 |
Aus der Mitte der Gesellschaft
Nazis sind nicht einfach die Bösen am Rand der Gesellschaft, sondern kommen aus unserer Mitte. Deswegen haben Demos und Appelle auch nur eine begrenzte Wirkung
Während es Anfang der 90er-Jahre den Autonomen vorbehalten war gegen das Wiederaufleben des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit beispielsweise in Hoyerswerda oder in Rostock-Lichtenhagen vorzugehen, hat sich die Lage inzwischen dermaßen zugespitzt, haben sich "national befreite Zonen" gebildet, sind ca. 100 Menschen ermordet worden und Überfälle alltäglich geworden, dass nunmehr sogar der Bundeskanzler, der Bundestagspräsident, die Koalitionspartner etc. sich bemüßigt fühlen, sich an die Spitze des Widerstands gegen eine Neuauflage Hitlerscher Politik zu stellen. Selbst die Spitzen der CDU gingen zur Kundgebung am Brandenburger Tor.
Der "Aufstand" erfolgte "für Menschlichkeit und Toleranz" , so im Aufruf der Initiatoren am 9. November. Gegen die Ziele dieses Appells ist so weit nichts einzuwenden, gilt es doch in der Tat, die gesamte Gesellschaft auf eine humanistische Ethik und Moral zu verpflichten. Antifaschisten haben also allen Grund, der Aktion Erfolg zu wünschen. Leider bedarf es aber keiner großen Weitsicht, zu erkennen, dass der Erfolg dieses "Aufstands" sich genauso wenig einstellen wird, wie beim Protest der Autonomen acht Jahre vorher. Die Autonomen hatten wenigstens noch den Versuch einer Analyse der gesellschaftlichen Ursachen für die Neuauflage des völkischen Ressentiments gemacht, waren aber aus verschiedenen Gründen unfähig, diese Ursachen zu bekämpfen oder zu beseitigen. Sie blieben in der Demonstration des Übels stecken. Die "Anständigen" dagegen bieten keinerlei Erklärungen für die Entstehung beispielsweise des Antisemitismus usw. an, haben aber viele Leute auf die Straße gebracht. Es handelt sich quasi um eine Neuauflage der "Lichterketten"-Demos im November 1992, die ebenfalls zu wenig Effekt hatten, obwohl sich ca. 350.000 Menschen und die gesamte Staatsspitze bis hin zum Bundespräsidenten Weizsäcker daran beteiligt hatten.
Woher kommen die Neonazis?
Die fehlende bzw. falsche Resonanz der Öffentlichkeit auf den seinerzeitigen Protest der Autonomen (" linke Krawallmacher wollen unseren Staat zerstören, sind auch nicht besser als rechte Idioten") und die Unterlassung der Ursachenforschung von Seiten der "Anständigen" heute haben ein und denselben Grund: Der Faschismus entsteht in der Mitte der Gesellschaft und das darf nicht thematisiert werden. Paul Spiegel hat diesen Zusammenhang erkannt und bei seiner Rede wenigstens gestreift. Deshalb die wütende Reaktion der Vertreter der "deutschen Leitkultur" , die damit übrigens bestens den gegen sie erhobenen Vorwurf der Heuchelei noch einmal bestätigten.
Eine Gesellschaft hat bekanntlich die Repräsentanten, die sie verdient. Es bringt daher nichts, nur auf die Verfehlungen der Politiker zu schauen und nachzuweisen, wie weit sie Schuld an der heutigen Misere sind. Natürlich machen sie sich durch Nichtstun oder aber durch falsches Tun mitschuldig, und das nicht zu knapp. Erinnert sei an die unsägliche Asyldebatte, die doppelte Pass-Debatte, die Kinder statt Inder-Debatte etc. Die Verantwortung kann aber nicht einfach nur an die Politiker abgeschoben werden. Die Bürger haben erstens diese Politiker gewählt und zweitens ideologisieren sie kräftig mit. Sie sind es, die die öffentliche Meinung bilden, nach der sich gewiefte Volksvertreter anschließend richten.
