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Nr. 12/2000
Schwerpunkt: Bildungspolitik
Administrativer Populismus oder Qualitätsentwicklung

Das "Offensive-Rundschreiben" aus dem Hause Pieper und die Strategie der hessischen CDU.

Die Versuchung ist schon groß: der Ruf nach Unterrichtsgarantie bedient berechtigte Besorgnisse von Eltern hinsichtlich des schulischen Fortkommens ihrer Kinder in einem vertrauten Format, dem der Werbewirtschaft – es fehlt nur noch die "Geld-zurück-Garantie" und der Slogan "Böger – ich bin doch nicht blöd". Dazu kommt die hessische Erfahrung mit der Unterrichtsgarantie als Baustein eines Wahlsieges der CDU. Das könnte die SPD wohl brauchen...

Um Missverständnissen vorzubeugen: Unterricht ist zentrale Aufgabe der Schule, und man darf wohl erwarten, dass er regelmäßig stattfindet bzw. sich beschweren, wenn er ausfällt. Aber wenn eine solche Selbstverständlichkeit in den Mittelpunkt der Schulpolitik gerückt und zum Gegenstand umfänglicher Rundschreiben mit Grundsatzcharakter gemacht wird, dann ist auch die Frage berechtigt, wohin das pädagogisch und schulpolitisch führen soll.

Zunächst führt es zu einer Art Schuldzuweisung: SchulleiterInnen und LehrerInnen – so Herr Pieper in einem Interview mit der "Welt" – bilden angeblich eine Art Kartell zum Unterrichtsausfall, weil das am bequemsten für alle ist. Damit wird der Stammtisch – Lehrer sind faul – bedient und von der Tatsache abgelenkt, dass es Entscheidungen der Politik über den Stellenabbau in den Schulen sind, die zu Unterrichtsausfall mangels personeller Ressourcen führen. Das Manöver ist durchsichtig, und wie der Blick in andere Presseorgane als die "Welt" zeigt, auch nicht sehr erfolgreich.

Außerdem zeigt sich in dieser Kampagne ein stockkonservatives, von Verwaltungsdenken geprägtes Schulverständnis. Letztlich steht dahinter die Auffassung, in jeder Klasse zu jeder Stunde müsste nur irgendeine Lehrkraft sein, und alles wird gut. Teilt man diese Auffassung, dann liegt es natürlich nahe, als unwesentlich eingestufte schulische Aktivitäten von der Klassenfahrt über die Arbeitsgemeinschaften, den bilingualen und den muttersprachlichen Unterricht und schließlich vielleicht auch "unwichtiges" Beiwerk wie Kunst und Musik leichten Herzens auf dem Altar der Unterrichtsgarantie als Opfer zu bringen. Es ist ja kein Zufall, dass die hessische CDU es war, die diese Strategie entwickelt und nach ihrem Wahlsieg umgesetzt hat. Kann das ein Modell für die SPD in Berlin sein? Dabei geht alles über Bord, was in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion der letzten Jahre über Qualität von Schule und die Bedingungen, die für gelingende Erziehungs- und Lernprozesse notwendig sind, gesagt worden ist. Vom ganzheitlichen Schulkonzept des "Hauses des Lernens", nach dem Schule mehr ist als Unterricht, bleibt dann nur ein Rohbau übrig, und ob die dort erteilten Unterrichtsstunden auch effektiv sind, darf wohl bezweifelt werden. Die unverputzten tragenden Wände des Rohbaus könnten dann höchstens notdürftig mit ein wenig Religionsunterricht und Wertevermittlung dekoriert werden; aber ob das "Haus des Lernens" damit wirklich wohnlicher wird?

Wer wirklich etwas gegen Unterrichtsausfall tun will, wird wohl um die rasche Einstellung von mehr Lehrkräften nicht herumkommen. Aber auch damit wird man nicht erreichen können, dass immer die richtige Lehrkraft an der richtigen Stelle zur Verfügung steht. "Unterrichtsgarantie" ist ein im Ansatz uneinlösbares Versprechen, ein Fetisch, der mangels tragfähiger Konzepte zu einer Veränderung von Schule und Erhöhung ihrer Qualität hoch gehalten wird. Wer nicht nur kurzfristige Scheinerfolge durch verwaltungsmäßiges "Durchgreifen" anstreben und langfristig gelingende Lernprozesse erreichen will, der muss Schulen den Weg frei machen zur Umgestaltung des Unterrichts in Richtung Selbstständigkeit des Lernens, offenen Unterricht, Wochenplanarbeit und Projekte. Das sind aber alles keine Sparmodelle, sondern das erfordert Arbeitszeit und Ressourcen für konzeptionelle Arbeit sowohl auf fachlicher Ebene als auch auf der der sozialen Beziehungen in der Schule. Und das geht nur mit den Sozialpädagogen und Lehrkräften und nicht gegen sie.

Thomas Isensee
ist Lehrer an einer Gesamtschule und leitet das Referat Bildungspolitik der GEW BERLIN

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