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Nr. 09 / 2010: Wir brauchen eine bessere Willkommenskultur

Wir brauchen eine bessere Willkommenskultur

Über eine Kundgebung des Flüchtlingsrates für das Recht auf Bildung

von Christiane Thöne, blz-Redaktion und Kleinklassenleiterin

Wie Recht er doch manchmal hat, unser Regierender Bürgermeister. Beklagte er doch kürzlich in einer Rede vor MigrantInnen das Fehlen einer einladenden Willkommenskultur in Berlin. Dabei könnte der Berliner Senat so viel dafür tun!

Vieles dreht sich dabei um ein Gelingen der Integration von Kindern und Jugendlichen. Ganz besonders augenfällig wird das bei denjenigen, die direkt aus dem Ausland mit nur geringen oder gar keinen Deutschkenntnissen in unsere Stadt kommen. Jedes Jahr sind das über Tausend Jugendliche. Viele fliehen vor den Folgen von Bürgerkriegen in ihrer Heimat und kommen ohne Angehörige nach Berlin. Sie werden in diversen Einrichtungen untergebracht. Schulisch wurden sie bisher in sogenannten Kleinklassen erfasst und unterrichtet mit dem Ziel, sie bald möglichst in Regelklassen integrieren zu können. Es gab und gibt gute, erfolgreiche Konzepte dafür an den Schulen.

Häufig waren diese Kleinklassen an Hauptschulen angegliedert. Aber das ändert sich ja glücklicherweise, denn es gibt jetzt die Integrierten Sekundarschulen und damit bessere Möglichkeiten, auch diese Jugendlichen zu weiterführenden Abschlüssen zu bringen.

Wenn da nur nicht die Meldungen aus verschiedenen Bezirken der Stadt gekommen wären, die von Auflösung dieser Klassen oder von Kürzungen der Unterrichtsstunden berichteten. So gab es an der Pommernschule in Charlottenburg-Wilmersdorf vier dieser Kleinklassen mit einem bewährten Konzept. Nun gehen die Klassen an die Peter-Ustinov-Schule und die vier Klassen der Pommernschule sollen auf drei reduziert, die Stundentafel gekürzt und im laufenden Schuljahr keine neuen SchülerInnen mehr aufgenommen werden. Da sie nach Erlernen der deutschen Sprache in die Regelklassen eingegliedert werden, würde das in einem Jahr ganz offiziell das Aus für die Kleinklassen an diesem Standort bedeuten. Es ist derzeit noch völlig unklar, was mit den in der Zwischenzeit kommenden Jugendlichen passieren soll.

Ein Treppenwitz besonderer Art dabei ist es, dass dies ausgerechnet an einer Schule passiert, die sich auf Peter Ustinov beruft. Ihm ging es mit seinem Stiftungsengagement um die Ärmsten der Armen und um den Kampf gegen Vorurteile, also gerade um die Förderung von SchülerInnen wie diesen. Sicher, es ist eine sehr ernste Frage, was zu tun ist, wenn es nicht genug Stunden für die Schule gibt. Muss man aber ausgerechnet diese Kürzung akzeptieren? Oder will die Peter-Ustinow-Schule diese SchülerInnen doch nicht haben, entgegen verbaler Behauptungen?

Natürlich kam diese Entscheidung erst kurz vor Ende des Schuljahres, die Schulverwaltung und offensichtlich auch SchulleiterInnen können sehr spontan sein. LehrerInnen der Kleinklassen und SozialpädagogInnen aus den betroffenen Einrichtungen reagierten alarmiert und setzten sich mit dem Flüchtlingsrat zusammen.

