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Nr. 11/2000
Schulleiter gegen Rundschreiben Piepers
In seinem Rundschreiben "Offensive zur Verringerung von Unterrichtsausfall" versuchte der neue Leiter des Landesschulamtes Pieper rigoros in die pädagogische und organisatorische Struktur der Schule einzugreifen. Die Schulleiter in der GEW wenden sich gegen seine unrealistischen und populistischen Zielsetzungen. Pieper musste bereits einiges wieder zurücknehmen. Wir dokumentieren die Stellungnahme der Schulleiter.

Mehr als ärgerlich ist, dass der neue Leiter des Landesschulamtes (LSA) die Chance des Neuanfangs nicht nutzt, der Berliner Lehrerschaft und den Schulleitungen den Rücken zu stärken, um gemeinsam mit neuer Kraft realistische Ziele im Dialog anzustreben. Stattdessen ist das Rundschreiben von einem offensichtlichen Misstrauen gegen Schulleitungen und Lehrerschaft geprägt. Im Rundschreiben wird eingangs zurecht angemerkt, dass in der Diskussion um Unterrichtsausfall das Bild stark von Einzelfallschilderungen geprägt wird. Aus den Unterrichtsausfallstatistiken des LSA geht hervor, dass nur ein winziger Prozentsatz der Schulen von massivem Ausfall betroffen war. Die große Mehrzahl der Schulen geht verantwortlich im Rahmen ihrer Mittel und ihrer pädagogischen Grundsätze mit Unterrichtsausfall um.

Die propagierte Zielsetzung, den Unterrichtsausfall unter ein Prozent zu senken, zeugt von völliger Unkenntnis der Schulrealität. Eine Vertretungsreserve (Ausstattung 102,5 oder 105 Prozent) ist an den wenigsten Schulen vorhanden, immer noch gibt es nicht wenige Schulen, die nicht einmal mit 100 Prozent ausgestattet sind. Sobald eine Lehrkraft erkrankt, fällt Unterricht aus. Eine Ausfallstatistik als Auflage für alle Schulen in Berlin anzuordnen, kann über diese Tatsache wenig hinwegtäuschen und hat den Charakter von Gesundbeterei. Notwendig ist neben der mindestens 105-prozentigen Ausstattung der Schulen, dass benötigte Lehrpersonen sofort bereitgestellt werden, wenn Ausfälle sichtbar werden. Wäre dieses in der Vergangenheit geschehen, bräuchte man nicht zu Beginn eines Schuljahres die Ausgangslage beklagen.

Die Entscheidung über Vertretung oder Unterrichtsausfall ist außerdem immer eine pädagogische Entscheidung, die in der Verantwortung der Schulleiter/innen liegt – nicht jede angeordnete Vertretungsstunde ist eine sinnvolle. Unsinnige Vertretungsregelungen führen nicht selten bei Kollegen/innen und Schüler/innen zu erheblichen Frusterfahrungen!

Das aufgezeigten Instrumentarium zur Reduzierung des Unterrichtsausfalls bedeutet einen nicht hinnehmbaren Eingriff in pädagogische Entscheidungen bezüglich Klassenfahrten, Wandertagen, Unterrichtsgängen, Projektarbeit und Fortbildungen. Eine Genehmigung an die vollständige Erteilung von Unterricht zu koppeln, heißt diese für Lernen und Erziehung besonders wesentlichen Bereiche weitgehend zu verbieten. Lernen findet für den neuen Leiter des LSA offensichtlich nur im 45 Minutentakt im Klassenraum statt. Wenn das so gemeint ist, sollte es auch so verkündet werden.

Als wirklichkeitsfremd muss die Anordnung angesehen werden, durch Wandertage, Schülerfahrten, Betriebspraktika und Lernen außerhalb der Schule sowie durch Hitzefrei nicht erteilte Pflichtstunden in einer "vorausschauenden Buchführung" als verfügbares Stundenkontingent zu sammeln und zu einem späteren Zeitpunkt für Vertretungsunterricht einzusetzen. Solche Kontingente dienen in der Praxis lediglich der Schönfärbung von Statistiken einerseits und einem verschlechterten Arbeitsklima andererseits.

Völlig absurd ist das Ansinnen, allen Lehrerinnen und Lehrern zu der gerade erfolgten Arbeitszeiterhöhung noch einmal eine 10-prozentige Vertretungsbereitschaft und damit ständige Mehrarbeit anzuordnen, dies trotz der Zusage von Senator Böger, den Lehrer/innen keine weiteren zusätzlichen Belastungen mehr zuzumuten.

Rigorose Richtlinien, die weit entfernt von der schwierigen Realität der Schulen liegen, tragen erneut dazu bei, die notwendige Motivation und das Engagement der Lehrer/innen zu torpedieren. Der Zusammenhang zwischen Motivation, Krankheit und Unterrichtsausfall sollte auch Herrn Pieper bekannt sein.

In diesem Zusammenhang die aktive Gesundheitsförderung als gemeinsame Aufgabe aller Führungskräfte hervorzuheben als wichtigen Beitrag zur Humanisierung der Arbeitswelt und dieses zu verbuchen unter kooperativer und partizipativer Mitarbeiterführung, kann nur als Verhöhnung der Berliner Lehrerschaft angesehen werden und lässt darüber hinaus den Schluss zu, dass Herr Pieper zwar das heute geläufige Vokabular, nicht aber dessen Bedeutung kennt. Ein Redeverbot für Schulleitungsmitglieder ändert nichts am Unterrichtsausfall, wohl aber an dem Glauben an den Anspruch, dass Führungskräfte auf allen Ebenen gemeinsamen Zielen verantwortlich sind.

Die AG Schulleitung der GEW fordert das LSA und den Senator für Schulwesen auf, dieses Rundschreiben mit diesem Inhalt und in dieser Form umgehend zurück zu ziehen und in einen konstruktiven Dialog über die Probleme der Berliner Schule ein zu treten.

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