| Im Casting-Fieber
von Gabriele Frydrych
Ich kann morgen das Diktat nicht mitschreiben, ich hab' ein Casting!" Lisa hält mir triumphierend ihre Entschuldigung vor die Nase. Etwas unsicher stimme ich zu. Ein Casting? Die kleine, pummelige Lisa? Was hat sie, was ich nicht habe? Jetzt weiß ich es. Eine zielstrebige Mutter, die sie von einem Casting zum nächsten chauffiert. Lisa hat mittlerweile einen eigenen Agenten. Das lohnt sich auch bei Fruchtjoghurt-Reklame und einer Nebenrolle im Kinderfernsehen. Viele Stars haben klein angefangen! Sicherheitshalber lasse ich mir schon mal ein Autogramm geben. Lisas Aufsatzhefte hebe ich auch auf. Wenn später die Reporter erscheinen, bekomme ich wenigstens ein kleines Stück vom Ruhm ab. Ich hatte immerhin schon zwei Stars in meinen Klassen, die mir bewiesen haben, dass Schule relativ unwichtig ist. Der eine singt öffentlich und viel beachtet schaurige Lieder und begleitet sich dabei auf einer singenden Säge, die andere mimt bei RTL ständig die verführte Unschuld vom Lande (mit Berliner Akzent).
In einem Gespräch mit meiner 9. Klasse stelle ich fest, dass ich die Einzige bin, die noch nie bei einem Casting war (Lehrer haben nun mal keine Ahnung vom richtigen Leben! Das steht ja auch jeden Tag in der Zeitung...). Ein Mädchen hat als Baby Modefotos gemacht, ein anderes einen Werbefilm für die SPD gedreht - als glückliche Schülerin, die gerade in den Genuss der lange versprochenen Bildungsreformen kommt: Sie sitzt in einem hellen Klassenraum, zusammen mit zehn anderen glücklichen Kindern und vielen Grünpflanzen, und wird von einer blutjungen, strahlenden Lehrerin verwöhnt.
Meine Schüler sind auch bestens über alle Casting-Shows im Fernsehen informiert. Sie zählen mir jede Menge Details und Namen auf. Kein Wunder, dass im Hirn der Speicherplatz für Englisch-Vokabeln fehlt.... Geduldig erklären sie mir, wie man ein Daniel Küblböck wird. Sie streiten erbittert darüber, welche Teeny-Band beim Star-Wettrennen den Sieg verdient. Sie streiten immer noch, als ich längst meinen Unterricht über Dürrenmatts "Physiker" begonnen habe. Und hören erst auf, als ich die Augen zusammenkneife (= böser Blick) und meine Stimme eine Oktave höher schraube (= Keifhöhe). Die Schüler bringen selbst gebastelte Fotobücher mit, in denen alle Artikel und Bilder ihrer Möchtegernstars kleben - sorgfältigst und säuberlich beschriftet, wie ich mir Schulhefter immer vergeblich wünsche. In den Pausen werden mir singende Freunde aus den Parallelklassen präsentiert. Alle schauen mich erwartungsvoll an. Ich bin betreten und versuche tapfer, das zu überspielen. Was soll ich um Himmelswillen sagen, wenn mannshohe Knaben mit Fistelstimme süßliche Tremolos produzieren? Wie ihre berühmten Vorbilder dramatisch mit den Händen durch die Luft fahren? Soll ich es jetzt wie in einer richtigen Casting-Show machen? "Du singst, als ob du gleich in die Tonne kotzt!"*, sagt da die Jury. Oder: "Du stehst da wie eine festgetuckerte Fleischwurst!"* Als Lehrerin muss ich vorsichtig sein. Schon leiseste Kritik ruft beleidigte Mienen und zerknüllte Arbeitsblätter hervor. Und treibt empörte Eltern ans Telefon. Dabei würde ich manchmal schon gern sagen: "Du schreibst wie ein besoffenes Huhn." Oder: "Dein Aufsatz war nicht nur schlecht, sondern grottenschlecht." Oder: "Sing dieses Lied nie wieder!"*
Der Zeitgeist verblüfft mich, der Jugendliche zu solchen Castings strömen lässt. Klar, wir alle wollen reich und berühmt werden. Aber so? Da stehen Kinder tränenden Auges vor der Fernsehnation und hören sich masochistisch an, wie unterdurchschnittlich ihre Leistungen sind. Vielleicht packen Eltern und Lehrer die Jugendlichen viel zu sehr in Watte? Vielleicht sollten sie alle offen und brutal ihre Meinung sagen???
Die blamabelsten Casting-Auftritte werden übrigens zusammengeschnitten und wochenlang im Fernsehen vorgeführt. Jeder kann sich dabei ausschütten vor Lachen. Aber anscheinend ist es das Wichtigste, im Fernsehen zu sein - egal, wie. Als peinlicher Talkshow-Gast oder als quakender Sänger. Als trauriger Comedian oder als stocksteifes Model. Hauptsache, einmal nach den Sternen gegriffen. Im Fortbildungsverzeichnis habe ich gerade zwei Kurse gefunden, wie man als Lehrer seine Schüler richtig fürs Casting vorbereiten kann. Na sicher habe ich mich angemeldet. Vielleicht werde ich auf diesem Weg selber reich und berühmt!
* Alles Originalzitate aus "Deutschland sucht den Superstar". Von Dieter Bohlen. Angeblich unser nächster Bundespräsident!
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