Die große Freiheit – und was nun?
Schwierigkeiten beim Start in die dritte Lebensphase
von Hartmut-W. Frech, Coach und Berater
Helga S. hat mit 62 Jahren ihre Karriere als allseits beliebte Gymnasiallehrerin beendet. Sie war richtig gern Lehrerin gewesen. Dann kam ein Jahr, in dem sie all das machte, wozu sie sonst zu wenig Zeit hatte: Reisen, viel Kultur, Zeitung lesen im Straßencafé, ein bisschen Ehrenamt in einer Kleiderkammer, Tangokurs, Fitness …. Im Laufe dieses Jahres bemerkte sie jedoch zunehmend eine latente Unzufriedenheit, die sie sich zunächst nicht erklären konnte. Ihre gesamte Stimmung trübte sich ein. Irgendetwas stimmte nicht ….
Harald M. hatte eine leitende Position beim Berliner Senat. Seine Frau war mit 60 in den Vorruhestand gegangen. Sie hatten viele gemeinsame Pläne, was sie »danach« machen wollten. Als er dann mit 63 aufhörte, trat das Unerwartete ein: Ihn befiel Unruhe, er fühlte sich depressiv und kraftlos. Von 150 auf 0 runter zu schalten, traf ihn wie ein Schock ….
Diese Beispiele aus meiner Beratungspraxis stehen für eine große Gruppe von Menschen, die mit der »großen Freiheit« in der dritten Lebensphase zunächst nichts anfangen können. Andererseits fällt vielen der Übergang in die neue Lebensphase gar nicht schwer. Sie wissen genau, was ihnen Spaß macht und Zufriedenheit bringt. Untersuchungen zeigen aber, dass insbesondere für Menschen mit höherer Schulbildung der Übergang in den Ruhestand oft schwierig ist. Vielen geht es dann wie Helga S.: Nach einer Phase der Euphorie mit viel bunter Aktivi-tät kommt eine Phase der Unzufriedenheit (manchmal auch der Depression) und des Suchens. Die Dunkelziffer derjenigen, die beim Start in den neuen Lebensabschnitt Schwierigkeiten haben, ist vermutlich sehr groß. Vor allem Männer können es nicht mit ihrem Selbstbild in Einklang bringen, dass ein produktiver, kreativer und engagierter Mensch, der schon viele Krisen durchgestanden hat, plötzlich mit dieser Veränderung nicht gut zurechtkommt. Solche Verunsicherun-gen werden dann lieber – teilweise sogar vor sich selbst – im Geheimen gehalten. Man muss ja auf die Frage: »Na, was machst du denn jetzt so?« eine bedeutend klingende Antwort haben. Dabei beginnt doch eigentlich eine wunderbare Zeit, der »Zenit des Lebens«, wie der Lebenslauf-Forscher Bolles sagt:
- Man ist finanziell gut abgesichert.
- Man ist voller Energie und Lust, noch etwas zu tun.
- Man fühlt sich rund zehn Jahre jünger als man ist.
- Man hat möglicherweise noch ein Drittel des Lebens vor sich.
- Man kann alles tun, was man schon immer tun wollte.
Nach dem herkömmlichen Bild hat das Leben drei Abschnitte: die Lern- und Ausbildungszeit, die Phase der Berufs- und Familienarbeit und der Ruhestand. In der dritten Lebensphase ist es jedoch zum ersten Mal im Leben möglich, ein Gleichgewicht zwischen Selbstentfaltung, Produktivität und Muße herzustellen. Fakt ist aber, dass es für viele Menschen zunächst nicht leicht ist, diese Chancen wahrzunehmen. Denn dieser Übergang unterscheidet sich grund-sätzlich von allen bisherigen Einschnitten im Lebenslauf:
- Häufig gehen viele soziale Kontakte verloren.
- Für viele waren die Anerkennung und der Einfluss, die das Arbeitsleben bietet, ein Lebenselixier. Man wird nun plötzlich nicht mehr gebraucht.• Die neue Lebenssituation kann Spannungen in der Partnerschaft entstehen lassen.
- Es wird immer bewusster, dass die Lebenszeit endlich ist und deshalb besonders kostbar. Dadurch entsteht Druck, schnell das finden zu müssen, was man wirklich, wirklich will.
- Bei allen »jugendlichen« Gefühlen sind die körperlichen Anzeichen des Alterns nicht zu übersehen.
- Die äußere große Freiheit spiegelt sich nicht im Innern der Person wider: Verhaltensmuster und Gewohnheiten beschränken den Handlungsspielraum und sind nicht leicht zu ändern.
Es ist zu erwarten, dass diese Proble-me mit der demografischen Entwicklung noch zunehmen. Die Individualisierungs-tendenz der skizzierten Schwierigkeiten in der Übergangsphase behindert ihre »Veröffentlichung« und Generalisierung als gesellschaftliches Phänomen. Die dritte Lebensphase wird immer noch weitgehend als »Ruhestand« deklassiert und ihre Potenziale und Produktivität sowohl für die Gesellschaft als auch für das Individuum häufig noch nicht erschlossen. Unterstützungsangebote wie Workshops oder Coaching sind noch rar. Diese sind aber – wie auch meine eigene Beratungspraxis zeigt – ausgesprochen hilfreich für den eigenen Entscheidungsprozess. Bei der Orientierung in der neuen Lebensphase ist das Thema »Lassen« von zentraler Bedeutung:
- Häufig gehen viele soziale Kontakte verloren.
