Theaterstücke kritisch gesehen
von Hans-Wolfgang Nickel
„Arme Ritter“ - eine rundum gelungene Kinderoper: interessante, wichtige Themen (Lesen und Realität, Rittertum und Gegenwart, Mädchen-Rolle, Freundschaft) in einer unterhaltsamen, eingängigen Geschichte voller szenischer Überraschungen, die staunen machen und zugleich die Geschichte weiterführen. Dazu eine intelligente Musik, die Musikgeschichte spiegelt und bis in die Gegenwart führt (Neuköllner Oper, ab 8 Jahren).- „Gewalt im Spiel“- eine emotional reiche szenische Untersuchung zu einem drängenden Thema; Einzelszenen zwischen kindlicher Lust und feiger Perfidie von Erwachsenen, durch szenischen Rhythmus miteinander verbunden. Das Stück „über die alltägliche Gewalt auf der Suche nach Liebe, nach Leben“ denunziert nicht einfach die bösen Täter, ist keine bloße Abspiegelung, sondern realisiert Szenen voller analytischer Kraft mit reichhaltigen Gesprächsangeboten für die Nachbereitung (dazu ein vorzügliches Programmheft!; Theater Havarie, ab 14).- Immer wieder zu empfehlen ist Theater Rambazamba in der Kulturbrauerei. Mitreißende Spiellust, große Themen und ein großes Ensemble auf engem Raum, gebändigtes Chaos und intensive Konzentration, Konfrontation mit unvertrauten Welten - das sind die Charakteristika dieses Theaters. Während „Die Schöne und das Monster“ in Anlehnung an das bekannte Märchen (in einer wenig bekannten Fassung!) die Fülle von Farben und Formen in eine klare, berührende Geschichte einbindet, ertrinkt „Macunaima“ in Anspielungen, Assoziationen, Verwandlungen, Verweisen; mir jedenfalls gelang es nicht, einen nacherzählbaren Inhalt zu finden. Trotzdem: ein Besuch bei Rambazamba lohnt allemal (auf jeden Fall ab Sek II, bei Vorbereitung auch wesentlich früher). - Die „Electronic City“ in der Schaubühne spielt zwischen Realität und Fiktion. Der intelligent-elegante, spielerisch-witzige Dialog verlockt zu Gespräch und Diskussion, wird aber leider „bereichert“ durch ausführliche Filmaufnahmen, die weitere Realitätsebenen einspielen, sodass, denke ich, schließlich auch die Macher ihre Konstruktion nicht mehr verstehen und nicht mehr wissen, welche Geschichte sie eigentlich erzählen. Trotzdem interessant (ab Sek II). „Forever Young“ in der Volksbühne ist ein Zwitter mit dem großen Anspruch einer politischen Aussage. Einerseits brillante Schauspielereien, häufig in Großaufnahme über Video, viele Einfälle, aktuelle Einsprengsel, interessante Konfrontationen, virtuose Theaterei; andererseits weder Geschichte, noch Atmosphäre oder Thematik, in die sich die Wirrnis einordnen oder aus der heraus sie sich diskutieren ließe. Letztlich Leerlauf.- Niko and the Navigators spielen streng ästhetisch durchstilisiert, improvisationsnahe mit besonderer Wachheit Ausschnitte aus erkennbarer Gegenwart – mit wenigen, aber klar gesetzten Mitteln – eine Erholung gegenüber dem lautstarken Warenhaus-Theater mit seinem Über-Reizangebot. Zu erleben war das wieder bei „Kain wenn & Abel“ in den Sophiensälen (ab Sek. II).- Das Prime Time im Wedding realisiert mit minimalen Mitteln auf engstem Raum zündendes Gegenwarts-Theater; halb Soap, halb Parodie; witzig-unterhaltsam, nahe an der Improvisation; genau beobachtete Realität mit einem Schuss Ironie und kabarettistischer Übertreibung - eine echte Bereicherung, die man/frau sich nicht entgehen lassen sollten (ab 14). |