Gewerkschaften und Rechtstendenzen
In einigen wissenschaftlichen Untersuchungen wurde festgestellt, in Gewerkschaften träten überproportional viele fremdenfeindliche bzw. rassistische Vorstellungen einzelner Mitglieder auf, in einer Organisation also, die eigentlich von der Arbeiterbewegung geprägt eher internationalistisch orientiert ist. Glücklicherweise sind völkische Strömungen innerhalb der Gewerkschaften trotz der braunen Flecken nach wie vor nicht mehrheitsfähig. Dennoch lohnt es sich, das Bewusstsein abhängig Beschäftigter in einer demokratisch orientierten Organisation näher anzuschauen, um der Frage näher zu kommen, was jeder einzelne Bürger zu der heute beklagenswerten Entwicklung beiträgt bzw. beitragen kann. Als Beispiel soll hier eine Tagung der Bildungsgewerkschaft, der GEW, dienen.
Die GEW BERLIN hatte zum ersten Mal in ihrer Geschichte ihre turnusmäßig tagende Landesdelegiertenkonferenz für einen Tag umfunktioniert und Diskussionsforen zu aktuellen gewerkschaftlichen Themen eingerichtet. Zwei dieser Foren waren betitelt "Rechtsextremismus" bzw. "Fremdenfeindlichkeit". Obwohl eingangs gesagt wurde, man wolle sich selbst nicht als gut und die anderen als die Bösen apostrophieren, geschah aber genau das. Lehrer und Erzieher sind eben von Hause aus gut und haben die anderen aufzuklären. Niemand hatte zwar eine Antwort, wie man der rechten Entwicklung beikommen könne, aber sich selbst zum Thema machen war unmöglich, ja, wurde sogar wütend abgelehnt. Während in dem einen Forum der Zusammenhang von Demokratie und Herrschaft nicht thematisiert werden durfte, der Moderator verbat sich vehement die Bemerkung – "wir" als GEW würden Herrschaft abbauen – wollen, wurde es in dem anderen Forum als "inquisitorisch" angesehen, den Ursachen für den Rechtsextremismus eines 20-jährigen Sohnes einer Teilnehmerin nachzugehen.
Der unklare Begriff von Demokratie, er wurde schlicht mit Gleichheit, Toleranz und Menschlichkeit gleichgesetzt, verhinderte den Blick auf die eigene Rolle als Pädagoge im Auftrage des Staates, der Gesellschaft, im Klassenzimmer. Die Folgen der Exekutierung eines "heimlichen" (übergeordneten) Lehrplanes in einem vorgegebenen Rahmen konnten daher nicht erörtert werden. Die Frage, wie wirkt die Institution Schule auf die Schulpflichtigen, wie weit trägt sie zur Produktion von Angst, falschem Bewusstsein und Diskriminierung bei, musste so außen vor bleiben. Die Frage stellt sich, weshalb die Identifikation heutiger Pädagogen mit ihrem Job so groß ist, dass die Behörde, der man dient, als per se "gut" erscheint. Zwei Gründe kommen in Frage: erstens wird das rationale Argument in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung über- und das irrationale Moment unterschätzt und zweitens will niemand selbst als mitverantwortlich für das "Böse" gelten, das vermeintlich ohne eigenes Zutun "draußen" geschieht.
Das Irrationale ist naturgemäß einem akademisch gebildeten Menschen schwer zugänglich. Es widerspricht seiner ihm beigebrachten Denkweise. Die Beschäftigung mit Psychologie im Rahmen des Studiums bleibt verkürzt auf Erlernen kognitiven Wissens. Im Referendariat geht es fast ausschließlich um die didaktische Umsetzung von konkreten Lernzielen. Übergeordnete Lernziele, wie das Erlernen von Empathie, Toleranz, Demokratie etc. lassen sich kaum in Vorführstunden pressen. (Von daher ist auch die Hilflosigkeit in den GEW-Foren verständlich, diese Werte vermitteln zu können.) Angehenden Lehrern wird in ihrer Praxis schnell bewusst, dass sie Probleme mit der Realität haben. Es kommt zu Frust und Resignation und alsbald zu Ausbrüchen in allerlei Versuchen, sich selbst zu finden. Dieser Weg zur "Selbstfindung" führt aber in der Regel weg von der Analyse des eigenen Berufes, den macht man nur noch "des Geldes wegen" , sondern er führt nur zur Suche nach dem eigenen Wohlbefinden. Die gesellschaftliche Verantwortlichkeit, die den Staatsfunktionären per Amt zufällt, gerät im Laufe der Zeit so völlig aus dem Blickfeld.
