| Not macht erfinderisch
Die Oberstufenzentren platzen aus allen Nähten. Über 500 Neueinstellungen von Lehrkräften in den vergangenen Jahren decken nicht den Bedarf und der Nachwuchs fehlt.
Mehr als 700 Einstellungsverfahren in diesem Sommer und der Personalrat ist immer mit dabei. In seiner Not hatte das Landesschulamt (LSA) Inserate in den Tageszeitungen geschaltet, denn schon lange kommen von den Universitäten nicht mehr genug BewerberInnen für das Referendariat im gewerblichen oder wirtschaftspädagogischen Bereich. Nun sollten Fachkräfte aus allen Lebensbereichen den akuten Mangel decken. Fast 1.500 bewarben sich. Pädagogische Erfahrung war gewünscht, aber nicht Voraussetzung. Bis jetzt konnten fast 200 neue Mitarbeiter eingestellt werden.
Hintergrund
Bis zum Jahre 2005 steigen die SchülerInnenzahlen weiter an. Infolge zu geringer dualer Ausbildungsplätze drängen die SchülerInnen in vollschulische Bildungsgänge. Die Kosten für einen Schülerinnenplatz verdoppeln sich dabei und der Mangel an Personal steigt stetig. Fast die Hälfte der im Dienst befindlichen Lehrkräfte ist zwischen 45 und 54 Jahren alt, nicht einmal ein Drittel ist jünger als 45 Jahre. Die Quote der aus Altersgründen oder wegen Dienstunfähigkeit Ausscheidenden steigt ständig. Im vergangenen Jahr waren es über 200.
Die Senatsschulverwaltung legt am 6. Juni 2000 dem Abgeordnetenhaus eine Modellrechung vor. Diese geht davon aus, dass der Lehrkräftebestand in der Berufsbildung in den kommenden zehn Jahren um über 40 Prozent abnehmen wird. Nach dieser Rechnung müssen bis 2009 zur Sicherung des status quo 1.325 neue Lehrkräfte eingestellt werden. Ein zweites Staatsexamen mit berufsbildenden Fächern werden in diesem Zeitraum aber nur 550 ReferendarInnen ablegen.
GEW erarbeitet Zwischenlösungen
Wir wissen also schon heute, dass der Lehrereinstellungsbedarf doppelt so hoch ist wie die Zahl der Berliner StudienabsolventInnen. Tendenz: steigend. Lange vor der Senatsschulverwaltung hat die GEW BERLIN einen Zwischenlösungsvorschlag entwickelt. Seit dem Frühjahr 2000 werden bei zwei privaten Trägern 30 arbeitslose StudienrätInnen mit 2. Staatsprüfung und einem für die Berufsbildung passenden allgemein bildenden Fach in Wirtschaftslehre fortgebildet. Diese Fortbildung umfasst 824 Stunden Fachausbildung (184 Stunden Allgemeine Wirtschaft, 120 Stunden Volkswirtschaft, 120 Stunden Recht, 80 Stunden Wirtschaftsmathematik, 60 Stunden Statistik, 120 Stunden Fachdidaktik, 100 Stunden Informatik und Multimedia sowie 40 Stunden Abschlusskolloquium), 96 Stunden unterrichtsmethodische Übungen während der Praktikumstage in den berufsbildenden Schulen sowie 80 Stunden Betriebspraktikum. Ursprünglich war die Fortbildung mit einem vorgesehenen Stundenumfang von 1.792 Stunden auf ein ganzes Jahr angelegt. Die Fortbildung wird von Oktober 2000 bis August 2001 (als 10-monatige Maßnahme) erneut angeboten.
Wir haben außerdem angeregt, eine universitäre Weiterbildung für arbeitslose Lehrkräfte mit 2 Wahlfächern und 2. Staatsexamen anzubieten. Für diese Weiterbildung gibt es bereits Erfahrungen aus der "Vereinbarung zur Beschäftigungssicherung", mit der Lehrkräfte aus der Allgemeinbildung 1997 an die berufsbildenden Schulen kamen. Die Weiterbildung schließt mit einer Erweiterungsprüfung vor dem Landesamt für Lehramtsprüfungen ab. Für derartige Maßnahme will in Berlin aber offensichtlich niemand Geld ausgeben.
Senat plant Notlösungen
Die Senatsschulverwaltung plant weitere Notlösungen:
- Fachwissenschaftlich ausgebildete Universitätsabsolvent/innen (z.B. Diplom-Kaufleute, Diplom-Ingenieur/innen) sollen zur Aufnahme einer Unterrichtstätigkeit eingestellt werden. Zum Erwerb der notwendigen didaktischen und methodischen Kompetenzen soll diesem Personenkreis ein unterrichtsbegleitendes Referendariat angeboten werden. Dazu müssen die gesetzlichen Regelungen noch getroffen werden. Denjenigen, die ein solches Referendariat nicht absolvieren wollen, wird eine Stelle als "Lehrkraft ohne volle Lehrbefähigung" angeboten.
- FachhochschulabsolventInnen soll durch Ergänzung der Schullaufbahnverordnung (die "eingestampfte" Fachlehrerlaufbahn A 11 soll wieder geöffnet werden) der Weg in der Unterricht als Fachlehrer/in geebnet werden. (Ggf. könnten diese Personen ein universitäres Zusatzstudium aufnehmen, dann ein unterrichtsbegleitendes Referendariat absolvieren und könnten so die Studienratslaufbahn erreichen.)
- Studierende der Universitäten sollen als Stundenlehrkräfte eingesetzt werden.
- Den Schulen sollen Honorarmittel zur Verfügung gestellt werden, um damit für bestimmte praxislastige Unterrichtsthemen erfahrene Fachpraktiker zu gewinnen.
Schlafmützen im Senat
Der Senat hat von 1991 bis 1999 geschlafen. 1991 lag ein Bericht eines Arbeitskreises zur Sicherung des Berufsschullehrernachwuchses vor. Die damals entwickelten Vorschläge verschwanden in der Schublade von Herrn Klemann. Dort blieben sie auch in der Amtszeit von Frau Stahmer. Langfristig scheint auch Herr Böger das Problem nicht angehen zu wollen. Oder sind uns Aufforderungen an Abiturient/innen, Studierende an den Fachhochschulen und Studierende der Fachwissenschaften in wirtschaftswissenschaftlichen – und Ingenieur-Studiengängen entgangen, ein Studium für das Lehramt an berufsbildenden Schulen aufzunehmen? Die Rezepte der Senatsschulverwaltung hießen in den letzten Jahren: Anhebung der Klassenfrequenzen, Streichung der sog. Prüferermäßigung, Reduzierung der Altersermäßigung, Anordnung von Arbeitszeitkonten, Erhöhung der Pflichtstunden gleich zwei Mal, Mehrarbeit und verlängerte Anwesenheitszeiten. Jetzt droht die Reduzierung der sog. funktionalen Entlastung in Abschlussklassen. Herr Böger, die Berufsbildenden Schulen haben mehr als einen Redeschwall nötig.
Rosemarie Pomian, Pit Rulff
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