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Nr. 09 / 2010: Akzeptanz für "Sexuelle Vielfalt"

Akzeptanz für »Sexuelle Vielfalt«

 Berlin verstärkt den Kampf gegen Homophobie und steht damit nicht allein da in Europa

von Ulf Höpfner, AG homosexueller Lehrer der GEW BERLIN

Die Fenster wurden geöffnet und die Jungs nannten mich eine »Schwuchtel«, einen »Arschficker« und »Schwanzlutscher«, schreibt Markus M. (Gymnasiast 11. Klasse in Berlin, Name geändert) in einem vertraulichen Bericht über seine Erlebnisse an die Schulleitung im April 2010. »Gruppen von 7- oder 8-Klässlern rufen mir »gay« wiederholt entgegen…ich kann mich nicht an alle Einzelheiten erinnern …, weil die Pöbeleien sozusagen fast täglich geschehen.« Die Schulleitung ist alarmiert. Viele KollegInnen nehmen den erschütternden Bericht betroffen zu Kenntnis. Viele wollen, dass etwas unternommen wird, doch ihnen selbst fehlen klare Handlungskonzepte. Natürlich steht in der Schulordnung, dass niemand beleidigt werden darf. Natürlich steht im Schulprogramm, dass die Schule klar gegen Gewalt steht. Doch was tun, wenn homophobe Einstellungen so weit verbreitet, ja so manifest erscheinen, dass die meisten PädagogInnen fast resigniert mit den Schultern zucken. Niemand hat ihnen beigebracht, mit diesem Thema angemessen umzugehen. Und auch jetzt tritt wieder ein typisches Handlungsmuster zutage. Religion und Eltern werden beschuldigt, verantwortlich zu sein, zwei Mächte, gegen die jeder Kampf aussichtslos scheint? Lieber keine Diskussion als eine mit ungewissem Ausgang!

Was jetzt passieren soll

Damit soll in Berlin nun endgültig Schluss sein. Die Initiative »Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt« als entschlossener Aktionsplan gegen Homophobie, beschlossen vom Berliner Abgeordnetenhaus im April 2009, wird nach einem Jahr Vorbereitung auf den Weg gebracht. Klar im Vordergrund scheint dabei die Arbeit im Bildungsbereich zu stehen, auch weil die AG homosexueller Lehrer der GEW BERLIN (www.schwulelehrer.de) bei der Konzeption beratend mitgewirkt hat. Gestützt durch eine repräsentative externe Studie unter Einbeziehung von Schulleitungen, Lehrkräften, Eltern und SchülerInnen sollen endlich alle Personen in Leitungs- und Beratungsfunktionen in Schulen, Schulaufsicht und Weiterbildungsinstitut LISUM zu Diversity qualifiziert werden. Lehrkräfte sollen von Anfang an zum pädagogischen Umgang mit Diversity und sexueller Vielfalt befähigt werden. Bereits im Studium soll es Pflichtmodule zur Sexualerziehung geben. Fortgeführt wird die Ausbildung in verbindlichen Modulen zu Sexualerziehung, Homophobie und Diversity während des Referendariats. Die von professionellen Beratern unterstützte Elternarbeit soll die schulische Arbeit unterstützen. Leitbilder, Konzepte und Standards der Schulen werden verstärkt bezüglich der Umsetzung einer Diversity-Politik im Schulalltag durch Schulinspektion und Schulaufsicht evaluiert. Und schließlich sollen ausreichend viele geeignete alters- uns zielgruppenspezifische Informations- und Unterrichtsmaterialien in gedruckter Form oder als elektronische Multimedia-Variante bereitgestellt werden. Auf die Erfahrungen und Fähigkeiten vieler Berliner Projekte und NGO’s kann bei der Umsetzung dieser im Bericht des Berliner Senats vom Februar 2010 konkretisierten Maßnahmen nicht verzichtet werden. Zur Koordination wird eine halbe hauptamtliche Abordnungsstelle bei der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung eingerichtet. Die Fachkräfte der NGO’s sollen über das LISUM einbezogen werden.

