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Nr. 09 / 2010: Ein Zug ohne Schienen

Ein Zug ohne Schienen

Schwierigkeiten beim Start der integrierten Sekundarschule

von Norbert Gundacker, stellvertretender Vorsitzender der GEW BERLIN

Mit dem Schuljahr 2010/11 startete die viel diskutierte neue Integrierte Sekundarschule. Rund 12.000 Schülerinnen und Schüler wechselten von der Grundschule an die 106 Sekundarschulen.Für unsere Gewerkschaft führt die Schulstrukturreform in die richtige Richtung, auch wenn wir uns mehr Mut zur Veränderung bei den Regierungsparteien gewünscht hätten.
Zum Start der Integrierten Sekundarschule drängt sich allerdings das Bild auf, dass sich der Zug in Bewegung gesetzt hat, obwohl die Schienenteile erst gegossen werden müssen. Zum letzten Mal gab es Bildungsgangempfehlungen für die Hauptschule, die Realschule und das Gymnasium. Stark nachgefragt waren Gymnasien und renommierte Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe. Kaum Veränderungen gab es bei der Mehrzahl der ehemaligen Real- und Hauptschulen, die nicht mit einer anderen Schule fusionierten. SchülerInnen mit Realschulempfehlung landeten an den ehemaligen Realschulen, Eltern eines Kindes mit Hauptschulempfehlung wurden da schon einmal von einem Realschulrektor »beraten«, doch die benachbarte Sekundarschule zu wählen – ganz zufällig eine ehemalige Hauptschule. Für viele der bisherigen Hauptschulen bleibt es beim hohen Anteil an Kindern aus bildungsfernen Familien.

Die fusionierten Haupt- und Realschulen sind mit dem Prozess des Zusammenwachsens beschäftigt. Während viele Hauptschulen in den letzten Jahren aus der Not heraus neue Konzepte erprobt und weiterentwickelt hatten, bewegte sich an den meisten Realschulen wenig. Die Kollegien sind sich fremd, man spricht eine andere Sprache und bringt völlig unterschiedliche Erfahrungen mit.

Zum letzten Mal gibt es ein halbjähriges Probehalbjahr am Gymnasium. Zum letzten Mal werden nach nicht bestandenem Probehalbjahr Rückläufer mit einem Schulplatz versorgt werden müssen. Zu befürchten ist, dass es nicht an allen Sekundarschulen entsprechende freie Plätze gibt und deswegen an wenig nachgefragten Schulen Rückläuferklassen eingerichtet werden, was dem integrativen Ansatz der Sekundarschule widerspricht.

Das Schulstrukturgesetz sieht für die Sekundarschule, anders als bisher an den Gesamtschulen, keine verpflichtende äußere Fachleistungsdifferenzierung vor. Zur Anwendung sollen künftig vor allem Formen der Binnendifferenzierung kommen. Viele KollegInnen betrachten die dafür notwendigen Fortbildungen und andere Maßnahmen zur Unterstützung einer auf individuelles Lernen ausgerichteten Schulentwicklung als zusätzliche Belastung.

Die Einrichtungsfrequenz von 25 SchülerInnen führt zu Verbesserungen an den Gesamtschulen, vorausgesetzt Elternklagen um Schulplätze bleiben erfolglos. Für die bisherigen Hauptschulen bedeutet dies aber größere Klassen bei fast gleicher Schülerschaft wie in der Vergangenheit. An den Schulen in sozialen Brennpunkten fordern KollegInnen die Einrichtung kleinerer Klassen und mehr Lehrerstunden für die Doppelsteckung.

Zum Erfolg verurteilt

Eine Abfrage der GEW BERLIN bei den Schulleitungen der Integrierten Sekundarschulen kurz vor Schuljahresende ergab, dass etwa 40 Prozent der Schulen über fehlende Lehrkräfte, insbesondere in den naturwissenschaftlichen Fächern, klagen. Die Verwaltung muss hier umgehend für eine Ausstattung sorgen, die wenigstens den Regelbedarf abdeckt und eine angemessene Vertretungsreserve vorsieht.

Alle Sekundarschulen sind Ganztagsschulen. Aber die Voraussetzungen für den Ganztagsbetrieb sind oft nicht gegeben, weil die Baumaßnahmen noch nicht begonnen haben oder noch nicht abgeschlossen sind. Und erst nach Beginn der Sommerferien unterzeichneten die freien Träger und die Senatsbildungsverwaltung eine Rahmenvereinbarung für die Kooperation im Ganztagsbetrieb der Sekundarschulen – und der Ganztagsgymnasien. Das bedeutet für etliche Schulen, dass weder ErzieherInnen noch SozialarbeiterInnen an Bord sind und Konzepte zur Ausgestaltung des Ganztagsbetriebs fehlen.

Ein wichtiger Baustein der neuen Sekundarschule ist das Duale Lernen. Erfolgreiche Ansätze der Hauptschulen sollen weiterentwickelt und von allen Schulen umgesetzt werden. Betriebspraktika und Tage zur Berufsorientierung sind aber nicht alles, die notwendige Verknüpfung des praktischen Lernens mit dem Unterricht in allen Fächern muss erst noch geleistet werden.

Wir wollen die Hauptschule nicht zurück, weswegen die Sekundarschule zum Erfolg verurteilt ist. Aber alle von dieser Großbaustelle Betroffenen – SchülerInnen, Eltern, LehrerInnen – benötigen dringend Unterstützung und Hilfen beim Übergang. 

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