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Nr. 12/2000
Schwerpunkt: Bildungspolitik
Äußere Fachleistungsdifferenzierung und die Qualität der Grundschulen

Die folgenden Thesen hat Klaus Meißner auf der Fachtagung der AG Grundschulreform im September vorgetragen

Äußere Fachleistungsdifferenzierung ist für die Qualität des Unterrichts und der Leistungen der SchülerInnen ungeeignet. In empirischen Untersuchungen ist der Einfluss der äußeren Fachleistungsdifferenzierung mehrfach nachgewiesen worden: Leistungsstärkere Kinder erzielen in heterogenen Gruppen keine schlechteren Lernergebnissen als in homogenen. Leistungsschwächere Kinder erbringen in heterogenen Gruppen dagegen bessere Lernergebnisse. Unterricht in homogenen Gruppen reduziert die Methodenvielfalt und verschlechtert das Klassenklima. Renate Valtin hat in einer Studie nachgewiesen, dass Berliner GrundschülerInnen am Ende der 6. Klasse im Rechtschreiben, im Leseverständnis und in Mathematik deutlich bessere Leistungen aufweisen als gleichaltrige SchülerInnen in Hamburger Oberschulen; die Leistungen im Englischunterricht bewegen sich auf gleichem Niveau.

Mit der Zuweisung von Kindern nach dem 4. Schuljahr auf das gegliederte System der Oberschulen sind also nicht zwangsläufig bessere Leistungen zu erwarten. Dennoch will der Schulsenator Berliner LehrerInnen zu pädagogischen Maßnahmen zwingen, die der Qualitätsentwicklung der Berliner Schule eher schaden würde.

Äußere Fachleistungsdifferenzierung bindet Ressourcen, löst keine Probleme, sondern schafft neue.

"Die Binnendifferenzierung (soll) weiterhin grundlegendes Prinzip der Arbeit in der Grundschule (bleiben). (Rundschreibenentwurf, Seite 2)." Dieses grundlegende Prinzip ist in der Grundschule allerdings wenig verbreitet. Im Bundesdurchschnitt wird es etwa zu 10 –15 Prozent realisiert. Die Arbeitsstelle Bildungsforschung Primarstufe an der HdK empfiehlt deshalb eine Fortbildungsoffensive in einem stärkeren Ausmaß als bisher.

Die äußere Fachleistungsdifferenzierung erfordert – um den Unterricht in kleineren Gruppen zu organisieren – einen erhebliche Zusatzbedarf an Lehrerstunden, die aus dem Teilungsstundenpool und den Förderstundenzuweisungen entnommen oder aber auch durch Verkürzung der Unterrichtsstunden auf 40 Minuten erwirtschaftet werden müssen. Was für die äußere Fachleistungsdifferenzierung an Lehrerstunden in die 5. und 6. Klassen gesteckt wird, muss in den unteren Klassen der Grundschule abgezogen werden. Die Arbeitsbedingungen und Fördermöglichkeiten für kleinere Kinder verschlechtern sich dadurch, ohne dass für die Kinder der 5. und 6. Klassen ein Leistungszuwachs zu erwarten wäre.

Äußere Fachleistungsdifferenzierung begünstigt die soziale Ausgliederung von Kindern, verstößt damit gegen das grundschulpädagogische Leitmotiv des gemeinsamen Lernens und führt zur Benachteiligung langsam lernender Kinder.

Hierzu hat Ulf Preuss-Lausitz grundlegende und klare Aussagen getroffen . Wer keine soziale Selektion will, darf auch keine äußere Fachleistungsdifferenzierung zulassen! In seiner Rede auf dem Kongress des Forum Bildung am 14./15. Juli 2000 sagte Schulsenator Böger: "Wir müssen den individuellen Kompetenzerwerb fördern, ohne soziale Lernprozesse zu vernachlässigen." Es sei Aufgabe der Schule, "soziale Ausgrenzung angesichts ständig steigender und neuer Qualifikationsanforderungen zu verhindern und bestehende Ausgrenzungen zurück zu weisen." Wie verträgt sich diese Position mit der Absicht, die äußere Fachleistungsdifferenzierung verbindlich vorzuschreiben?