Der Kreis beschloss, sich bemerkbar zu machen. Die Bemühungen um Integration dürfen nicht auf Sonntagsreden reduziert werden. Dem Willen zur Integration müssen Taten folgen. Und, wie überall, wo kein Höheres Wesen direkt in die Geschicke eingreift: Es sind die betroffenen Menschen selbst, die mit ihrer Aktion ihre Lage und ihre Forderungen ins Gespräch bringen müssen. Spontan wurde eine Kundgebung in der Otto-Braun-Straße vor dem momentanen Sitz der Senatsschulverwaltung geplant.
Der Flüchtlingsrat hatte zuvor einen Brief an Zöllner geschickt, in dem er seine Forderungen formuliert hatte:

  • Klare Vorgaben des Senats zur Beschulung dieser Jugendlichen. Diese Vorgaben müssen sich orientieren an dem Ziel einer erfolgreichen Integra-tion und dürfen nicht von der regionalen Schulaufsicht als disponible Mittel zum Stopfen anderer Löcher verwendet werden.
  • Kleinklassen müssen bleiben und brau-chen feste Standorte in den Bezirken.
  • Sie brauchen die gleiche Unterrichtsversorgung wie Regelklassen.
  • Alphabetisierungskurse müssen bei Bedarf zusätzlich eingerichtet werden können.
  • Es darf keine Wartelisten auf einen Schul-platz bei den Einrichtungen geben.

Am 1. Juli bei brütender Hitze trafen sich SchülerInnen, SozialpädagogInnen und LehrerInnen vor dem Gebäude der Senatsschulverwaltung. Sie wurden unterstützt von vielen GEW-KollegInnen des Gesamtpersonalrates. Die SchülerInnen hatten Transparente und Pappen bemalt, auf denen sie ihre Wünsche ausdrückten: Wir wollen Deutsch lernen! Kleinklassen müssen bleiben! Wir lieben unsere Kleinklasse! Kurze Reden wurden gehalten, unter anderem von Norbert Gundacker, stellvertretender Vorsitzender der GEW BERLIN. Walid Chahrour vom Flüchtlingsrat hatte die Senatsschulverwaltung vorher informiert und um ein Gespräch gebeten. Jürgen Zöllner hatte zwar keine Zeit, dafür aber Frau Grassau, zuständig für Integration und Migration.

Sie belehrte uns, dass es die Kleingruppen seit 2008 ja nun nicht mehr gäbe. Und wenn man den Namen ändere, schaffe man auch etwas Neues. Jetzt hießen sie »besondere Lerngruppen«. Man wolle weg von engen Vorgaben. Die einzelnen Schulen sollen Sprachförderkonzepte entwickeln. Das könne ganz unterschiedlich aussehen und, auch überbezirklich organisiert werden. Es läge also in der Hand der Schulen und der Bezirke. Wenn es irgendwo Probleme gäbe, solle man sie informieren. Jeder Jugendliche bekäme einen Schulplatz. Man könne sich auch an die Beschwerdestelle um Herrn Stötzer wenden. Also alles wie gehabt.

Die Senatsverwaltung macht allgemeine Vorgaben, aber sie ist nicht verantwortlich für die dann vor Ort konkret getroffene Entscheidung. Beteiligung und Einbeziehung der Beschäftigten und Betroffenen gibt es nicht mehr. Sachverstand wird durch Ideologie ersetzt. Immerhin sicherte Grassau der Delegation eine Antwort von Zöllner zu. Das sei eigentlich nicht üblich bei Offenen Briefen, aber diesen würde sie beantworten, denn der Vorwurf der Kürzung ließe sich leicht entkräften. Im Gegenteil, die Ausstattung sei sogar verbessert worden. Hier sind wir mal sehr gespannt auf die Argumente. Soweit sie im Gespräch vorgetragen wurden, klangen sie recht befremdlich. Fachunterricht solle von nun an nur in Regelklassen stattfinden und Sportunterricht zum Beispiel eigne sich besonders gut zum Erlernen der deutschen Sprache.

Am Ende war die Delegation baff. Alles wird besser, nur wir kriegen es nicht mit? Nein, die Delegation war sich einig: Diese Aktion war erst der Anfang. Die Reaktion der Senatsverwaltung lässt Schlimmes befürchten. Unsere SchülerInnen haben uns Mut gemacht. Wir werden weiter dafür eintreten, dass diese SchülerInnen eine qualifizierte schulische Ausbildung erhalten als Start für ihr neues Leben. Uns sind sie nämlich willkommen.

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