Baustelle Grundschule
Leider gibt es Defizite bei der Planung und Durchführung
von Ellen Hansen, Grundschulleiterin in Schöneberg
Endlich Atempause in der Grundschule, denn große Reformen stehen für das nächste Schuljahr nicht an. Das gibt Zeit, mit Ruhe und Muße in die Tiefe zu gehen, einzuhalten, nachzudenken, nachzusteuern: Was haben wir erreicht? Wie muss es weitergehen?
Das jahrgangsübergreifende Lernen soll nun endgültig in den letzten noch widerständigen Schulen begonnen werden. Praktisch heißt das, dass endlich mit dem Gerede aufgehört werden muss, die Einführung doch noch in die Freiwilligkeit der einzelnen Schulen zu stellen. Das schafft lediglich Verwirrung, Unsicherheit und Streit! Gerade auch, weil die Medien keine Gelegenheit versäumen, auftretende Probleme der Schulanfangsphase (Saph) anzulasten und damit die Skeptiker bedienen. Übrigens zieht selbst Bayern inzwischen nach: Mit Beginn des neuen Schuljahres gibt es dort erste Schritte mit einer Schulanfangsphase im 1. und 2. Jahrgang.
Schulanfangsphase besser ausstatten
Angesagt dagegen ist, die positiven Erfahrungen der Saph offensiv darzustellen und Bedingungen zu schaffen, die es möglich machen, dass die richtige Zielsetzung auch erreicht werden kann. Dazu gehören die durchgehende Doppelbesetzung mit PädagogInnen sowie eine Kooperationszeit, die auf die Arbeitszeit angerechnet wird. Wir brauchen außerdem organisierte Materialbörsen zum Austausch individueller Arbeitsmaterialien und differenzierter Projektangebote für den gemeinsamen Unterricht. Und die KollegInnen müssen bezüglich Teamarbeit, Diagnose und Kommunikation spezifisch fortgebildet und unterstützt werden.
Die frühere Einschulung stellt zusätzliche Anforderungen: an die Räume und deren Ausstattung, aber auch an die Unterrichtsinhalte, um den Kindern gerecht werden zu können, die sozial und sprachlich besonders gefördert werden müssen. Für diese Kinder müssen Zurückstellungen leichter möglich sein.
Der Vera-Test, so wie in den vergangenen Jahren durchgeführt, sollte in den Papierkorb wandern. Mit dem Ziel des Monitoring reicht es, den Test unter neutralen Testbedingungen stichpunktartig alle vier bis fünf Jahre durchzuführen. Oder es wird ein Test entwickelt, der ein Diagnoseinstrument ist, einen fairen Vergleich ermöglicht, alle Lernniveaus bedient und von der Form und vom Inhalt her keine Belastungsprobe für die Kinder ist, sondern Fortschritte aufzeigt.
Völlig unverständlich ist, wieso die Stundenressource zur Förderung der Kinder mit Behinderun-gen gekürzt wurde – so ist ihre Teilhabe an Bildung und Schulleben nicht zu leisten. In einer inklusiven Schule müssen sonderpädagogische Kompetenzen und unterstützende Schulhelfer nach Bedarfslage zur Verfügung stehen. Hier ist die Senatsbildungsverwaltung in der Pflicht: Die menschenrechtlichen Vorgaben müssen eingehalten werden.
Die Einführung der Ganztagsschule war die wichtigste und notwendigste Reform, die sich aber zur Dauerbaustelle entwickelt hat. Das »Berliner Bildungsprogramm für Ganztagsschulen« ist hervorragend. Aber nun muss mit angemessenen Mitteln auch umgebaut werden: Betreuungsangebot für Kinder der 5. und 6. Klasse, ausreichende Räume für die unterschiedlichen Aktivitäten. Räume, die durch den Schülerrückgang frei werden, müssen konsequent für kooperative und ergänzende Angebote kultureller, sozialer und medizinischer Einrichtungen genutzt werden. Außerdem müssen rechtzeitig und ausreichend ErzieherInnen eingestellt und die Gruppengrößen gesenkt werden. Um mit der Baustellenarbeit weiterzukommen und erfolgreich zu sein, braucht die Grundschule eine angemessene Ausstattung mit Stellen für temporäre Leitungs-, Entwicklungs- und Organisationsaufgaben analog zu den Funktionsstellen an den Sekundarschulen. Das Fehlen entsprechender Überlegungen in der Senatsbildungsverwaltung ist eine Missachtung unserer Arbeit an der Qualitätsentwicklung in der Grundschule.
Als Optimistin reizt mich das Arbeiten an Baustellen im konstruktiven Bereich. Eine Schule ohne Baustellen hat aufgehört, gut zu sein. Aber sie müssen zeitlich begrenzt sein, klare Zielvorgaben haben und die notwendigen Mittel sowie fachkompetente ArbeiterInnen müssen bereitstehen. Leider gibt es hier zu wenig Handlungsspielraum.
Richtig sauer aber macht, dass auf der größten Baustelle im Schulbereich, nämlich der Personalversorgung, willkürlich eingegriffen wird! Eingestelltes und zugesagtes Geld für die Personalkostenbudgetierung, das einen kleinen Spielraum zur Bewältigung zahlreicher Mängel bot, wurde innerhalb einer Woche weggebucht, weil die Schulen diese Möglichkeit tatsächlich genutzt haben! Das zerstört Vertrauen und ist Ausdruck von Unzuverlässigkeit!
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