| Kinder brauchen Kinder
Bildung, Erziehung und Förderung in den Kitas stärken
Im Internationalen Vergleich abgehängt: Armutszeugnis für deutsche Bildung" so lautete eine der Schlagzeilen zum neuesten Bildungsbericht der OECD. Der Aufschrei des Entsetzens nach internationalen Bildungsvergleichen ist nicht neu, auch nicht der Ruf nach mehr und besserer Bildung.
Wer hat den schwarzen Peter?
Seit Jahrzehnten beklagen Ausbildungsbetriebe und die Berufsschulen, dass die Schulabgänger den an sie gestellten Anforderungen immer weniger genügen, egal ob sie vom Gymnasium, den Real- oder Hauptschulen kommen. Die Oberschulen schieben den schwarzen Peter den Grundschulen zu, die GrundschullehrerInnen wiederum weisen – auch seit Jahren – darauf hin, dass immer mehr Kinder mit unzureichenden Fähigkeiten im Sprachgebrauch und mit psychomotorischen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten in den Klassen sitzen und geben den schwarzen Peter an die vorschulischen Sozialisationsinstanzen, die Kitas und die Eltern, weiter.
Von den Erzieherinnen wissen wir, dass auch in die Kitas immer mehr Kinder mit immer größeren Defiziten im Sprachgebrauch und Sozialverhalten kommen, und dass sie immer weniger in der Lage sind, diese auszugleichen. Und schon hat man die „wahren Schuldigen" gefunden: Da heißt es dann, die Eltern kommen ihrer Erziehungsverantwortung nicht mehr nach, besonders die Frauen, denen Beruf und Familie inzwischen gleich wichtig geworden ist und ohne deren Erwerbsarbeit eine Familie gar nicht mehr zu ernähren ist. Den Eltern nicht-deutscher Herkunft wird mangelnder Integrationswille vorgeworfen – sollen sie doch mit ihren Kindern deutsch sprechen und sie verstärkt in die Vorschule und in Kitas schicken.
Da war doch mal ein Aufschrei
Erinnern Sie sich an die Debatte nach der Veröffentlichung des Sozialstrukturatlas 98? Nach der eiligst vom Regierenden Bürgermeister einberufenen 1. Innenstadtkonferenz zur schulischen Bildung wurde die Wichtigkeit vorschulischer Bildung hervor gehoben, die verstärkte Werbung für den frühzeitigen Besuch von Tageseinrichtungen angekündigt und von Seiten der CDU gar eine Kitapflicht für die Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache gefordert!
Nicht mehr viel davon übrig
Heute – zwei Jahre danach – ist von offensiver Werbung noch immer keine Spur und statt – wie von Eltern seit Jahren gefordert – den Zugang zu den Kitas zu erleichtern und das Anmeldeverfahren zu vereinfachen, will dies der Senat mit der neuen Rechtsverordnung zum Antragsverfahren verschärfen und den Rechtsanspruch der Drei- bis Sechsjährigen endgültig auf ein vier- bis fünfstündiges (Halbtags)Angebot beschränken. Mit dieser Fortsetzung ihrer restriktiven Kitapolitik verspielen CDU und SPD die Chancen, das vielfältige Angebot an Tageseinrichtung in Berlin als ersten Baustein des Bildungssystems für eine wirkliche Bildungsoffensive zu nutzen.
Kinder lernen von Kindern
Wissenschaftliche Studien belegen seit Jahren, dass Kinder für die Entwicklung motorischer, kognitiver und sozialer Fähigkeiten den Kontakt mit Gleichaltrigen und anderen Bezugspersonen als den Eltern brauchen. Dies ist heute nicht mehr selbstverständlich gegeben. Es gibt immer mehr Einzelkinder und die Großfamilie existiert kaum noch. Die Orte, wo sich die Kinder früher trafen und miteinander spielten, die Großen auf die Kleinen aufpassten und die Kleinen von den Großen lernten, nämlich die Hinterhöfe, Straßen und breite Bürgersteige werden immer weiter eingeschränkt; – dort fahren oder parken heute die Autos. Das ist das Ergebnis der verfehlten Verkehrspolitik der Großen Koalition!
