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Nr. 12/2000
Schwerpunkt: Bildungspolitik
Theater und Schule als Schulprogramm

Spreewald-Grundschule mit erweitertem Profil

Erhard Laube ist seit einem Jahr wieder als Lehrer an seiner ehemaligen Schule in Schöneberg tätig. Gerade Schulleiter geworden, befragte Klaus Will für die blz den Ex-Chef der GEW BERLIN zur Situation an seiner Schule, die zwar die teuerste Sporthalle Berlins hat, aber mit der Lage direkt am Winterfeldtplatz auch ein problematisches Einzugsgebiet


blz: Nach 10 Jahren als Vorsitzender der GEW BERLIN wieder zurück in den Klassenraum: War das gewöhnungsbedürftig oder hast Du da weitergemacht, wo Du vor zehn Jahren aufgehört hast?

Erhard Laube: Das war schon eine große Umstellung für mich, von den vermeintlich großen Problemen der GEW-Politik zu den vermeintlich kleinen Problemen, die Schüler in einer Grundschule haben. Aber das war mir gerade wichtig. Ich wollte wieder in die konkrete pädagogische Arbeit einsteigen. Ich war ja gern Lehrer gewesen und bin es jetzt auch wieder, aber die Umstellung war schon enorm.

blz: Was waren für Dich die auffälligsten Änderungen in der Schule? Oder war nach 10 Jahren Abwesenheit alles wie immer?

Erhard Laube: Eigentlich sind die SchülerInnen so wie damals! Aber hier an meiner ehemaligen und jetzigen Schule hat sich enorm viel verändert: Das Gebäude wurde inzwischen völlig renoviert, es gibt einen neuen Schulhof und eine prächtige neue Sporthalle. Die Schule hat jetzt eine Schulstation und ein SchülerInnencafé – das gab es damals alles noch nicht.

blz: Du bist inzwischen Schulleiter dieser schönen Schule. In einem Artikel für die blz schrieben KollegInnen deiner Schule Ende 1998, dass trotz aller Anstrengungen deutschsprachige Eltern ihre Kinder oft an Nachbarschulen anmelden würden – weil dort der Anteil von Kindern nichtdeutscher Herkunft geringer ist. Hat sich da etwas geändert?

Erhard Laube: Nein, es ist eher noch dramatischer geworden. An der Spreewald-Grundschule sind mittlerweile mehr als 80 Prozent der SchülerInnen nichtdeutscher Herkunftssprache, vor zwei Jahren waren das noch 70 Prozent. Das wirft enorme pädagogische Probleme auf, z.B. beim Spracherwerb. Viele bildungsbewusste Eltern, gerade auch von Kindern mit nichtdeutscher Herkunftssprache, melden ihr Kind an einer anderen Schule an, weil sie wissen, dass die Zusammensetzung einer Klasse für das Lernen ihres Kindes eine hohe Bedeutung hat, dass es wesentlich von der Zusammensetzung einer Klasse abhängt, in welchem Maße ein Kind Schulerfolg hat.

blz: Die Spreewald-Schule war eine der ersten Schulen, die das Konzept der zweisprachigen Erziehung angewendet hat. Aber kann man bei einem Anteil von 80 Prozent Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache überhaupt noch von zweisprachiger Erziehung sprechen?

Erhard Laube: Man kann zweisprachige Erziehung auch in Klassen machen, in denen es nur türkische Kinder gibt. Unser Konzept bestand aber darin, dass in einer Klasse, in der zweisprachig erzogen wird, die Hälfte der Kinder Deutsch als Muttersprache spricht und die andere Hälfte Türkisch, wie an einer Europaschule. Dieses Konzept ist natürlich bei den heutigen Zahlen nicht zu realisieren, weil die Kinder deutscher Herkunftssprache schlichtweg fehlen.

blz: Das Konzept der zweisprachigen Erziehung ist in letzter Zeit ins Gerede gekommen. Es sei gescheitert, behaupten einige. Wie geht ihr damit um?

Erhard Laube: Von einem Scheitern der zweisprachigen Erziehung spricht an unserer Schule niemand. Im Gegenteil, wir haben die Erfahrung gemacht, dass Zweisprachigkeit eine Bereicherung für die Kinder ist. Nicht nur für den Bereich des Spracherwerbs, sondern auch für die Begriffsbildung. Andererseits ist offensichtlich, dass dieses Konzept für die Eltern von Kindern deutscher Herkunftssprache nicht attraktiv genug ist.

blz: Noch dazu sind die Entfernungen zu anderen Grundschulen hier um den Winterfeldplatz recht kurz. Wie wollt ihr aus diesem Dilemma heraus kommen?

