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Nr. 09 / 2010: Die Jagd nach dem weißen Einhorn

DIE JAGD NACH DEM WEISSEN EINHORN*

Eine pädagogische Science-Fiction-Farce

Auf einer Bank am Kollwitzplatz sitze ich im, wenn auch ein wenig verrutschten, aber doch Businesssuit. Muss ich immer anziehen, wenn ich von der Schulleitung zur Jagd eingeteilt werde. So nennen wir das, seit wir uns um geeignete Kinder für unsere Doktor-Garantieklasse bemühen müssen. Wir stehen schließlich im Konkurrenzkampf mit den anderen und ihren Deutsch-Garantieklassen, DSDS-Klassen und was weiß ich. Na ja, und einen kleinen Bonus gibt es auch.

Ich schaue also versonnen auf die Kinder mit ihrem handgeschnitzten Holzspielzeug und ihre gepflegt blässlich-lässigen Mütter. »Da sind sie«, denke ich – ich spüre untrüglich bildungsbürgerliche Witterung – »weiße Einhörner, schussgerecht!« Natürlich bin ich vorbereitet. Der Designerbagger – natürlich aus Holz – liegt längst etwas abseits im Spielbereich; meine Muskeln spannen sich für den Sprung auf die Beute. Gleich würde ich lässig hinschlendern, das Teil aufheben und fragen: »Haben Sie das verloren?« und dann das Gespräch über die Weltläufte im Allgemeinen und Kinder im Besonderen zum Thema Grundschule leiten, zur nicht nur Deutsch-, nein zur Doktorgarantieklasse…

»Na, spannst Du wegen der Mütter ab oder wegen der Kinder?« klingt es fröhlich an mein Ohr. Ich drehe mich um und sehe die Konkurrenz: Jackett & T-Shirt, Dreitagebart, dezenter Ohrring, Phänotyp des klassischen akademischen Prekariats. Aber jetzt mit Nachrüstung: im Tragetuch ein Baby. Das ist neu. Hat er bestimmt ausgeborgt. Die Mütter quatscht er bestimmt wieder voll mit der Überwindung der tradierten Geschlechterrollen und der interkulturellen Öffnung – an seiner Schule dürfen die Edelbratzen der Oxford-Garantieklassen mit dem einheimischen und migrantischen Proletariat sogar reden durch den Maschendraht auf dem Schulhof. »Neumodisches Weichei«, denke ich, und rücke die Krawatte zurecht.

»Misch Dich nicht ein«, zische ich. »Die habe ich zuerst gesehen, die schieße ich jetzt ab. Geh doch zum Helmholtzplatz, zum Teufel …« »Da ist doch schon Mechthild …« »… die Ökotusse von der Ying und Yang-Schule?« … «Nein, nicht doch, Mechthild! – der von der Leyen-Verschnitt mit dem Hosenkostüm von der Liz-Mohn-Schule, die beißt mich sofort weg mit gender mainstreaming, karrieremäßig, Deutsch- und Female-Executive-Garantieklassen und so.« »Und wo ist die Ökotusse?« »Muss jetzt den Görlitzer Park beackern. Öko ist megaout. Da muss man sich bescheiden, was das Revier angeht … Also die zwei weißen Einhörner sind Deine, o.k. Aber sag mal: Kannst Du mir den Platz nicht überlassen, wenn Du mit denen fertig bist? Mein Bonusstand ist lausig…« Na gut. Kollwitzplatz ist sowieso abgegrast; ich habe da schon so ein Müttercafé im Blick, das kennen die Headhunter noch nicht, da wollte ich sowieso hin. »Na o.k.«, sage ich friedlich, »weil du´s bist. Wenn die beiden was für Dich sind, gebe ich Dir noch ’nen Wink, aber so sehen sie nicht aus. Schuldest mir ein Bier.«

Ich bringe meine »Haben Sie das verloren?«–Nummer locker durch; wir sind uns einig über die kleinen Unterschiede, die so wichtig sind für die Zukunft der Kinder. Und ich finde die beiden süß, wie sie das mit einem so sanften und liebenswürdigen Ton verteidigen … E-Mail-Austausch für den Newsletter.

Ich gebe dem Weichei einen Wink, nicht seine Zeit zu verschwenden. Dann gehe ich auf einem Umweg in das Müttercafé. Muss nicht jeder gleich sehen, wo das ist. Die Konkurrenz wird immer härter. Die Gentry reicht eben nicht für alle Grundschulen; da muss man sich ranhalten, wenn man eine Doktor-Garantieklasse mit dem passenden Kundenkreis besetzen will.

Mit gewöhnlichen Kindern kann man die auch nicht auffüllen. Das spricht sich sofort per Kiezfunk herum. Das ist schon hart manchmal. Ich spüre doch, wie alle Eltern das Beste für ihre Kinder tun wollen. Aber dies ist weder die Zeit noch der Ort für Sentimentalitäten!

Da ist es ja schon, mein Café – sieht toll aus, jede Menge Beute, aber den Schlips, den sollte ich hier wegtun; junger kreativer Wissenschaftler kommt hier besser. Das sagt mir mein Instinkt. Na dann Waidmannsheil! Thomas Isensee

* Einhorn = das edelste aller Fabeltiere, ein Symbol des Guten schlechthin

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