WEGGESPERRT IM JUGENDWERKHOF TORGAU
Das Buch spielt 1988 unter den verschärften Bedingungen eines Staates kurz vor dem Kollaps. Die Mutter der 14-jährigen Anja hat einen Ausreiseantrag gestellt und ist auch durch Beschwerden auffällig geworden. Beide werden nachts verhaftet, voneinander getrennt und Anja landet in einem Übergangsheim. Niemand erklärt ihr etwas, niemand spricht mit ihr, niemand gibt Auskunft über den Verbleib der Mutter. Nach wenigen Tagen wird sie in einen Jugendwerkhof gebracht, wo sie einem strengen Drill, Schweigegeboten, Verboten, militäri-scher Ordnung und Strafen unterstellt wird. Sie flieht, wird aber wieder gefasst und kommt als Strafe in die Arrestzelle.
Als endlich ein Brief der Mutter kommt, weigert sich die Erzieherin, ihr diesen auszuhändigen. Das lässt Anja so ausrasten, dass sie die Erzieherin niederschlägt. Daraufhin wird sie in den geschlossenen Jugendwerkhof nach Torgau eingewiesen. Angefangen vom diktatorischen Heimleiter bis zu den sadistischen Betreuern werden die Mädchen terrorisiert – selbst auf der Toilette werden sie nicht aus den Augen gelassen. Durch die Bestrafung der ganzen Gruppe für das Versagen Einzelner, beim Sport oder bei der Erfüllung der Normvorgaben ihrer Arbeit, kommt es innerhalb der Gruppe zu zusätzlichen nächtlichen Bestrafungen.
Ähnliches an Gefangenenliteratur habe ich mehrfach gelesen, nie aber etwas zeitlich uns so Nahes und nie Vergleichbares über Kinder in der Haft – klammert man die KZ-Literatur einmal aus. Vergleiche dieser Art finde ich grundsätzlich problematisch. In dieser Sondersituation aber sind beide Systeme nahezu deckungsgleich, die individuelle Persönlichkeit wird komplett negiert, bis die Jugendlichen durch die Angst vor der Unberechenbarkeit gebrochen sind.
Lebensfeindlich und lebensverachtend ist die Grundhaltung der Erwachsenen in den Werkhöfen. Begriffe wie Demokratie oder Humanität oder Sozialismus sind nur Worthülsen, die in schärfstem Kontrast zu ihrem Verhalten stehen. Das Erschrecken über diese unglaublichen DDR-Haftbedingungen in den 50er Jahren wird noch gesteigert, weil sich bis 1989 nichts verändert hat. Und: Im Torgauer Jugendwerkhof waren keine kriminellen Jugendlichen untergebracht. Es gab keine Gerichtsverhandlung, niemand konnte sich verteidigen, es bestand ein 24-stündiges Redeverbot.
Der Schluss ist emotionaler Geschichts-unterricht: Hier erlebt ein junger Mensch den Aufbruch im Oktober/November 1989 in Leipzig. Die euphorische Stimmung teilt sich Anja unmittelbar mit, die Freude über die Freiheit, die Aussicht darauf, nicht mehr gefasst zu werden und das Wiederfinden ihrer Mutter decken sich mit der Aufbruchsstimmung.
Offen bleiben die Fragen nach den Ver-antwortlichen. Wer hat trotz der Erfahrungen aus dem Faschismus unter dem Vorwand der »Erziehung zum Sozialismus« derart die Menschenrechte missachtet? Was machen diese Erzieher heute? Dazu antwortete eine der Zeitzeugen bei der Präsentation des Buches in der Heinrich-Böll-Stiftung: »Sie leitet heute ein Altersheim«.
Grit Poppe hat den Jugendlichen aus Torgau mit ihrem Roman über Anja ein Gesicht, einen Namen, eine Geschichte gegeben, die bei aller Sachlichkeit auch poetische Szenen und Bilder enthält. Ein dringend zu empfehlendes Buch, das sich auch wegen des sehr günstigen Preises als Klassenlektüre eignet. Materialien für den Unterricht liegen auch vor.
AG Jugendliteratur
Grit Poppe, Weggesperrt. ISBN 978-3-7915-1632-5, Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 2009, 9,95 Euro (ab 14 Jahre).Grit Poppe wurde 1964 in Boltenhagen an der Ostsee geboren. Sie studierte am Leipziger Literaturinstitut. Von 1989 bis 1992 war sie Landesgeschäftsführerin Brandenburg für »Demokratie Jetzt«. Grit Poppe schreibt Bücher für Kinder und Erwachsene.
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