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Nr. 11 / 2010: Theateraufführung kritisch gesehen

Theateraufführungen kritisch gesehen

Hans-Wolfgang Nickel

»Krach im Bällebad«, das Zweipersonenstück in Grips Mitte, lässt anfangs viel Zeit; sodass die kleinen Zuschauer (ab 5) sich in die bonbon-bunte Werbe-Spielzeugwelt eines Kaufhauses einsehen können. Dann tritt ein kleines Mädchen auf, nimmt Besitz von der bunten Welt, probiert mutig einiges aus, schafft sich ein kuscheliges Heim und beginnt, mit ihren Puppen zu spielen. Dann ein Junge, mit Fußball, eher zögerlich; es gibt Ansätze gemeinsamen Spiels, Konflikte, Zank und Streit, Verletzungen, Versöhnung. Aufgebaut und erspielt wird wirklich eine »Welt« – mit Spiel- und Freizeitangeboten, aber auch einem »Zuhause«, einer Familie, »Kindern«, ernsthaften Auseinandersetzungen. Die kleine Dame, durchaus resolut, ist kommunikativ höchst kompetent, mit feinem Gespür für wirkliche Emotionen, für Trauer und Schmerz – und mit der Fähigkeit, im richtigen Moment auf die Konfrontation zu verzichten und auf den anderen einzugehen. In dem höchst unterhaltsamen Beziehungsdrama sprechen beide eine zunächst verblüffende (Kunst-)Sprache: Boris eher eine Art russisch, Rosa eine Art italienisch – freilich so durchsetzt mit deutschen Anklängen, dass auch die Dialoge gut zu »verstehen« sind. Zugleich aber schafft diese Kunstsprache Distanz, bewahrt vor zu platten Sprüchen und deutet eine interkulturelle Diskrepanz an, sodass die Zuschauer ein Moment des »Fremden«, des Widerständig-Unvertrauten erst überwinden müssen. »Krach im Bällebad« ist also ein vielfaches »Praktikum«: was man alles spielen kann, wie man zusammen spielt, wie Konflikte ausgehalten und ausgetragen werden können, wie sie sich wieder reparieren lassen und, nicht zuletzt: wie man in dieser Welt voll von Fremdem und fremden Menschen unversehrt, unverletzt, integer bleibt oder Verletzungen wieder heilt und zur »Integration« kommt (lateinisch integer: unversehrt, unangetastet; integritas: Unversehrtheit, Reinheit, Redlichkeit, Uneigennützigkeit, geistige Frische! – voilà: Integration macht geistig frisch!).

Überhaupt gehen Berliner Theater tendenziell souverän mit interkulturellen Unterschieden um, nutzen sie als Bereicherung in ihren Inszenierungen, spielen ungeniert ihre Problematik aus oder machen sie zum Zentrum ihrer Arbeit. Ein gutes Beispiel dafür ist seit 2006 das Irakisch-deutsche Theatertreffen, ein Netzwerk, verantwortet vom Theaterhaus Mitte, unterstützt u.a. vom Goethe-Institut, in diesem Jahr im Tiyatrom und in der Werkstatt der Kulturen. Gezeigt wurde »Gier«, eine komödiantische Geschichte um Geiz und Liebe, aus Goldonis Zeiten in die Gegenwart transportiert, auf wenige Personen konzentriert. Dazu Monodramen zur Situation der Frau, Regieübungen zu Brecht, Diskussionen, Werkstätten, Austausch. Für Schulklassen könnte ein solches Festival eine gute Gelegenheit sein, an aktuellen Beispielen hineinzuschauen in »ferne« Probleme der Gegenwart – um in der Distanz auch Eigenes zu erkunden und zu relativieren.

Speziell der Integrationsproblematik widmet sich das Ballhaus Naunynstraße mit seinem Akzent auf »Postmigrantisches«; in seinen Uraufführungen realisiert es immer wieder faszinierende Einblicke. »Warten auf Adam Spielman« mischt vielerlei Theatermittel: Szene, Song, Musik, Erzählung, Kommentar und (endlich einmal) Video-Einspielungen, die nicht aufdringlich oder banal sind, sondern die Inszenierung (auch mit formalem Witz) inhaltlich bereichern. Gewartet wird in einem Wald vor Detroit, also einem poetischen Nirgendwo in der Nähe einer präzis umrissenen sozialen Wirklichkeit; gewartet wird in unserer Gegenwart, aber mit gleichsam »weltgeschichtlicher« Perspektive (neben dem neuen Messias wird auch Alexander der Große apostrophiert); die auf den (fiktiven) Erlöser Wartenden kommen aus aller Welt und aus ganz unterschiedlichen Gründen: kleine private Sorgen und Kümmernisse, Existenzangst, Weltrettungsideen. Das ist manchmal kraus und wirr, überreich an Ideen und Assoziationen, voller Widersprüche und Diskrepanzen – entspricht aber damit genau den Widersprüchen unserer Gegenwart, dem türkisch-deutschen Autor und dem internationalen Ensemble (das Text und Inszenierung mit gestaltete, also auch die eigenen Ansichten und Erfahrungen einbringen konnte). Das klingt kompliziert und ist es auch – zugleich aber ein reizvolles optisch-theatrales Vergnügen (ab Sek II).

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