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Nr. 09 / 2010: Rechtsextremismus unter Migranten

RECHTSEXTREMISMUS UNTER MIGRANTEN

Rechtsextremismus unter Migranten? Über dieses Thema wurde in Deutsch-land bislang geschwiegen. Das ist sonder-bar, denn an den Schulen gibt es erfreulicherweise eine relativ hohe Kom-pe-tenz im Umgang mit dem deutschen Rechtsextremismus. LehrerInnen und SchülerInnen stehen eine Fülle von hochwertigen Unterrichtsmaterialien und Informationsbroschüren zur Verfügung. Völlig anders sieht die Lage beim Wissen um die Ideologien und Aktivitäten rechtsextremer und ultranationalistischer Gruppen aus Ländern wie der Türkei, Russ-land, Polen oder dem ehemaligen Jugoslawien aus. Hier fehlt es an allem – an Fachkompetenz, an Unterrichtsmaterialien und an qualifizierten Fortbildnern.

Investiert wurde bislang nur in die Bekämpfung des Rechtsextremismus der Mehrheitsgesellschaft. Sie lag auf der Couch, sie wurde therapiert. Für die Deutsch-Türkin und Leiterin der Bundeskoordination von »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage«, Sanem Kleff, ist diese Asymmetrie ein unhaltbarer Zustand: »Ein Land, in dem bereits jedes dritte schulpflichtige Kind einen Migrationshintergrund hat, sollte sich keine Einseitigkeit in der Auseinandersetzung mit extremistischen Bestrebungen leisten. Ein glaubwürdiger Einsatz für Vielfalt und Toleranz ist nur möglich, wenn allen Ideologien der Ungleichwertigkeit mit der gleichen Entschiedenheit entgegengetreten wird – unabhängig davon, wer sie vertritt. Geschieht dies nicht, verliert Engagement für Menschenrechte bei Jugendlichen sehr schnell an Glaubwürdigkeit.«

Mit der 72-seitigen Broschüre »Rechtsextremismus in der Einwanderungsgesellschaft« schließt »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« eine Lücke. Erstmals beschäftigt sich in Deutschland eine Publikation umfassend und ohne ideologische Scheuklappen mit den men-schenverachtenden Ideologien, die ihren Ursprung in den Herkunftsländern der vier größten Einwanderergruppen haben: Rechtsextreme und ultranationalistische Gruppierungen türkischer, russischer, ex-jugoslawischer und polnischer Herkunft.

In vier Kapiteln werden die rechtsextremen Szenen von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland im Kontext der jeweiligen Einwanderungsgeschichte und der politischen Kultur in der Herkunftsgesellschaft untersucht. In »Jugo-Kult und Ethno-Irrsinn« zeigt der Politikwissenschaftler Sead Husic auf, wie eng ultranationalistische Ressentiments und Einstellungen unter den Migranten aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens bis heute mit dem Auflösungsprozess des Vielvölkerstaates und den Balkankriegen von 1991 bis 2004 verbunden sind. In »Deutscher als die Deutschen?« geht die Slavistin Barbara Kerneck auf den Einfluss von Rechtsextremen im Milieu der Russlanddeutschen ein. In »Träume von Turan«, beschäftigt sich der Islamwissenschaftler und Publizist Daniel Bax mit dem türkischen Rechtsextremismus in Deutschland. Und in »nationalbewusst und reaktionär«, beschreibt der Journalist Uwe Rada die rechtsextreme Szene in Polen und unter Polen in Deutschland.

Klaus J. Bade, Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration schreibt in seinem Geleitwort: »Diese Schrift eröffnet in kritischer Bestandsaufnahme und Problemanalyse Wege zur Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus im Migrantenmilieu.«

Eberhard Seidel


Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage (Hrsg.), Rechtsextremismus in der Einwanderungsgesellschaft. Exjugoslawen, Russlanddeutsche, Türken, Polen, DIN A4, 72 Seiten, 100 farbige Abbildungen, Berlin 2010. 1 Exemplar 3 Euro (plus Versand), 10 Exemplare á 2,50 Euro (plus Versand). Bezugsadresse: SOR-SMC, Ahornstr. 5, 10787 Berlin, Mail: schule@aktioncourage.org ISBN – Nummer 978-3-933247-50-6

 

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