Koalitionsvereinbarung und Wirklichkeit
Dabei haben SPD und CDU doch offensichtlich erkannt, dass „Familien- und Kinderfreundlichkeit nicht nur für die Familien, sondern auch für Berlin zwingend erforderlich ist". So steht es jedenfalls in der Koalitionsvereinbarung. Ihre Versprechungen zur Kinder- und Familienpolitik versuchen sie aber erst gar nicht umzusetzen, sondern machen das Gegenteil. Bei der Familienbildung wurde im Haushalt 2000 kräftig gestrichen. Mit dem Beschluss, ab 2001 die Zuwendungen in jedem Einzelressort um 5 Prozent zu kürzen, ist die weitere Reduzierung der Projekte im Jugend- und Familienbereich vorprogrammiert. So verspielt die große Koalition die Zukunft der Kinder und Jugendlichen und die Zukunft unserer Stadt!
Statt – wie versprochen – zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf mehr Kinderbetreuungsangebote bereitzustellen, die den unterschiedlichen Bedarfslagen von Eltern Rechnung tragen, definiert der Senat den Bedarf mit dem Antragsverfahren aus rein finanzpolitischen Gründen. Statt – wie vereinbart! – insbesondere im Hortbereich in enger Zusammenarbeit mit der Schule und den freien Trägern, weitere Kapazitäten der hortähnlichen Betreuung an den Schulen und des Ganztagsangebotes in Grundschulen zu erschließen, reduzieren CDU und SPD die Angebote in der hortähnlichen Betreuung und schränken auch hier das Wunsch- und Wahlrecht der Eltern unzulässig ein. Für das hoch gesteckte Ziel, die Zahl der Kitas in freier Trägerschaft durch weitere Übertragungen zu verdoppeln, hat der Senat die haushaltsmäßigen Voraussetzungen nicht geschaffen. Und wenn er für diesen Prozess auf die Ergebnisse der Kosten- und Leistungsrechnung im Rahmen der Verwaltungsreform zählt, dann kann er die dringend notwendigen Veränderungen noch drei bis vier Jahre länger verschlafen!
Wir wollen, dass die Betreuungszeit wirklich den Bedürfnissen der Familien entspricht, wie es im Kitagesetz steht. Das heißt die Beteiligung von Eltern ernst nehmen und den von den Eltern angemeldeten zeitlichen Förder- und Betreuungsbedarf anzuerkennen. Es ist notwendig, dass Kinder, die auf Grund ihres sozialen Umfeldes benachteiligt sind, eine besondere Förderung erhalten. Die dafür vorgesehenen Personalzuschläge dürfen dann nicht auf jene Wohngebiete reduziert werden, die für ein begrenztes Programm wie das Quartiersmanagement festgesetzt wurden. Es ist notwendig, ein vielfältiges Angebot an Tageseinrichtungen in freier und kommunaler Trägerschaft zu bieten. Dazu gehören auch Halbtagsangebote wie von Eltern selbst organisierte Spielkreise und Eltern-Kind-Gruppen, wenn die Eltern dies wünschen. Die Kitas sollen gleiche Chancen für die Entwicklung und Umsetzung von Qualitätsstandards und besonderen pädagogischen Konzepte haben. Dazu gehört auch die gleiche Ausstattung und Finanzierung der Kitas der freien und öffentlichen Träger. Damit sind längst noch nicht alle Probleme und Herausforderungen im Kitabereich angesprochen worden. Die Verbesserung der Aus- und Weiterbildung der ErzieherInnen ist ein weiteres wichtiges Thema.
Elfi Jantzen |