Erhard Laube: Die Spreewald-Schule hat ein tolles Schulgebäude und ein schönes Schulgelände, eine der modernsten Sporthallen. Durch unseren Schulhort und ein Schulcafe sowie eine Schulstation können die SchülerInnen auch außerhalb der Unterrichtszeit gut betreut werden. Hinzu kommt nächstes Jahr noch eine Kita auf unserem Gelände, mit der wir dann eng zusammen arbeiten werden. Das sind schon eine Menge positiver Faktoren. Trotz dieser vorhandenen Vorteile haben wir einen schlechten Ruf, denn immer mehr wandern SchülerInnen ab. Es gibt eine Untersuchung der Humboldt-Universität, wonach ein Drittel der Eltern von Schulabgängern ihr Kind nicht wieder in unserer Schule einschulen würde. Das ist eine aus meiner Sicht alarmierend hohe Zahl. Als Gründe für diese Ablehnung werden genannt: Geringes Leistungsniveau, hoher Anteil ausländischer Kinder und Gewalt.
Ich habe mir deswegen die Aufgabe gestellt, zusammen mit dem Kollegium offensiv unser Image und die Attraktivität unserer Schule zu verbessern. Unser Ziel ist es, nicht nur für die an Zweisprachigkeit interessierten Eltern interessant zu sein, sondern auch für andere bildungsbewusste Eltern deutscher und nichtdeutscher Herkunftssprache ein Schulprofil mit Strahlkraft zu entwickeln.

blz: Und dieses Ziel soll vornehmlich mit eurem neuen Schulprofil "Theater und Schule" erreicht werden.

Erhard Laube: Ja. Dieser neue Ansatz ist ohne Gegenstimmen vom Kollegium und der Schulkonferenz beschlossen worden und wird jetzt realisiert. Bei der Vorbereitung und der Realisierung dieses Projektes stand und steht uns beratend Prof. Dr. Nickel von der HdK zur Verfügung, außerdem kooperieren wir beispielsweise mit unseren Nachbarn vom Puppentheater Hans Wurst Nachfahren und mit dem Theater Strahl. Durch die Einbeziehung der Theaterarbeit in den Schulalltag versprechen wir uns positive Auswirkungen nicht nur auf den Spracherwerb, sondern auch bei der gesamten Persönlichkeitsentwicklung der Kinder, auf die Entwicklung ihrer Selbstständigkeit, ihrer Selbstsicherheit im Auftreten und ihrer musischen Bildung.

blz: Wie sieht denn dieser neue Ansatz konkret aus? Was unterscheidet ihn zum Beispiel von einer ganz normalen Theater AG?

Erhard Laube: Das Theaterspiel wird bei uns nicht in AGs abgeschoben, sondern ist Bestandteil des Unterrichts in allen Klassenstufen, was durch zusätzliche LehrerInnenstunden ermöglicht wird. Die verschiedenen Formen des Theaterspielens werden bei uns direkt für das Lernen der Kinder nutzbar gemacht.

blz: Aber reicht das denn aus, um Eltern, die meinen, dass ihr Kind in der Spreewald-Schule nicht genug gefördert wird, zu überzeugen?

Erhard Laube: In den beiden ersten Klassen, die dieses Jahr hier eingerichtet wurden, gibt es nur zwei oder drei SchülerInnen deutscher Herkunftssprache. Wir wollen zumindest in einer der beiden ersten Klasse des kommenden Schuljahrs eine ausgewogenere Zusammensetzung haben. Dort, in der so genannten "Theaterklasse", mit der unser neuer Ansatz im Sommer 2001 startet, soll es nicht mehr als 50 Prozent Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache geben. Wir müssen also noch kräftig werben, z.B. in benachbarten Kitas, und wir müssen Eltern überzeugen, dass mit dem neuen Profil auch ihre Leistungsansprüche erfüllt werden können.

blz: Gibt die Spreewald-Schule damit das Konzept Zweisprachige Erziehung auf?

Erhard Laube: Nein, wir wollen weiterhin in einer 1. Klasse zweisprachig erziehen, diese Klasse aber auch in das Konzept "Theater und Schule" mit einbeziehen. Theater ist doch für interkulturelle Arbeit bestens geeignet. Zweisprachige Erziehung bleibt als pädagogisches Konzept erhalten. Um eine Schule aber für weitere Schichten attraktiv zu machen, bedarf es – zumindest bei uns in Schöneberg eines besonderen Profils. Wir haben uns gut vorbereitet. Wir glauben, richtig gut zu werden.

Kontakt: www.Spreewald-Grundschule.de

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