Theater und Schule – Theater kritisch gesehen
von Hans-Wolfgang Nickel
Schulen werden wirklich verwöhnt! Auch Rattle wird musikpädagogisch wirksam, öffnet die Philharmonie für das Musikfest „Junge Galerie“, ein Art Werkschau der radiosymphonischen Musikpädagogik. Viele der Gruppen (Klassen, Kurse, freien Schülerensembles), sicherlich sehr unterschiedlich im „Niveau“, waren nicht nur musikalisch tätig sondern reicherten ihre Präsentation auch szenisch an; manche waren freilich auch eingeschüchtert von dem für Arbeitsergebnisse und Werkstattaufführungen zu prächtigen Rahmen. Deutlich aber wurde, wie viel zu lernen ist in unmittelbarem Kontakt mit den „Großen“ und welcher Enthusiasmus, welcher Spielwitz dabei frei gesetzt wird.-
Dann die große „Tusch-Ernte“ in der Pumpe: Theater (vielfach mit musikalischen Mitteln!), immer wieder übervolle Säle, kleine und große Spielgruppen, viele unterschiedliche Formen: dreimal so viele Schulen wie im Jahr davor, doppelt so viele Theater. Besonders eindrucksvoll die unterschiedlichen Welten, die anderen Kulturen - afrikanisch, indisch, russisch - der Berliner Reichtum wird deutlich und kann sich artikulieren, findet eine Stimme, findet Botschaften, Ausdruck, auch eine Reibungsfläche für (Vor-)urteile und Annäherungen.-
Außerdem gab es interessante, problematische, mitreißende Premieren. „Rapunzel“ im Carrousel ist arg schematisch inszeniert: die böse Hexe nur schrill-gefährlich, der Diener nur trottelig bemüht; dabei ist der Text zu dem bekannten Märchen viel reicher angelegt: Einsamkeit, Treue, Armut und Reichtum, Geburt und Tod werden thematisiert. Der Besuch lohnt also trotzdem, zumal viel Überraschendes zu sehen ist.-
„Marx und so“ zeigt das Theater des Lachens als Gastspiel im Grips-Theater (Werkstatt), – eine wichtige Ergänzung des Grips-Repertoirs und ein Beispiel dafür, wie kooperativ die Berliner Kinder- und Jugendtheaterszene ist. Der historische Marx wird gezeigt, seine Lebensgeschichte, seine Ansichten, sein Verhältnis zu uns heute – das alles nicht als Vortrag und nicht als simple Dokumentation, sondern als spielerisch-ironisches Theater – freilich mit einigem Anspruch an seine ZuschauerInnen. Unbedingt empfehlenswert ab 10. Klasse, vor allem für PW- , Geschichts-Kurse/Klassen und Theatergruppen! -
Im Hackeschen Hoftheater „Wege ins Paradies“, eine Montage von Liedern und Legenden osteuropäischer Juden, also keine einfache Reihung, sondern szenischer Zusammenhang, Aufspüren von Korrespondenzen, Einblick in eine fremd-vertraute Welt. Die wie selbstverständlich musizierten Lieder sollten vorbereitet werden (kurze Einführung in das Jiddische), die deutsch erzählten Legenden sind direkt verständlich; ihr besonderes Ethos wirkt wie ein notwendiger, heilsamer Kontrast zu den eventhaft aufgestylten Banalitäten der Gegenwart (ab Sek II, bei Vorbereitung auch früher).-
„Kokain“ in der Volksbühne: viel Atmosphäre, aber kaum etwas zu verstehen. Nur etwas für Experten; als Exempel für Verwirrung durch Drogen. Für mich eine unnötige Aufführung. Auch die 168 Seiten Programmbüchlein helfen nicht weiter. -
„Lulu“ in der Schaubühne bleibt sehr dicht an Wedekind, zeigt großes Theater, ein weitgespanntes Lebensschicksal bis in den Abstieg hinein, schauspielerisch voller Qualitäten und gut geführt. Allerdings wird nicht klar, warum dieses Stück heute und so gespielt wird. Empfehlenswert also nur bei besonderer Nähe zu Thema oder Autor.-
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