Also, da war echt was los
Lothar Kunz über seine Zeit als Student, Stundenlehrer und Hochschuldozent
das Gespräch führten Matthias Jähne und Klaus Will
Du bist nun seit einigen Monaten im Ruhestand. Hast du schon darüber nachgedacht, welche Zeit die spannendste in deinem Berufsleben war?
Nachgedacht nicht gerade, aber ohne Zweifel war die spannendste Zeit damals an der Pädagogischen Hochschule Berlin (PH) in den Siebziger Jahren. Da gab es ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl im Lehrkörper, persönlich und politisch. Und es waren ja auch spannende politische Zeiten. Bei den Studenten hatte an der PH zunächst die ADS den Asta erobert, wurde dann aber von der undogmatischen Liste aktiver undogmatischer Studenten (LAUS) verdrängt. Die waren sehr kreativ und nicht so dogmatisch wie die SEW-Sympathisanten von der ADS.
In der GEW warst du damals auch schon.
Auch dort waren das spannende Zeiten. Wir strömten damals in Massen in die Gewerkschaft und ließen uns von den älteren Herren im Vorstand nicht den Mund verbieten. Das war ein Umschwung ohnegleichen, die konnten einfach nichts gegen uns ausrichten. Eine Erfahrung, die mich geprägt hat: Wenn sich die Basis solidarisch zusammentut, bestimmen wir den Kurs – dann kann selbst ein Bundesvorsitzender Erich Frister nichts mehr ausrichten. Also, da war echt was los. Und die GEW überall dabei, nicht nur bei den Gewerkschaftsthemen, sondern bei allen politischen Diskussionen: gegen Berufsverbote und Unvereinbarkeitsbeschlüsse, gegen Atomkraft, für mehr Demokratisierung.
Lothar, wie bist du nach Berlin gekommen? Du bist nicht von hier, deine schwäbische Vergangenheit hört man noch deutlich raus.
Ja, stimmt. Ich komme aus dem Schwarzwald und habe in Esslingen an der Pädagogischen Hochschule (PH) studiert. 1970 bin ich nach Berlin gegangen. Ich habe meine alemannische Herkunft nicht verleugnet, Dialekte bereichern Kultur und Gesellschaft.
Und warum bist du nicht geblieben?
Weil ich einfach die Schnauze voll hatte von den ewigen Eingriffen der schwarzen CDU-Landesregierung – und weil mir klar war, dass ich in Baden-Württemberg in der Schule erhebliche Schwierigkeiten bekommen würde. Als politisch denkender und handelnder Mensch wäre ich dort isoliert gewesen. Ich hatte mich damals im Zuge der Studentenbewegung schon stark engagiert, war AStA-Vorsitzender und Mitglied im Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB). Da hatte ich mir dann überlegt nach Frankfurt oder Berlin zu gehen. Dass es dann Berlin wurde, lag vor allem an einer sehr charmanten Sekretärin an der damaligen PH. Die hat gesagt, Lothar, hier gibt es gute Leute. Carl-Heinz Evers war zum Beispiel damals Lehrbeauftragter an der PH, Adalbert Rang und Bruno Schonig waren da, Wilfried Gottschalch, das waren interessante Leute. Das hat mich überzeugt.
Du hattest in Esslingen dein Lehrerstudium gemacht – und was hast du dann an der PH in Berlin studiert?
Na ja, ich hatte eigentlich nicht so richtig Lust, die zweite Phase der Lehrerausbildung zu machen. Die Leute, die ich kannte, haben ziemlich gestöhnt. Da habe ich dann statt der zweiten Phase ein Diplomstudium Pädagogik aufgenommen. Das ging damals in Frankfurt und Berlin. Mein Lehrerstudium wurde als Vordiplom gewertet, sodass ich gleich ins Hauptstudium einsteigen konnte. Es hieß damals, dass an den Gesamtschulen spezielle Fachleiter eingestellt werden sollten. Das hat mich mehr interessiert. Also schon in die Schule, aber nicht voller Lehrer. Ich habe aber dann auch ohne zweite Phase Unterrichtserfahrung gesammelt und bin zwei Jahre als Stundenlehrer tätig gewesen. Irgendwoher musste die Kohle für das Studium ja kommen. Immerhin mit 12 Stunden, also fast eine halbe Lehrerstelle, davon habe ich gelebt.
Kannst du mal ein bisschen erzählen aus deiner Schulerfahrung?
Ich war ja Volksschullehrer und kam deshalb an die Hauptschule. Zuerst war ich an einer Schule im Wedding, dann an der Pommern-Oberschule in Charlottenburg. Also, die Pommern-Oberschule war schon ein Ding. Die Schüler waren ziemlich rabiat und gewalttätig, das Kollegium gespalten. Auf der einen Seite die älteren Kollegen und die Schulleitung, die auf harte Strafen drängten, auf der anderen Seite die jüngeren Lehrkräfte, die Reformen wollten. Gut bewährt hatte sich übrigens damals das Pendel Bezirk – Schule. Über die GEW konnten wir uns im Bezirk austauschen, die anderen Schulen hatten ja ähnliche Probleme. Es gab dann sogar Disziplinarverfahren gegen 21 KollegInnen von der Pommern-Oberschule: Mit ihrer »Konfliktpädagogik« seien sie für die Randale an der Schule verantwortlich, wurde ihnen vorgeworfen. Das Disziplinarverfahren wurde zwar zurückgezogen, aber sechs Lehrkräfte, darunter ich, wurden an andere Schulen versetzt.
