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Nr. 10/2000
Schwerpunkt: Wissenschaft und Forschung
Noch weniger erfreulich:

Green Card löst strukturelle Probleme in Deutschland nicht

Mit der Eröffnungsrede zur CeBit 2000 von Bundeskanzler Schröder entfachte die kontroverse Diskussion um die Anwerbung qualifizierter Fachkräfte im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie (IuK) aus Nicht-EU-Ländern. Seit Anfang August sind die arbeitsrechtlichen Grundlagen durch die sogenannte Green Card geschaffen, die IT-Fachkräften mit einem Arbeitsvertrag, der ihnen mindestens 100 000 DM Jahresgehalt zusichert, eine Aufenthaltserlaubnis für die Dauer von fünf Jahren gewährt. Fehleinschätzungen Viel zu lange hat sich die deutsche Gesellschaft selbstgefällig auf Namen wie Werner von Siemens, Konrad Zuse oder Carl Zeiss und auf der großen Zahl hoch qualifizierter Fachkräfte ausgeruht, die das hiesige Bildungssystem hervorgebracht hat. Obwohl Deutschland seit Jahrzehnten zu den stärksten und modernsten Wirtschaftsnationen der Welt zählt, droht es im IT-Bereich den Anschluss zu verlieren, wenn für die 80 000 offenen Stellen in der IuK-Branche nicht qualifizierte Fachkräfte eingestellt werden können. Die blitzartige Entwicklung im Bereich der IuK, insbesondere das Internet betreffend, war tatsächlich in diesem Ausmaß nicht abzusehen. Dazu kam, dass die Hochschulen einem zunehmenden Sparzwang unterworfen wurden, dem sich auch die Informatik-Fachbereiche nicht entziehen konnten. Stolz wurde auf jede Grundschule hingewiesen, die einen Computer mit Internet-Anschluss besitzt, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob die Lehrer mit den neuen Technologien überhaupt umgehen können. Mehr als 10 Milliarden DM wurden pro Jahr aufgebracht, um arbeitslose Facharbeiter und Akademiker weiterzubilden und sie mit dem neuesten Stand der Technologie vertraut zu machen. Im Ergebnis blieben solche Aktionen jedoch nur Stückwerk, denn sie berühren im Kern in keiner Weise das Grundübel des deutschen Systems, nämlich die Erstarrung der Strukturen, die den Einzelnen die Möglichkeit nimmt, flexibel auf die Anforderungen der Moderne zu reagieren. Das betrifft Schulen, Hochschulen und Universitäten. Es dauert viel zu lange, bis moderne Lehrstühle eingerichtet, mit internationalen Spitzenlehrkräften besetzt und für interkulturellen Dialog geöffnet werden können. Oft sind Technologien schon wieder veraltet, bevor die damit ausgebildeten Schüler oder Studierenden zur Prüfung zugelassen werden. Solange Bürokratie statt Flexibilität auch diesen Bereich beherrscht, droht Deutschland zukünftig der Rückschritt.

Der gesellschaftliche Wandel

Die neuen Technologien bringen einen gesellschaftlichen Wandel mit sich, der einerseits ökonomischen Fortschritt bedeuten kann, andererseits aber auch Spannungen und Ängste hervorruft. Die systembedingte Verzahnung von lokalen und globalen Elementen hat in vieler Hinsicht eine neue Dynamik erzeugt. Sie hat zur Konzentration von Macht, Wissen und Reichtum in Institutionen geführt, die von transnationalen Firmen kontrolliert oder zumindest beeinflusst werden. Dadurch werden bisherige Arbeitsplatzkriterien verändert. Der neue Arbeitsplatz erfordert nicht nur globale Mobilität, sondern auch zeitliche Flexibilität. Unternehmensstrukturen sind nicht mehr eindeutig vorgegeben. Der feste, lebenslange Arbeitsplatz ist nicht mehr zeitgemäß. Die Kooperation mit ausländischen Firmen und Mitarbeiter-innen wird erwartet. Dies setzt nicht nur sprachliche Kenntnisse voraus, sondern auch interkulturelle Kompetenz und gesellschaftliche Akzeptanz. Doch genau hier stößt man in vielen Köpfen auf Vorurteile bis hin zu ausländerfeindlichen Gesinnungen.

Konsequenzen

Um im wirtschaftlichen und wissenschaftlichen im IT-Bereich konkurrieren zu können, benötigt Deutschland sofort eine entsprechende Anzahl qualifizierter Fachkräfte. Um diese Fachkräfte wirbt aber nicht nur Deutschland, sondern die meisten Industrienationen. Sie können sich aussuchen, wo sie arbeiten möchten. Keiner von ihnen hat es nötig, sich in ein Land zu begeben, in dem er befürchten muss, nicht willkommen zu sein.

Leider wird Deutschland im Ausland häufig mit Fremdenfeindlichkeit verbunden, untermauert durch Berichte von Überfällen auf Ausländer, die Vermischung von Diskussionen um Asyl und Einwanderung, zunehmenden Rechtsradikalismus und Sprüche wie "Kinder statt Inder". Alles, was nicht mit Deutsch zu tun hat, wird häufig mit Armut und Kriminalität in Verbindung gebracht. Hier sind die Politiker aufgerufen, polemisierende Diskussionen und wahlkampftaktische Aktionen zu vermeiden, die Konflikte zwischen Deutschen und Ausländern fördern könnten. Politische Ziele sollten vielmehr darauf abzielen, das gesellschaftliche Klima so zu verändern, dass ausländische Fachkräfte überhaupt nach Deutschland kommen und sich hier auch wohl fühlen können und ein friedliches, tolerantes miteinander Leben von Ausländern und Deutschen entsteht.

Langfristig sollten Politik, Wirtschaft und Wissenschaft enger zusammenarbeiten, um zielorientiert und unbürokratisch auf arbeitsmarktpolitische Veränderungen eingehen zu können. Die Wirtschaft kann nur dann entsprechende Fachkräfte erhalten, wenn sie verstärkt deren schulische Ausbildung finanziell unterstützt. Die Politik muss die Rahmenbedingungen für solche Kooperationen schaffen und öffentliche Gelder für die Lehre und Forschung freisetzen. Lehrer wie Hochschullehrer sind gefordert, sich neuen Technologien und Wissenschaften zu öffnen und in den Lehrplänen flexibler zu reagieren. Nur so ist es möglich, dass zukünftig die deutsche Industrie mit genügend Fachkräften versehen werden kann, um den Abzug ausländischer Fachkräfte aus deren Herkunftsländern und den damit verbundenen "Brain-Drain" in diesen Ländern zu stoppen. Denn in der gesamten egoistischen Diskussion um ausländische Fachkräfte wird völlig ignoriert, dass es nicht sinnvoll sein kann gerade denjenigen Ländern Fachkräfte abzuziehen, die diese für ihren wirtschaftlichen Aufbau dringend benötigen.

Nazir Peroz
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