- Für viele waren die Anerkennung und der Einfluss, die das Arbeitsleben bietet, ein Lebenselixier. Man wird nun plötzlich nicht mehr gebraucht.
- Die neue Lebenssituation kann Spannungen in der Partnerschaft entstehen lassen.
- Es wird immer bewusster, dass die Lebenszeit endlich ist und deshalb besonders kostbar. Dadurch entsteht Druck, schnell das finden zu müssen, was man wirklich, wirklich will.
- Bei allen »jugendlichen« Gefühlen sind die körperlichen Anzeichen des Alterns nicht zu übersehen.
- Prof. Dr. Hartmut-W. Frech (70) war Hochschullehrer für Sozialpsychologie an der TU Berlin in der Lehrerausbildung, Gestalttherapeut, Coach und Berater beim Übergang in den »Ruhestand«. Kontakt: hfrech@gmx.net oder Tel.: 030-85728979
WIR WOLLEN ALLE MITGLIEDER
Zum Glück ist die Mitgliedschaft der GEW BERLIN aus unterschiedlichen Beschäftigtengruppen zusammengesetzt: ErzieherInnen, Lehrkräfte, SozialpädagogInnen, SchulpsychologInnen, Hoch-schulangehörige. So müssten eigentlich auch die Mitglieder im Ruhestand diese verschiedenen beruflichen Herkunftssparten widerspiegeln. Aber leider verhält es sich bisher nicht so in dem langsam, aber stetig anwachsenden Kreis der Jungen Alten (JA). Hier sind ehemalige Lehrkräfte – und damit BeamtInnen – die überwiegende Mehrheit. Das bedauern wir sehr, finden doch so etliche wichtige Aspekte der früher im Bildungs-bereich aktiven GEWlerInnen nicht die angemessene Berücksichtigung. Dabei sind die Fragen, die uns Junge Alte bewe-gen und die wir diskutieren, für alle GEW-Mitglieder sowohl von persönlicher als auch gesellschaftspolitischer Relevanz:
- Wie will / kann ich alt werden? (SeniorIn-nen WG? Generationsübergreifende Wohnprojekte? Betreutes Wohnen? )
- Was will / kann ich noch lernen? (Com-puter, SeniorInnenstudium, Schreib-werkstatt, Singen)
- Was will / kann ich politisch noch ausrichten? (Umwelt, Frieden, soziale Projekte, Gewerkschaftsarbeit)
- Was will / kann ich noch in der GEW tun und was soll / kann die GEW für mich tun?
An solche und ähnliche Problemfelder gehen ehemalige ErzieherInnen wahrscheinlich anders heran als ehemalige StudienrätInnen. Wir können uns gut vor-stellen, dass der Gedanken- und Erfah-rungs-austausch bereichert würde und Diskussionsergebnisse fundierter ausfal-len würden, wenn unsere JA-Mitglieder-struk-tur mehr der Gesamtmitgliederstruk-tur entspräche. Deshalb laden wir an die-ser Stelle ganz herzlich auch die rentenna-hen oder bereits verrenteten (schreckliche Wörter!) »Nicht-Lehrkräfte-GEW-Mitglieder ein, bei den Jungen Alten mitzumachen. Was nicht heißt, dass uns nicht auch alle ehemaligen Lehrkräfte weiterhin willkommen sind.
WOHIN MIT SEINEN LESENSWERTEN BÜCHERN?
Das Problem ist bekannt. Die Bücherregale sind voll bis zum Rand. Neue Anschaffungen werden nach dem Zufallsprinzip abgelegt und dann nicht wiedergefunden. Um Platz für neue Werke zu schaffen und gleichzeitig neue Interessenten für lesenswerte Literatur zu finden bieten in Berlin zahlreiche Stationen ihre Hilfe an. Sie arbeiten vorwiegend auf gemeinnütziger Basis und geben die eingesammelten Produkte an interessierte LeserInnen weiter. Finanziell schlecht gestellte Personengruppen sind dabei die bevorzugte Zielgruppe. Ich habe mich in diesen Einrichtungen umgesehen und kann ihre Nutzung empfehlen. Die Medienpoints sind als eine Einrichtung des Kulturrings in vielen Bezirken zu finden. Sie nehmen auch CD, LP, MC, Video und Gesellschaftsspiele an. Alle Produkte werden kostenlos weitergegeben. Die Medienpoints arbeiten mit den benachbarten Schulen und Kindertagesstätten zusammen.
Abholdienste bietet der Integrationsbetrieb SinneWerk und der Büchertisch Kreuzberg an. Der Büchertisch beschäftigt über 30 Mitarbeiter und arbeitet ohne staatliche Zuschüsse. Bücher werden hier auch über das Internet zum Verkauf angeboten. Oxfam nimmt auch Sachspenden entgegen. Ihr Motto ist : »Wir machen Überflüssiges flüssig«. Mit den Erträgen unterstützen sie weltweit Hilfsprojekte gegen die Armut. Alle Annahmestellen sind werktags von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Oxfam öffnet um 10 Uhr. Der Büchertisch schließt um 20 Uhr. Weitere Informationen unter www.berliner-buechertisch.com oder www.kulturring.org oder www.motz-berlin.de oder www.oxfam.de oder www.sinnewerk.de Joachim Dillinger
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