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Nr. 12/2000
Schwerpunkt: Bildungspolitik
Hoffentlich braucht ihr keine Hilfe

Dem Schulpsychologischen Dienst droht massiver Qualitätsverlust!

Wenn sich die von der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport angekündigten Kürzungen der Stellen im Schulpsychologischen Dienst durchsetzen, werden nach und nach KollegInnen mit abgeschlossener Psychotherapieausbildung und die Angestellten-Stellen der "Diplom-PsychologInnen mit Therapie-Auftrag" aus den Beratungsstellen verschwinden. Ab 2004 nicht nur durch Umsetzung in andere Bereiche im Land Berlin oder durch Nichtbesetzung ausgeschiedener MitarbeiterInnen, sondern auch mittels Kündigungen. Daneben werden außerdem die Stellen der Schulpsychologen, also der Beamten in der Laufbahn des Schulpsychologierates, reduziert. Die Reduzierung der Stellenausstattung bewirkt vor allem eine inhaltliche und qualitative Veränderung. Beispielhaft könnte das so aussehen:

Wegfall der schulbezogenen Krisenintervention

Nach Schulschluss auf dem gemeinsamen Nachhauseweg werden SchülerInnen einer 8. Klasse Gesamtschule unfreiwillig Zeugen, wie eine Mitschüler unter sehr dramatischen Umständen schwer verunglückt. Fassungslos, erschüttert und vollkommen durcheinander versuchen die MitschülerInnen am anderen Tag, sich am Unterricht zu beteiligen und können es dennoch nicht. Unvermittelt und offensichtlich unkontrollierbar weinen viele, einige schreien schreckliche Bilder von Verstümmelung und Blut heraus, einige können bruchstückhaft das Geschehen erzählen. Weder Unterricht noch ein Aufarbeiten des Traumas in der Klasse scheint möglich. Ein Anruf des Kerngruppenleiters beim Schulpsychologischen Dienst ergibt: "Nein, reaktive Hilfe können wir nicht mehr bieten!" "Schnell geht hier gar nichts mehr." "Und Aufarbeitung von Traumata? Vielleicht sollten Sie besser alle SchülerInnen nach Haus schicken!"

Wegfall von Therapie- und Trainingsprogrammen

Einer aufmerksamen Lehrerin einer 3. Grundschulklasse fällt auf: die kleine Seyda malt sehr ordentlich Zahlen, hat eine vorbildliche Heftführung, lächelt oft, lässt sich nicht von Unterrichtsstörungen anstecken, hilft gern beim Tafelwischen und kümmert sich um diejenigen, die Trost brauchen. Sie hat fast immer die Hausaufgaben sauber und vollständig erledigt. Die Mutter bringt jeden Morgen das Mädchen vor die Klassenzimmertür und holt sie mittags dort ab. Sie macht den Eindruck einer Musterschülerin. Nur: Sie meldet sich nie mit Unterrichtsbeiträgen. Bei direkten, leistungsbezogenen Fragen der Lehrerin wird sie rot oder muss schnell auf die Toilette. Die Lösungen in Mathematiktests sind rätselhaft. Rechenwege und Rechenstrategien sind nicht zu erkennen. Ein Hilfeersuchen der Lehrerin in der Schulpsychologischen Beratungsstelle ergibt: Ein rechenschwaches Kind ohne andere Störungen kann in ein "Institut für Lerntherapie" vermittelt werden. Ein Kind mit Leistungsängsten und Hemmungen kann in eine "Kindertherapie" vermittelt werden. Für die Schwierigkeiten Seydas jedoch gibt es keine Hilfe mehr. "Der Schulpsychologische Dienst hat leider schulbezogene Therapie aus dem Aufgabengebiet verloren."

Wegfall von Supervisionsgruppen für Lehrer

Auf dem Studientag einer Realschule mit dem Thema "Qualitätssicherung in unserer Schule" wird beschlossen: Wir brauchen unbedingt regelmäßig unter fachlicher Anleitung und im vertraulichen Rahmen einen Austausch über schwierige Schüler. Das soeben gemeinsam erarbeitete Leitbild soll eine solide Grundlage bekommen. Wir wollen lernen, unsere eigenen Energien effektiver einzusetzen, die Ressourcen unserer individuellen Lehrerpersönlichkeiten besser zu nutzen und in neuen Kooperationsformen zu erhöhen. Der vom Kollegium beauftragte Lehrer erfährt vom Sekretariat des Schulpsychologischen Dienstes: "Das können wir nicht mehr machen. Vielleicht melden Sie uns die schwierigen Schüler?", "Da haben wir jetzt einen veränderten Modus. Wir schicken ihnen gern Fragebögen. Wie viele brauchen Sie denn?"

Wie aufmerksame LeserInnen feststellen konnten, hat die Zukunft leider schon begonnen. Immer wieder müssen wir bedauerlicherweise Nachfragen um Hilfen mit erheblichen Wartezeiten beantworten oder auch ganz verwehren. Vielleicht fragt ja irgendwann keiner mehr?

Anke Blaufelder
arbeitet in der Schulpsychologie Spandau

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