Rütli hat also eine lange Vorgeschichte!
Ja, die Probleme der Hauptschule waren schon zu dieser Zeit überdeutlich. Konrad Wünsche, der als Hauptschullehrer gearbeitet hatte und dann auch an die PH Berlin kam, beschrieb damals die Sozialisationsdefizite der Hauptschüler in seinem Buch »Die Wirklichkeit des Hauptschülers« sehr treffend. Uns war klar, dass wir dies als Lehrer nicht so einfach ausgleichen konnten.
Du hast dann eine Hochschulkarriere eingeschlagen und bist Assistent an der PH geworden.
Dass ich dann an der PH gelandet bin, habe ich Jutta Schöler zu verdanken, die damals als Professorin für die Didaktik der mittleren Schulstufe auch dort war. Sie hatte mir eine Zeitassistentenstelle angeboten. Und da ich dringend einen Job brauchte, habe ich zugegriffen. Als Zeitassistent hatte man damals einen Vertrag für ein Jahr, der dann verlängert wurde oder meist auch nicht. Also eine ziemlich prekäre Sache. Außerdem war es ungerecht, denn wir Zeitassistenten haben die gleiche Arbeit gemacht wie die normalen Assistenten, die einen Fünfjahresvertrag hatten mit der Option auf Verlängerung um weitere drei Jahre. Ich und sieben andere haben dann aber mit dem Rechtsschutz der GEW einen Prozess um eine richtige Einstellung als Assistent geführt und den Prozess auch gewonnen. Mit dem Argument »Rechtsschutz« konnten wir anschließend eine Reihe von Leuten für die GEW werben. Und die PH musste schließlich alle 40 Zeitassistentenstellen in normale Stellen umwandeln.
Die PH ist 1980 geschlossen worden und du bist dann zur damaligen HdK als Studien-reformplaner gegangen, hast aber auch Veranstaltungen zur Geschichte der Päda-gogik angeboten, du bist ja Korczak-Experte.
Na ja, Studienreformplanung beziehungsweise später Koordination der schulpraktischen Studien war so die Pflicht, Geschichte der Pädagogik die Kür. Dort bin ich dann bei meiner Suche nach Pädagogik-Texten, die die Studenten gerne lesen würden, gerade auch die mit den künstlerischen Fächern, zunächst auf Pestalozzi gestoßen. Durch Zufall bin ich dann in der Zeitung auf die Bezeichnung »Korczak, der Pestalozzi von Warschau« gestoßen und habe mir Texte von Janusz Korczak besorgt. Der kam sehr gut an bei den Studenten: durch seine ästhetische Sprachform, seine pädagogischen Texte, durch seine Kinderbücher, seine Theaterstücke – der war sehr vielseitig. Die Forschungen zu Korczak haben mich damals sehr beschäftigt. Und über Korzcak bin ich dann auch auf Adolf Reichwein gekommen. Wieder so ein Zufall! Auf einer Tagung zum Thema »Korczak und Reichwein« war ich als Korczak-Experte eingeladen und lernte dort Rosemarie und Sabine Reichwein kennen. Rosemarie Reichwein war damals 96 Jahre alt und hatte viel zu erzählen. Das hat mich fasziniert und mir kam der Gedanke, dass man das irgendwie festhalten müsste. Sabine Reichwein und ich haben schließlich mit ihren Erinnerungen ein Buch gemacht.
So ganz freiwillig bist du nicht mit 64 in den Ruhestand gegangen. Nach deinem ersten Schlaganfall 1998 kam dann im letzten Jahr auch noch eine Herzerkrankung. Hättest du noch gerne weitergemacht?
Ja, hätte ich schon sehr gern. Die Arbeit mit den Studenten hat mir immer Spaß gemacht. Es war einfach immer wieder eine Herausforderung, denen gerecht zu werden, sie zu motivieren. Auf der anderen Seite haben die Kräfte nun mal nachgelassen. Hinzu kam, dass die Fakultät Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften abgebaut wurde. Es wurde immer weniger: immer weniger Studenten, immer weniger Dozenten. Das hat es mir leichter gemacht. Von daher war es fast ein »natürliches« Ende. Die Konzeption eines Instituts für Lehrerausbildung ist damit von der KMK aufgegeben worden.
Und jetzt, was machst du so als Rentner?
Also zunächst bin ich noch ziemlich gehandicapt durch meine Krankheit. Aber ich bin auch weiterhin aktiv im Rahmen des Reichwein-Vereins und der Korczak-Gesellschaft. Insgesamt komme ich mehr zum Lesen. Aber ich bin ja noch nicht so lange pensioniert. Mal sehen, was da noch kommt. Früher hatte ich mal gedacht, wenn ich Rentner bin, will ich noch einmal mit einer roten Fahne auf eine Demo gehen. Aber bei meinem Zustand kann ich ja weder die Fahne halten, noch Schritt halten. Daraus wird also vorerst nichts. Dafür verfolge ich die aktuellen Proteste der Studierenden gegen die verkorkste Studienreform mit Interesse und freue mich, dass die so lange durchhalten.
Und was macht die Querflöte?
Ich war ja 15 Jahre lang Flötist bei den Otto-Sinfonikern. Seit 1998 kann ich aber nicht mehr blasen. Jetzt konzentriere ich mich auf Konzerte in der Funktion als Zuhörer.
Lothar, wir danken dir für das Gespräch.
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