von der Kita nicht geleistet werden kann, dann muss man sich etwas Neues überlegen.« Das Neue kann keine andere Organisationsform sein – denn eine weitere Reform, auch organisatorischer Art, hat er ja ausgeschlossen. Das Neue ist die Forderung, dass Kitas ein anderes Selbstverständnis benötigten, und die klare Aussage: Wenn Kinder die Kita mit großen Defiziten verlassen, muss bei jeder einzelnen Kita hinterfragt werden, was falsch gelaufen ist.
Man kann sich fragen, was dieses »Qualitätspaket« bis jetzt schon gekostet hat und noch kosten wird – an Bindung von Personalressourcen und an Zeit, Zeit für Erarbeitung, Einführung und Auswertung. Ich bedauere jetzt schon die Schul- und Kita-Leitungen, die ab Herbst auf unzähligen Sitzungen herumsitzen und sich tolle Power-Point-Präsentationen angucken dürfen. Natürlich dürfen Ressourcen nicht verschleudert werden. Das Perfide aber bleibt: Wenn es Kritik an der Schule oder der Kita gibt, dann – so die Gefahr – redet man nicht über die Gruppengrößen und Arbeitsbelastungen, über zu hohe Pflichtstundenzahl, den nach wie vor täglich stattfindenden Wegfall von Förder- und Teilungsunterricht, den Weggang junger Lehrkräfte. Die Aussage wird lauten: Euer Qualitätsmanagement ist falsch. Das ist nicht ungeschickt vom Senator. Es wird von uns abhängen, ob Zöllner damit durchkommt.
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