Äußere Fachleistungsdifferenzierung verstärkt das Konfliktpotenzial zwischen Eltern und Schule

Eltern, deren Kinder der leistungsstärkeren Gruppe zugeteilt werden, werden gegen diese Entscheidung nichts einzuwenden haben. Eltern, deren Kinder in leistungsschwächere Gruppen eingewiesen werden, werden nach Begründungen fragen und gegebenenfalls die Entscheidung anfechten. Die Schule steht bei solchen Auseinandersetzungen in einem pädagogischen Legitimationsdilemma: Wie soll sie den Eltern lernschwächerer Kinder plausibel machen, dass ihre Kinder jetzt in Gruppen unterrichtet werden, in denen sie weniger lernen als früher? Die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern wird empfindlich gestört.

Der Zwang zur äußeren Fachleistungsdifferenzierung ist kontraproduktiv zur Stärkung der Eigenverantwortlichkeit der Schulen.

Dem bildungspolitischen Ziel, die Eigenverantwortlichkeit der Schulen zu stärken, liegt die Einsicht zu Grunde, dass "ein zentral gesteuertes Bildungssystem zu unflexibel und zu langsam (ist). Entscheidungen müssen dort getroffen werden, wo sie anstehen, in der einzelnen Schule". (Böger 2000, Seite 7). Hierfür müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die die Eigenverantwortlichkeit der Einzelschule unterstützen. Ein Rundschreiben, das alle Schulen zur äußeren Fachleistungsdifferenzierung zwangsverpflichtet, verstößt gegen das Prinzip des eigenverantwortlichen Handelns der einzelnen Schule. Hier schlägt das Moment der engen zentralen Steuerung massiv durch.

Äußere Fachleistungsdifferenzierung schwächt den verbindlichen Wahlunterricht (WUV), und verringert das Angebot für technisch-naturwissenschaftliche Bildung.

Zur Unterstützung der äußeren Fachleistungsdifferenzierung steht der Wahlunterricht verbindlich zur Disposition. WUV, ein Baustein der Grundschulreform 2000, wurde u. a. mit der Erwartung initiiert, das Defizit Berliner GrundschülerInnen in technisch–naturwissenschaftlichen Bildungsangeboten zu kompensieren, das mit dem Wegfall des Faches Technik 1992 eingetreten ist. Eine Streichung von WUV aus der Stundentafel zu Gunsten der Förderung der äußeren Fachleistungsdifferenzierung würde das vielfach kritisierte schmale Bildungsangebot im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich nochmals ausdünnen und das Leistungsniveau Berliner Grundschulkinder in Technik und Naturwissenschaften auf einem niedrigen Stand festschreiben.

Fazit: Äußere Fachleistungsdifferenzierung führt die Entwicklung der Grundschule in eine Sackgasse und versperrt den Weg für notwendige Innovationen.

Der Zwang zur äußeren Fachleistungsdifferenzierung trägt nichts zur Weiterentwicklung der Grundschule bei, sondern blockiert positive Entwicklungen und erstickt innovative Initiativen. Wem eine bessere Grundschule wirklich am Herzen liegt, muss die Bedingungen verbessern: die Lehreraus- und -fortbildung sowie das Budget der Grundschulen für Sach- und Personalmittel, sodass ein Lernen in kleineren Gruppen möglich wird, das durch mehr schüler– und entwicklungsorientierte Unterrichtsformen gekennzeichnet ist. Wer stattdessen die äußere Fachleistungsdifferenzierung durchdrückt, weicht den Problemen aus und trägt faktisch zur Verschlechterung der Lernbedingungen in der Grundschule bei.

Klaus Meißner
ist Professor für Grundschulpädagogik und Leiter der Diesterweg Hochschule

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