Die Mitverantwortung des Individuums für das gesellschaftliche Leben ist für viele Menschen schwer nachvollziehbar. Was haben Nachkriegsgeborene noch mit Hitler zu tun? Warum kann die Schulddebatte nicht endlich aufhören? Was hat Schule (oder die DDR) mit "national befreiten Zonen" zu tun? Weshalb wählt der eigene Sohn die "Reps"? Leider lässt sich Verantwortung und das historische Erbe nicht einfach ausschlagen wie das materielle Erbe eines verstorbenen Angehörigen. Menschen, die heute in Deutschland leben, seien sie hier geboren oder anderswo, werden beständig mit den Folgen der deutschen Geschichte konfrontiert. Das ist ja nicht nur negativ im Hinblick auf die dunklen Jahre zu sehen, sondern auch positiv im Hinblick auf die kulturellen und sozialen Errungenschaften. Eine Folge der deutschen Geschichte ist zweifellos die zeitweilige Trennung in Ost und West, das Entstehen zweier Teilstaaten. Die Bürger in diesen Teilstaaten hatten das deutsche Erbe unterschiedlich zu tragen und entwickelten dabei unterschiedliche Ideologien, Mentalitäten und Verhaltensweisen. Das Leugnen all dieser Zusammenhänge ist kontraproduktiv bei der Suche nach Ursachen für heutige Fehlentwicklungen. Wer aber die Ursachen nicht kennt, kann keine Maßnahmen zur Überwindung der Übel entwickeln. Die GEW-Kollegin, deren Sohn (unbegreiflicherweise?) die Reps wählt, wird hoffentlich auch eines Tages begreifen, dass das Erzählen von "Neger"witzen zu Hause oder anderswo Mitverantwortung für rassistische Denkmuster bedeutet.
Damit wären wir bei der eigentlichen Frage: Was tun? Wie können bzw. wie müssen wir uns verändern, damit wir selbst glaubwürdig und effizient gegen die zunehmende Flucht vor der immer weiter fortschreitenden Komplexität der heutigen Welt, der Angst vor der voranschreitenden Globalisierung und Liberalisierung, gegen die Verführung zur Reduktion hin zu "einfachen Lösungen" angehen können? Im Big Brother Container lässt sich die Welt weitgehend ausklammern, die Insassen sind auf sich selbst zurückgeworfen und können ein Stück weit eine eigene Gesellschaft erfinden. Die Schule und andere Bildungseinrichtungen sind nicht in dieser privilegierten Lage, dort ist die Interaktion mit "Außen" nicht abstellbar, alles was dort geschieht, wirkt unmittelbar hinein. Wir haben es also mit der großen Komplexität zu tun und es bleibt uns nichts anderes übrig als sie positiv aufzunehmen und ihre Vorzüge bewusst zu machen.
Nazis sind Pop
Das OSZ Handel I in Berlin-Kreuzberg hat ein Beispiel gegeben, wie so etwas demonstriert werden kann. Der Fachbereich Sozialkunde hat zum zweiten Mal Sally Perel aus Israel eingeladen, sich den Jugendlichen der Schule vorzustellen. Sally Perels Geschichte ist die Vorlage für den Film "Hitlerjunge Salomon" . Er hat 40 Jahre nach den Ereignissen erstmalig sich öffnen können und er hat seine Erlebnisse aufgeschrieben ("Ich war Hitlerjunge Salomon"). Der Film wurde in Sondervorstellungen eines Kinos für das OSZ Handel gezeigt und eine Woche später von ihm persönlich in der Mensa der Schule zur Diskussion gestellt. Mehr als 1000 Schülerinnen und Schüler haben insgesamt daran teilnehmen können. Sally Perel erzeugt einen starken Eindruck, weil er glaubwürdig darstellen kann, wie er trotz seiner jüdischen Herkunft durch die Erziehung in einer SS-Schule zum überzeugten Nazi wurde. Ihm gelingt es dabei, auf die Gefährlichkeit der Nazi-Ideologie aufmerksam zu machen und sie kritisch zu hinterfragen.
