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Nr. 3-4/ 2004: Ein Blick über die Grenze

Ein Blick über die Grenze

Frühkindliche Bildung in den Niederlanden

von Hannah de Graauw-Rusch

Während in der Bundesrepublik erst seit "PISA" heftig über frühkindliche Bildung diskutiert wird, gibt es in europäischen Nachbarländern bereits seit langem erfolgreiche Modelle. In den Niederlanden trat im Jahre 1985 das Gesetz über den Basisunterricht in Kraft, das eine inhaltliche und organisatorische Reform des Grundschulwesens und der vorschulischen Erziehung einläutete. Mit diesem Gesetz wurden Kindergarten und Grundschule zu einer einheitlichen allgemein bildenden Schule, der "Basisschule" für alle Kinder von vier bis zwölf Jahren, zusammengefasst. Die Schulpflicht fängt am Ersten des Monats nach dem fünften Geburtstag an. So kommen auch während eines Schuljahres immer wieder neue SchülerInnen in eine Gruppe. Das ist möglich, wenn eine Schule sehr differenziert und individuell arbeitet.

Basisschulen sind Ganztagsschulen. Der Unterricht läuft von 8.30 bis 11.30 Uhr und von 13.30 bis 15.30 Uhr. In der Mittagspause können die SchülerInnen entweder nach Hause gehen oder in der Schule bleiben, wo sie unter Aufsicht ihre mitgebrachten Brote essen.

Vor 1985 gab es in den Niederlanden Kindergärten (kleuterschool) für Kinder von vier bis sechs Jahren. Die "Kleinkinderschule" wurde als Bildungseinrichtung betrachtet und unterstand dem Unterrichtsministerium. Der Besuch war freiwillig. Mit sechs Jahren wurden Kinder schulpflichtig und besuchten eine sechsjährige Grundschule.

Das pädagogische, kindgerechte Klima der Kindergärten wurde von den Eltern sehr geschätzt. Die Grundschule hingegen geriet mehr und mehr in die Kritik: Sie wurde als sehr "kopfbezogen" erfahren: Fest gelegter Lehrstoff bestimmte das Unterrichtstempo, die individuellen Bedürfnissen und Lernvoraussetzungen der Kinder wurden nicht berücksichtigt, die kreativen, affektiven und sozialen Bereiche wurden vernachlässigt. Sehr beunruhigend war die hohe Sitzenbleiberquote: 1975 waren mehr als 30 Prozent aller SchülerInnen in der Grundschule ein Mal sitzen geblieben. Der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule wurde von vielen Kindern als Schock erlebt. Eine Studie mit dem Titel "Aufstand gegen das Sitzen bleiben" forderte, den Übergang von der Kleinkinderschule zur Grundschule bruchfrei zu gestalten, die Lerninhalte zu modernisieren und zu aktualisieren und den Unterricht zu differenzieren und zu individualisieren.

In der "Basisschule" wird der Unterricht so gestaltet, dass die SchülerInnen einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess durchlaufen, orientiert an ihren Lernfortschritten. Er zielt auf die emotionale und kognitive Entwicklung ab, auf die Förderung der Kreativität sowie auf den Erwerb notwendiger Kenntnisse und sozialer, kultureller und körperlicher Fertigkeiten. Grundlage des Unterrichts ist die Annahme, dass die Schülerinnen und Schüler in einer multikulturellen Gesellschaft aufwachsen.

Der Lehrplan umfasst neben den üblichen allgemein bildenden und musischen Fächern auch Verkehrserziehung, Gesundheitslehre und Englisch. In der Provinz Friesland ist die friesische Sprache Pflichtfach. Andere Regionalsprachen und die Muttersprachen ausländischer SchülerInnen können ebenfalls Unterrichtsfach sein. Es gibt keine Lehrpläne oder Rahmenpläne. Vorgegeben sind nur so genannte Kernziele, die detailliert beschreiben, über welche Kenntnisse, Einsichten und Kompetenzen SchülerInnen am Ende der Basisschule verfügen müssen.

In ihrem Schularbeitsplan, der mit einem Schulprogramm vergleichbar ist, beschreibt jede Schule detailliert ihre Lernziele, die Lerninhalte und Methoden, die Schulorganisation, die Art der Leistungsbeurteilung, ihre Kontakte mit den Unterstützungssystemen und die Zusammenarbeit mit dem Elternhaus. In den Niederlanden können die Schulen Art, Umfang und Dauer der Leistungsbeurteilung selbst bestimmen. Manche geben bereits früh Noten, andere Schulen erst später oder gar nicht. Der Schularbeitsplan wird der Schulaufsicht vorgelegt und alle zwei Jahre evaluiert.

Die Reform hatte gravierende Konsequenzen für die Lehrerausbildung. In den Kindergärten arbeiteten Kindergärtnerinnen, die nach einem mittleren Schulabschluss ihre Ausbildung an einer Fachschule erhielten. Die Ausbildung der GrundschullehrerInnen fand an pädagogischen Akademien statt. In der Übergangsphase wurden die ErzieherInnen und Lehrkräfte durch intensive Fort- und Weiterbildung für ihre Aufgabe qualifiziert. Neue Lehrkräfte erhalten eine vierjährige Ausbildung an den "Pädagogischen Akademien für den Basisunterricht" (PABO). Sie umfasst eine Ausbildung für alle Fächer, die in der Basisschule unterrichtet werden, erziehungswissenschaftliche Inhalte (Pädagogik, Psychologie, Didaktik und Methodik) und eine "kulturell-gesellschaftliche Bildung zur Entwicklung einer kritisch-fragenden und verantwortungsbewussten Haltung gegenüber der gesellschaftlichen und kulturellen Wirklichkeit" in Philosophie, Sozial- und Naturwissenschaften. Neben den theoretischen Inhalten gibt es Praktika in Umfang von mindestens 35 Wochen. Voraussetzung für den Besuch der PABO ist die Fachhochschulreife.

Für Migrantenkinder von zwei bis fünf Jahren mit Sprachdefiziten wurde das Modell der vor- und frühschulischen Bildung entwickelt, um ihre Chancen zu verbessern. Die Durchführung dieser Programme ist Aufgabe der Kommunen, die dafür Mittel von der Zentralregierung bekommen. In Zusammenarbeit mit Kinderkrippen, Minigruppen, Elternorganisationen, Vereinen, Sozialämtern und Kinderärzten werden Kontakte zu den Eltern aufgenommen, um sie in persönlichen Gesprächen in ihrer Muttersprache zur Teilnahme zu motivieren. Ziel des anspruchsvoller Programms ist, dass alle Kinder spätestens im dritten Schuljahr der Basisschule über ausreichende niederländische Sprachkenntnisse verfügen.

Aus: Zeitschrift der GEW Hessen "HLZ", Nr. 12/03

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