Magier Zöllner
Was der Bildungssenator mit Harry Potter zu tun hat
von Alke Wierth, taz-Redakteurin
Bislang haben wir Bildungssenator Jürgen Zöllner als den Rolling Stone unter den Berliner Senatoren betrachtet: etwas zerknittert, aber gerade deshalb attraktiv. Nun zeigt sich, dass er auch Ähnlichkeit mit noch ganz anderer Prominenz hat: mit Albus Dumbledore, dem Magier, der das Internat Hogwarts leitet, wo Harry Potter zaubern lernt.
Denn zaubern kann der Senator offenbar fast so gut wie der berühmte Magier: Den Lehrermangel, den Eltern, Schule und die GEW seit Wochen bekla-gen, hat Zöllner einfach so verschwinden lassen. Ganze 12,4 Lehrer fehlten in Berlin, teilte er kürzlich auf einer Pressekonferenz mit. Und beklagte außerdem, dass »andere Umfragen«, die sich auf »zufällige Rückläufe beziehen, die kein vollständiges Bild abgeben« würden, »Unruhe« an die Schulen gebracht hätten. Damit zielt der Senator zum einen auf die GEW, die einen Lehrermangel von 400 Vollzeitstellen ermittelt hatte; zum zweiten auf den Landeselternausschuss, der auf hochgerechnet etwa 300 fehlen-de Lehrkräfte kam. Die hat der Senator nun herbeigezaubert – herbeigerechnet kann er sie jedenfalls nicht haben, denn Rechnen kann er gar nicht so gut. Was sich zeigt, wenn er es – wie auf eben der Pressekonferenz – mal live versucht. Das ging so: 31 Unterrichtsstunden hätten Schü-lerInnen einer Sekundarschulklasse, dafür bekäme die Schule bei hohem Migrantenanteil 50 Lehrerstunden: »Also 80 Prozent über Bedarf«, rechnete der Sena-tor vor. Tatsächlich sind es 61,3 Prozent.
So kommt es vielleicht auch, dass die Tabelle, die Zöllner verteilte, zu wunder-samen Rechenergebnissen führt. 72,4 Lehrkräfte fehlen demnach derzeit stadt-weit, 60 Besetzungen seien aber, so der Senator, bereits geplant. Bleiben 12,4 offene Stellen – nach Albus Zöllner jedenfalls. Denn schaut man sich die Tabelle genauer an, entdeckt man eine erstaunliche LehrerInnen-Her-und-Wegzauberei. Allein Spandau hat einen Bedarf an 28,8 Vollzeitstellen. Von Zöllners noch nicht zugeordneten 60 LehrerInnen soll der Bezirk zwar 15 bekommen: bleiben immer noch 13,8 unbesetzte Stellen. Und Steglitz-Zehlendorf, wo 41 LehrerInnen fehlen, soll 26 neue bekommen: 15 fehlen dann allerdings immer noch. Zusammen fehlen allein in den zwei Bezirken also fast 29 LehrerInnen: In jedem einzelnen mehr, als Zöllners Zaubertabelle am Ende für die ganze Stadt ausweist.
Doch keine Sorge: Wie Schulleiter Dumbledore ist auch Schulsenator Zöllner kein Freund Schwarzer Magie, und es muss an Berlins Schulen anders als in Hogwarts auch nicht »Verteidigung gegen die dunklen Künste« gelehrt werden. Denn wie immer bei Magie gibt es eine ganz logische Erklärung: Es geht gar nicht um Zauberei, sondern um Illusion (laut Wörterbuch »Sinnestäuschung«, aber auch »Wunsch- oder Wahnvorstellung«). Es sind eben in einigen Bezirken mehr Lehrkräfte da, als für die berüchtigte 100-prozentige Ausstattung nach Maßstäben der Schulverwaltung nötig wären. So hat etwa Marzahn-Hellersdorf laut Zöllners Tabelle 15 Kräfte über Bedarf, 21,4 sind es in Pankow. Dass beide Bezirke damit auf eine gerade mal knapp über 101-prozentige Ausstattung kommen, könnte zwar auch die Experten der Schulverwaltung auf den Gedanken bringen, dass da wohl kaum Lehrkräfte in andere Bezirke umzusetzen sind. Doch in einer Zaubertabelle geht das: Lehrer sind da! Sie sind bloß nicht körperlich da, jedenfalls nicht da, wo sie gebraucht werden: Verehrtes Publikum (Trommelwirbel): Illusion! Ob das den Schulen reichen wird, die derzeit selbst zaubern müssen, um ihre Stundenpläne einhalten zu können, ist fraglich. Vielleicht sollte man doch mal den echten Dumbledore nach Berlin holen. |