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Nr. 12 / 2010: Theateraufführung kritisch gesehen

Theateraufführungen kritisch gesehen

Hans-Wolfgang Nickel

Zwei spannende Aufführungen für Jüngere, die zugleich wichtigen Diskussionsstoff bieten. Kästners Roman »Konferenz der Tiere« von 1949 ist – leider – immer noch mehr als aktuell; Atze gelingt eine überzeugende Dramatisierung und Inszenierung des witzig-wirkungsvollen Textes. Einfach und direkt, fast plakativ wird das Problem »Zerstörung der Umwelt« umrissen: Die Tiere haben kein Wasser mehr, sie wollen sich und die Kinder retten; mit den Menschen aber, den erwachsenen Machthabern, ist nicht zu reden. Weil die Tiere es trotzdem immer wieder versuchen, ihr Ziel nicht aus dem Auge verlieren, Mut und Geduld aufbringen, ihren Einfallsreichtum einsetzen und schließlich doch Erfolg haben, macht das Stück nicht nur das Grundproblem wichtig, sondern entfaltet, getragen von Musik, mit Witz und Spannung starke emotionale Qualitäten: Hoffentlich schaffen die Tiere es! So ganz nebenbei gibt es auch einen kritisch-drastischen Einblick in die Medienwelt, wenn die Vorgänge der Bühne von den »offiziellen« Fernsehsprechern reformulierend verfälscht werden. Die Besucher sind vom Thema angesprochen; die Schule erhält gute Chancen, inhaltlich nachzuarbeiten – und zugleich wirkt die Ermutigung: Es lohnt, sich anzustrengen und es immer wieder zu versuchen (ab 7, durchaus auch für Ältere!).

Auch bei Grips ein aktueller Problemaufriss: eine alleinerziehende Mutter, zwei Kinder, kaum Geld; die elfjährige Jule schwänzt die Schule, weil sie nicht »mithalten« kann; ihr Bruder, 15 oder 16 Jahre alt, ein Jugendlicher also, sieht für sich keine Perspektiven: »Ohne Moos nix los« – er verschafft sich das nötige Geld eben auf »andere« Weise. Jule, dem quirlig-fantasievollen Mädchen, gelingt es jedoch, aus Scham und Einsamkeit auszubrechen, einen Freund zu gewinnen, den Bruder mitzuziehen und nach spannenden, sich immer mehr steigernden Verwicklungen zu einem »happy end«, einer »heilen« Familie zu kommen. Witz und Spannung pur. Für die Schule wiederum eine vorzügliche Gelegenheit, nach einer intensiven Theatererfahrung Probleme von Armut und Reichtum, von Kommunikation und Einsamkeit, von Isolation und Gemeinschaft, von Kinderarmut und Familienkonstellation zu vertiefen (ab 9 – wiederum auch für Ältere!).

Brechts »Lehrstücke« sind in der (Theater-)Pädagogik berühmt und werden dort viel diskutiert; auf dem »großen« Theater sind sie so gut wie unbekannt. Eigentlich also verdienstvoll und interessant, wenn jetzt die Volksbühne diese Texte inszeniert. Das Ergebnis ist freilich enttäuschend: im »Jasager/Neinsager« gibt es zwei szenische Ereignisse (High Heels bleiben im Bühnenboden stecken; ein Gartenstuhl kracht unter einem Schauspieler zusammen), dazu viel unnötiges Gerenne und Geschrei, akrobatische Hinfall-Exerzitien und nur ein paar verständliche spannende Sätze. Wer die Texte nicht kennt, wird, denke ich, nicht einmal die Story verstehen. – Im »Lehrstück« sind die Zuschauer, eingesperrt in einer Zeltkonstruktion, mit schlechter Sicht der in der Nähe überlauten Musik ausgeliefert – die Texte werden gut lesbar auf Tafeln projiziert; freilich werden auch hier Geschehen und Aussage kaum klar. Fazit: Wer Brechts Lehrstücke nicht kennt, wird sie hier nicht kennen, schon gar nicht verstehen lernen. – Positiv immerhin: Die höchst selten gespielte Musik von Eisler bzw. von Hindemith wird kompetent realisiert.

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