Häuptlinge und Indianer
Funktionsstellen: Ein heikles Thema
von Peter Sinram, Pressesprecher der GEW BERLIN
Es gibt wenige Themen, bei denen die Gemüter so in Wallung geraten wie beim Thema der Beförderungsstellen. Nun gut, an Grundschulen spielt das eine andere Rolle, die haben kaum welche. Aber je »höher« man geht desto quasi naturwüchsiger nimmt die Anzahl von Funktions- und Leitungsstellen zu. Am gesegnetsten sind die berufsbildenden Schulen; 28,3 Prozent der Stellen sind Beförderungsstellen. Mit anderen Worten: Hier kommt auf 3,6 Indianer ein Unter-, Mittel- oder Oberhäuptling beziehungsweise erfreulicherweise in zunehmendem Maße auch Häuptlinginnen.
Das Thema ist auch deshalb belastet, weil es ziemlich viel Spielraum für Populismus bietet. Jeder Bildungspolitiker, der sich an Beförderungsstellen heranwagt, erntet zunächst Beifall: Endlich geht es »denen da oben« auch mal an den Kragen... Verlassen wir diese Ebene.
»Flexibler, gezielter, plausibler«
Mit der Einrichtung der Integrierten Sekundarschulen (ISS) hat sich Zöllner ein weiteres kleines feines Problem geschaffen. Wo sollen die dort zusätzlich gebrauchten Funktionsstellen herkommen? Natürlich musste die Lösung kostenneutral sein. Die ursprüngliche Idee, bei den berufsbildenden Schulen zu »wildern«, wurde aufgegeben. (Jetzt kann man sich fragen, wer sich hier gegen wen durchgesetzt hat, aber das hilft nicht wirklich weiter.) Stattdessen kam ein neues Modell, das vom Senator mit den Worten »flexibler, gezielter, plausibler« angepriesen wurde. Die beiden Kernstücke sind:
• Der Stellenkegel wird dadurch »ausgewogener«, dass sowohl an den Gymnasien als auch an den berufsbildenden Schulen die Anzahl der A15-Stellen reduziert und die der A14-Stellen erhöht wird.
• Dadurch bekommt man zusätzlichen finanziellen Spielraum für die Schaffung von »Funktionen«. Alle Schulen können für konkrete, zeitlich befristete Aufgaben Funktionen einrichten, die mit einer Abminderung von zwei Unterrichtsstunden versehen sind; an den meisten Schulen der Sekundarstufe I und II einschließlich der berufsbildenden Schulen stehen drei Funktionen zur Verfügung, an kleineren Schulen ohne gymnasiale Oberstufe (GO) zwei.
Bemerkenswert dabei, dass die als Normalfall angedachte vierzügige ISS ohne GO bei einer Durchschnittsfrequenz von 25 in der Sekundarstufe I automatisch eine kleine Schule ist. Die Grundschulen wurden nicht bedacht und die Gymnasien sind die »Verlierer«. Während die Gesamtzahl der A14- und A15-Stellen an den berufsbildenden Schulen gleich bleibt, verlieren die Gymnasien 24 Stellen. Die unterschiedliche Zuweisung von Stellen an »große« und »kleine« Schulen geht ebenfalls zulasten der Gymnasien, weil die eher Schwierigkeiten haben, die für die Definition einer »großen« Schule notwendige SchülerInnenzahl von 850 zu erreichen.
Time is money
Schulen haben viele neue Aufgaben bekommen. Sie brauchen dafür Zeit, Zeit und noch einmal Zeit. Es ist unzumutbar, zusätzlich zur viel zu hohen Pflichtstundenbelastung all diese Aufgaben quasi nebenbei zu erledigen. Alle Schulen haben die Phase der Schulprogrammentwicklung und der ersten Ansätze der internen Evaluation durchlaufen. Kluge Schulleitungen haben dafür Arbeitsgruppen eingesetzt und den KollegInnen, die sich aktiv an den Prozessen der Schulentwicklung beteiligen wollten, irgendwoher zusätzliche Stunden gegeben. Deshalb ist der Zöllnersche Ansatz richtig. Man könnte ja auch darauf hinweisen, dass er damit endlich – wenn auch minimal – eine uralte Forderung der GEW BERLIN erfüllt. Ungefähr 1980 (!) hatten wir schon einmal gefordert, einen Teil der Beförderungsstellen abzubauen und Geld in Stunden zu verwandeln. Aber manchmal dauert die Umsetzung von sinnvollen Vorschlägen einfach länger.
Unklar bleibt allerdings die Form der Umsetzung: Wer bestimmt, welche drei zeitlich befristeten Vorhaben einer Schule die wichtigsten sind? Wie bewirbt man sich für so eine Aufgabe? Wer wählt aus? Kann man, wenn die Schulleitung oder die Schulaufsicht mit der geleisteten Arbeit unzufrieden ist, vorzeitig »abberufen« werden? Fragen über Fragen, die die Verwaltung möglichst umgehend zu klären hat.
Umwandlung des Stellenkegels
Die gleiche Unsicherheit herrscht bei dem zweiten Komplex. Sowohl in der Allgemeinbildung wie auch in der Berufsbildung herrschte in den letzten Monaten bei Beförderungsverfahren auf eine A15-Stelle Funkstille. Konkret: Die Verfahren sind abgeschlossen, der Auswahlvermerk ist gefertigt, eigentlich hat die Dienststelle entschieden, welche Person sich als geeignet herausgestellt hat – aber irgendwo liegen dicke Aktenstapel und werden nicht weiterbearbeitet.
Wer entscheidet jetzt, welcher Vorgang weiter gehen wird und welcher nicht? Es soll eine »Einzelfallprüfung« geben, hört man. Was sind die Kriterien für diese Prüfung und wer macht sie? Die Schulleitung? Die Schulaufsicht? Wie lange lässt man die Betroffenen hängen? Wann wissen Schulleitungen und Fachbereiche Bescheid? Fragen über Fragen! Zöllner hat um Geduld gebeten und ein behutsames Vorgehen angekündigt. Läuft das, bösartig gesprochen, auf die »biologische Lösung« hinaus? Heißt das, dass aus einer A15-Stelle erst dann eine A14-Stelle wird, wenn die jetzige AmtsinhaberIn in Pension gegangen ist? Oder müssen die jetzigen AmtsinhaberInnen mindestens mittelfristig mit Umsetzungen rechnen?
Sinnvolle Ansätze bei erhöhter Unsicherheit
Der Senator und seine Verwaltung haben jetzt, da dieser Artikel geschrieben ist, noch ungefähr acht Wochen Zeit, um alle Fragen zu klären, damit die Schulen auch vernünftig mit dem neuen Konzept arbeiten können. Im Augenblick haben wir nur einen Plan, der der Öffentlichkeit und den Schulen als großer Fortschritt verkauft wird – auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Unklarheiten. Zöllner sollte inzwischen gemerkt haben: Wenn das Kleingedruckte nicht da ist, nützt mir der schönste Plan nichts! Außerdem müssen bis Anfang des neuen Schuljahres die neuen Zuordnungsrichtlinien mit der Beteiligung des Hauptpersonalrates unter Dach und Fach gebracht werden. Der nächste Schritt ist: Es muss ein Konzept her, das die Grundschulen einbezieht – denn auch die haben zahlreiche zusätzliche Aufgaben bekommen.
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