Sally Perel zeigt, wie nah jeder Person, egal wo sie herkommt, die Gefahr zur totalitären oder auch zur fundamentalistischen Verführung ist. Damit berührt er das Problem, auf dass der Journalist Burkhard Schröder in seinem neuesten Buch "Nazi ist Pop" provokativ hinweist. Seiner Meinung nach (und hier trifft er sich mit Paul Spiegel) sind die Nazis nicht nur einfach die Bösen am Rande der Gesellschaft, sondern sie kommen aus unserer Mitte. Wenn das wirklich so ist, und die bisherige Wirkungslosigkeit aller Demos und Appelle unterstreicht das, sind wir wieder am Ausgangspunkt unserer Überlegungen angelangt. Wir müssen dort hinschauen, wo es am unangenehmsten ist, zu uns selbst, in unsere Familien, in unsere gesellschaftlichen Zusammenhänge. Kinder dürfen eben nicht nur in "Einrichtungen" abgeschoben werden und abends vor den Fernseher oder, ganz modern, vor den Computer. Die Erwachsenen, die Eltern müssen sich ihren Sprösslingen wieder vermehrt zuwenden, mit ihnen spielen, Hausarbeiten machen etc., sie müssen wieder disponible Zeit für diesen Zweck bereitstellen, sie müssen womöglich ihre eigenen Rollen und Funktionen als Mann und Frau, als Familie überdenken und verändern. Männlicher Chauvinismus mag sich seit 68 insgesamt gemildert haben, drückt sich dafür aber umso heftiger in der Gewaltverherrlichung (oder auch im religiös verbrämten Fundamentalismus) wieder aus. Die "Familie", nach Meinung der Frankfurter Schule ohnehin autoritätsverdächtig, funktioniert immer weniger: ein Drittel aller Ehen (in den USA die Hälfte) werden geschieden. Folge: Weitere Verwahrlosung der Kinder. LehrerInnen müssen diese Probleme aufgreifen, kritisch beleuchten, Alternativen zur Diskussion stellen, als übergeordnete ("heimliche") Lernziele permanent in ihren Unterricht einbeziehen.
Entwicklung von mehr Selbstbewusstsein nötig
Wer glaubt, mit einigen aufklärerischen Stunden über die Missetaten Adolf Hitlers und seiner Gefolgsleute wäre es getan, irrt gewaltig. Nazi-Ideologie ist antiaufklärerisch und bezieht gerade daher ihre Anziehungskraft. "Blood & Honour" nennt sich die (inzwischen verbotene) Distributionsfirma für's rechte Gefühl und bringt es bereits in ihrem Namen auf den Nenner. Es geht nicht um Erkenntnis, es geht um Emotionen. Schule kann dazu einen Beitrag leisten. Sie muss sich selbst in Frage stellen, sie muss den SchülerInnen Ängste nehmen, ihnen das Gefühl vermitteln, ernst genommen zu werden, ihnen bei der Entwicklung von mehr Selbstbewusstsein helfen, den "heimlichen" Lehrplan erfüllen. Das ist ein schwieriger Job, aber nicht zu umgehen, wenn wir die Bedrohung ernst nehmen. Auch in diesem Punkt hat Sally Perel bereits einen Beitrag im OSZ Handel geleistet. Eine Klasse, die ihn schon letztes Jahr gesehen hatte, erarbeitete für seinen diesjährigen Auftritt eigens eine Ausstellung. Thema: "Wer waren die ca. 100 Todesopfer rechtsextremer Gewalt seit 1990?" Konkrete Lebensschicksale werden dargestellt und eine Antwort wird implizit gegeben: Leute wie du und ich.
Günter Langer
unterrichtet an einem OSZ |
 |