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Nr. 09/2000
So gelingt die Rettung nicht
Das Kollegium der Clara-Grunwald-Grundschule in Kreuzberg nimmt Stellung zum Entwurf des Rundschreibens zur äußeren Leistungsdifferenzierung in den Klassen 5 und 6 der Grundschule

Mit großer Bestürzung haben wir den Entwurf auf unserer Gesamtkonferenz zur Kenntnis genommen. Wir sind einstimmig der Meinung, dass die Qualität der Arbeit an der Grundschule drastisch sinken würde, sollten wir gezwungen sein, das "Grundmodell" für äußere Leistungsdifferenzierung durchzuführen. Auch sind wir fest davon überzeugt, dass der Ansturm auf grundständige Gymnasien eher zu- als abnehmen würde. Im Folgenden wollen wir die Gründe für unsere Einschätzung darlegen:

Rahmenplan Grundschule/ Grundschulordnung

Im Rahmenplan für die Grundschule, Teil II wird eine äußere Leistungsdifferenzierung ausdrücklich ausgeschlossen und dies inhaltlich begründet. Der allgemeine Teil des Rahmenplanes hat gegenüber einem Rundschreiben übergeordneten Charakter und kann nicht durch ein solches außer Kraft gesetzt werden.

Individualisierung, Binnendifferenzierung

Um die Qualität von Unterricht zu steigern ist ein individuelles Eingehen auf den einzelnen Schüler erforderlich: auf seine Lernvoraussetzungen, seine Lernmotivation, seinen speziellen Lerntyp, seine Arbeitsweisen usw.. Diese angestrebte Individualisierung von Lernen ist nur in einem stark differenzierenden Unterricht möglich. Voraussetzung dafür wiederum ist, dass die Lehrerin/ der Lehrer die Schülerinnen und Schüler über einen längeren Zeitraum und in möglichst vielen Lernbereichen/Fächern unterrichtet.

Es sollten grundsätzlich so viele Lehrerstunden zusätzlich zur Verfügung gestellt werden, dass es möglich ist, einen Teil des Unterrichts mit verminderter Gruppenstärke, d.h. in Teilung, abzuhalten. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die Lehrenden binnendifferenzierende Maßnahmen beherrschen und anwenden. Diese Kompetenz zu stärken und auszuweiten muss Ziel sein, will man die Qualität des Unterrichts (auch) auf den Klassenstufen 5 und 6 steigern.

Heterogenität/Homogenität von Lerngruppen

Abgesehen davon, dass es gar nicht möglich ist, ohne zusätzliche Teilungsstunden homogene Leistungsgruppen zu bilden, denn es gibt auf einer Klassenstufe sehr viel mehr als zwei Leistungsniveaus, halten wir dies auch gar nicht für erstrebenswert. Im Gegenteil: Heterogenität, also gewollte Unterschiedlichkeit der Lernenden, wirkt sich ausgesprochen günstig auf das Lernklima einer Klasse und auch auf den Lernzuwachs des Einzelnen aus. Dies gilt sowohl für leistungsstarke als auch für leistungsschwache Schülerinnen und Schüler.

Unser Schulversuch zur Altersmischung ist eine bewusste Entscheidung für die heterogene Lerngruppe. Die positiven Erfahrungen sind in unseren Jahresberichten nachzulesen. Erinnert sei an dieser Stelle daran, dass wir in der Grundschule viele Kinder mit Integrationsstatus leistungsdifferenziert unterrichten. An diese Kinder wurde in dem hier kritisierten Entwurf überhaupt nicht gedacht.

Motivation

Es wird nicht möglich sein, die Schülerinnen und Schüler der leistungsschwächeren Gruppe so zu motivieren, dass sie sich mit vollem Einsatz und mit Freude die angebotenen Lerninhalte erarbeiten. Die Bestätigung, zu den Schlechten zu gehören – und das schon im Alter von 10 Jahren – , wirkt sehr demotivierend, vor allem für die Schülerinnen und Schüler, die in allen 3 Fächern im schwächeren Kurs sein werden. Das Sprachniveau in diesen Kursen würde ganz sicher ein sehr niedriges sein, da keine Orientierung an einem sprachlich korrekten Vorbild möglich wäre. Auch eine Wortschatzerweiterung würde sehr schwierig sein. Aber auch bei den leistungsstärkeren Schülern der Klassenstufen 5 und 6 gäbe es Probleme und Beeinträchtigungen in Bezug auf ihre Motivation: Durch den ständig notwendigen Wechsel zu anderen Lehrern und in andere Räume würde der 45-Minuten-Takt eine Renaissance erleben und die Lernenden ständig aus begonnenen Arbeitsprozessen reißen, denn die Arbeitsvorhaben der älteren Schüler sind häufig sehr umfangreich. Auch gäbe es nur wenig Zeit und Raum, fächerübergreifend, projektorientiert zu arbeiten. Gerade das ist aber auf den genannten Klassenstufen unbedingt notwendig.

Soziales Lernen

Betont werden muss auch noch, dass der ganze Bereich des sozialen Lernens bei der Planung von äußerer Leistungsdifferenzierung auf den Klassenstufen 5 und 6 sträflich vernachlässigt wurde. Wenn die Schülerinnen und Schüler in diesem Alter mehrmals täglich – und nichts anderes bedeutet äußere Differenzierung in drei Fächern – die Lerngruppe wechseln sollen, ist die Klassengemeinschaft zerstört: Konflikte zwischen den Schülern können nicht mehr angemessen aufgearbeitet werden, da weder die KlassenlehrerIn als wirkliche Bezugsperson zur Verfügung steht, noch der Rahmen vorhanden ist, in dem solche notwendigen Gespräche stattfinden können.

Freundschaften zwischen Mitschülern können nur dann in der Zusammenarbeit erprobt und gepflegt werden, wenn ein ähnliches Leistungsvermögen vorliegt.

Die Rücksichtnahme auf Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf und die Zusammenarbeit mit ihnen könnte schwerpunktmäßig nur noch von Kindern des leistungsschwächeren Kurses geübt werden, da die anderen viel zu wenig Berührungspunkte hätten.

Die Verantwortlichkeit der Schülerinnen und Schüler für die Unterrichtsräume kann nicht geweckt bzw. erhalten werden. Dies wäre katastrophal und das nicht nur, weil der Reinigungsumfang an unseren Schulen inzwischen erschreckend niedrig ist.

Die Gewalt zwischen den Schülern an den Grundschulen, die bisher vor allem wegen der stabilen sozialen Beziehungen relativ gering ist, würde ganz sicher ansteigen.

Wir sind sehr erstaunt, dass die "Rettung" für die sechsjährige Grundschule ausgerechnet in einer Organisationsform gesucht wird, die viele Gesamtschulen – zumindest auf den unteren Klassenstufen – wieder stark reduziert haben, da zu viele Nachteile gesehen wurden.

Regina Arlt
Schulleiterin und Lehrerinnen und Lehrer der Clara-Grunwald-Grundschule in Berlin Kreuzberg. Der Beitrag wurde von der Redaktion gekürzt.

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