Internationale Vernetzung

Endlich scheinen die langjährigen Forderungen und Vorstellungen der GEW sowie aller fortschrittlichen politischen Kräfte im Bildungsbereich Wirklichkeit werden zu können. Trotz aller Hoffnungen muss klar sein: Es ist nun unsere Aufgabe, die zielstrebige Umsetzung der Maßnahmen und vor allem den effektiven Einsatz der 2,1 Millionen hierfür bereitgestellten Euro kritisch zu begleiten. Ein »Versickern« im allgemeinen Haushalt des LISUM zum »Stopfen anderer Löcher« darf es hier nicht geben!
Dazu gehört auch, dass man Ergebnisse, Materialien und Erfahrungen anderer Länder einbezieht. Homophobie ist kein deutsches Phänomen, sondern ein weltweites Übel, welches auch in anderen Ländern zu Maß-nahmen geführt hat. So steht britischen Schulen seit 2007 ein vom britischen Bil-dungsministerium herausgegebener um-fangreicher dreiteiliger Ratgeber zur Bekämpfung von »Homophobic bullying« zur Verfügung. Im jeweiligen Spezialteil für »Governours« (Schulverwaltungen), »Heads« (Schulleitungen), »Teachers« (Lehrkräfte) werden wichtige Informatio-nen, verbindliche klare Handlungsanweisungen und »best practice«-Beispiele gegeben (www.teachernet.gov.uk/publications). Etwas Vergleichbares gibt es in Deutschland noch nicht. Internationale Vernetzung kann also nicht nur die Umsetzung beschleunigen, sondern auch Kosten sparen.

Ein anderes Beispiel internationaler Ver-netzung, von dem auch ohne deutsche Beteiligung unsere Schulen profitieren können, ist im Rahmen des EU-Daphne-II-Programmes entstanden. Gefördert von der Europäischen Kommission wurden unter österreichischer, polnischer und italienischer Beteiligung drei Materialien erarbeitet, die nun in mehreren EU-Sprachen verfügbar sind: »Bullying im Klassenzimmer« – Handbuch gegen homophobes Mobbing für Schülerinnen und Schüler, »Bullying in der Schule« – Leitfaden gegen homophobes Mobbing für Lehrkräfte und »Bullying bekämpfen« – Anleitung für Anti-Bullying-Workshops in der Schule (www.queer.wien.at)
Die Teilnahme der GEW-Vertreter an der Internationalen Gewerkschaftskonferenz »Extending LGBT-Equality to Central and Eastern Europe« am 15. Juli 2010 im Vorfeld der EUROPRIDE in Warschau am 17. Juli 2010 zielt auf ebendiese Vernetzung der Gewerkschaften und VertreterInnen von Bürgerrechtsorganisationen. Einer von mehreren Schwerpunkten wird auch hier die Bildungsarbeit und die Bekämpfung von Homophobie in der Schule sein.

Markus M. schließt seinen Bericht mit den Worten: »Ich weiß, dass ich mit…meinem Aussehen provoziere, aber das rechtfertigt nicht, dass ich deshalb angemacht werde. Und trotz der Probleme werde ich mich nicht anpassen, denn das würde mich unglücklich machen. …Ich gehe meinen Weg.« Nur durch gemeinsame nicht nachlassende Bemühungen aller fortschrittlichen politischen und gewerkschaftlichen Kräfte können Markus M. und alle anderen »Unangepassten« hoffen, dass Schule zu einem Ort wird, an dem Mechanismen existieren, die ganz automatisch und ganz selbstverständlich einsetzen, wenn die Würde und Rechte eines einzelnen verletzt werden. Wo LehrerInnen aber auch MitschülerInnen deutlich erkennen, wenn es zu irgendeiner Form von Diskriminierung oder Mobbing kommt, und, damit das dann eine Ausnahme bleibt, selbstbewusst und zielsicher wissen, was dagegen zu tun ist.

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