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Nr. 12 / 2010: Ohren und Bärte, aber keine Tränen

Ohren und Bärte, aber keine Tränen

Über den Einsatz von Smileys in den Grundschulen

von Stefan Dornbach, Sozialpädagoge

Findige Stempel- und Aufkleber-Produzenten haben ganze Arbeit geleistet: Der Smiley ist auch aus unseren Grundschulen nicht mehr wegzudenken. Er hat dort das Bienchen und andere verbildlichte Formen der Belobigung abgelöst und wird häufig als Ersatz für die in vielen Bundesländern in den ersten Jahrgangsstufen verpönten Zensuren eingesetzt. Die lachenden Gesichter sind bei den Kindern beliebt. Schnell entsteht in den Klassen ein reger Wettbewerb darum, wer die meisten Smileys in seinem Heft gesammelt hat.
Man könnte sich darüber freuen, dass somit das angestaubte Bienchen als Symbol des zwanghaften Fleißes vom Smiley als Ausdruck der Freude am Lernen ersetzt wurde. Aber diese Entwicklung birgt auch Risiken. Denn die VermarkterInnen der freudigen Gesichter gaben sich mit dem Lächeln nicht zufrieden. Sie bogen ihren Emoticons (so erklärt sie der Duden) die Mundwinkel nach unten und verdoppelten damit ihre Produktpalette. Der Smiley lernte das Traurigsein. In der Kombination entgegengesetzter Gefühle ersetzte er nun nicht mehr nur althergebrachte Lobeszeichen, sondern begründete an vielen Grundschulen ein komplettes Bewertungssystem für Verhalten und Leistungen.
Smiley-Blätter ersetzen inzwischen oft die in den ersten Klassen nicht mehr vorgesehenen Halbjahreszeugnisse. Meist werden der fröhliche und der traurige Smiley dabei mit einem neutralen ergänzt, welcher mit einem waagerechten Strich als Mund ausgestattet ist. Standards gibt es dabei aber nicht; jede Schule beziehungsweise wir als einzelne Fachkräfte müssen hier ein eigenes Bewertungssystem schaffen.
Der Einsatz von Smileys als Bewertungsmaßstab und damit Ersatz von Zensuren erscheint aus mehreren Gründen bedenklich. Zunächst widerspricht er dem pädagogischen Bestreben, in den ersten Schuljahren keine metrisch standardisierte Bewertung an die Kinder weiterzugeben. Zudem ist das meist in drei Stufen angewendete Smiley-System deutlich undifferenzierter als die Bewertung mit Zensuren, die zumindest sechs Abstufungen ermöglicht.
Noch problematischer ist aber der emotionale Bezug, den eine solche Bewertung herstellt. Bei meinen Recherchen sah ich Hausaufgaben- und Mitteilungshefte, in denen dieser Bezug zusätzlich durch eine schriftliche Ergänzung verstärkt wurde. Meist waren das Kommentare zu den traurigen Smileys wie dieser: »Ich bin ganz traurig, weil du Lisa die Mütze weggenommen hast und nicht sagen konntest warum.«
Sollten wir als PädagogInnen traurig sein, wenn Kinder nicht das erwartete Verhalten oder die Leistung zeigen? Ich denke im Sinne professioneller Abgrenzung kann das nur eine Ausnahme darstellen und ich bin mir sicher, dass es in der Praxis auch so ist. Aber wenn das so ist, dann wird über den traurigen Smiley eine Gefühlsrückmeldung gegeben, die nicht den Tatsachen entspricht. Eine solche Rückmeldung kann vom Kind einerseits als nicht real erkannt werden, was aber zu emotionaler Verunsicherung führen muss. Aus der Psychologie und Psychotherapie wissen wir, wie wichtig es für die Entwicklung von Kindern ist, möglichst früh zu lernen, Gefühle richtig benennen zu können. Eine irreale Rückmeldung von Traurigkeit könnte hier Entwicklungsdefizite verursachen.

Was bewirkt die negative Bewertung?

Die andere Möglichkeit eines Kindes, auf die Bewertung mit einem traurigen Smiley zu reagieren, ist es, die darin enthaltene Gefühlsrückmeldung für bare Münze zu nehmen. Im ungünstigsten Fall überträgt sich dann die Trauer auf das Kind und es ist selbst über seine Leistung oder sein Verhalten bedrückt. Nur in diesem Fall funktioniert die negative Bewertung in dem Sinne, dass sie beim Kind etwas bewirkt, dass eine Verhaltensänderung nach sich ziehen könnte. Aber diese Disziplinierungsfunktion über das Erzeugen von Trauer zu erzielen, widerspricht dem Grundsatz des spielerischen Lernens in der Schuleingangsphase. Das inflationäre Erzeugen von Trauer in alltäglichen Handlungssituationen könnte sich zudem negativ auf die Verarbeitung tatsächlicher Trauerfälle auswirken. Ob dadurch ein Abstumpfungseffekt entsteht, der den Kindern Trauer und die Verarbeitung schwerwiegender Verluste letztlich unmöglich macht, oder eine übersteigerte Trauer verursacht wird, die in depressive Phasen übergehen könnte: In jedem Fall sind die denkbaren Auswirkungen schädlich für die Entwicklung der betroffenen Kinder.
Wenn wir schon nicht auf den Einsatz der Smileys verzichten können, dann soll-ten wir ihnen also wenigstens nicht ihr Lachen nehmen. Für das Hervorheben besonders guter Leistungen stehen der Phantasie alle Türen offen: Lassen wir den Smileys Ohren und Bärte wachsen, aber machen wir sie nicht traurig! 

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